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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-07-13 · Heft 28 (13.7.1894) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 28 (13.7.1894)
Date
1894-07-13
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 zugleich mit dem Wunsche, daß wie bisher so auch ferner Eintracht und Frieden unter Allen herrschen möge, die zur Leitung der Gemeinde und ihrer Führung berufen seien. Bon den vor fünfundzwanzig Jahren gewählten Männern haben ununterbrochen die Herren Julius Kauffmann, Jsaac Hirsch und Kommerzienrath Adolph Molling, die jetzt Mitglieder des Vorstandes sind, der Gemeindeverwaltung angehört, und sie haben au diesem Tage gleichzeitig ihr Jubiläum als Gemeindegewählte gefeiert, während Herr Rechtsanwalt Benfey I bereits vor einiger Zeit auf eine sünsundzwanzigjährige Thätigkeit zurückblicken konnte. Ein Festmahl, zu welchem auch die Gemeindeangestellten als Gäste geladen waren, verlief in gehobenster Stimmung. Koblenz, 8. Juli. Der fünfte Bericht der Israelitischen Heil- und Pflegeanstalt für Nerven- und Gemüthskranke zu Sayn bei Koblenz am Rhein ist erschienen und hat, da der letzte Bericht mit dem Jahre 1890 abschloß, dieses Mal ein besonderes Interesse durch den Nekrolog über den in die Berichtszeit fallenden Tod des Gründers und langjährigen Leiters der Anstalt, Herrn Meyer Jacoby. Dieser eigenartige Mann, seinem Berufe nach Kaufmann, hat das Motiv zu der durch ihn erfolgten Gründung einer streng konfessionell israelitischen Heilanstalt wie folgt selbst angegeben: „Ich hatte oft gehört, daß die in streng jüdischen Häusern ausgewachsenen Nervenkranken nur mit Widerwillen nicht koschere Kost genießen, daß sie solche Nahrung wohl ganz verweigern oder sich durch den Genuß der Speisen zu versündigen glauben, daß sie namentlich von weniger gebildeten Patienten und Wärtern wegen ihres Glaubens gehänselt werden u. s. w. — Umstände, die Nerven- und Gemüthskranke gewiß ungünstig beeinflussen müssen." Meyer Jacoby wurde von einsichtigen Aerzten und Rabbinern unterstützt und erhielt am 17. November 1870 hier von der Kgl. Regierung die Konzession. In den ersten Jahren liefen nur wenige Aufnahmegesuche ein, da die Anstalt in weiteren ärztlichen und jüdischen Kreisen noch nicht bekannt genug war. Jacoby verlor aber den Muth nicht, er entsagte nach und nach seinen Berufsgefchäften und widmete seine ganze Kraft der Anstalt, welche noch bei seinen Lebzeiten bedeutend vergrößert wurde. Die Anstalt enthält heute ein Hauptgebäude mit Speisesaal, Synagoge, Wohnung für ruhige Herren, die leicht verstimmt sind, Kolonade, Gewächshaus, Arbeitssaal, Oekonomiegebäude, Gartenanlagen, Karpfenteich und die verschiedenen Abtheilungsbauten für Geisteskranke. Das Areal der Anstalt hat jetzt eine Ausdehnung von ca. 18 Morgen. — Der Gottesdienst in der Anstaltssynagoge hat in der seit Längerem bewährten Weise fortdauernd regelmäßig stattgefunden. Selbst diejenigen, denen der Gottesdienst frühergleichgiltig war, besuchen gern die Synagoge. — Die in Sayn in den letzten drei Berichtsjahren Aufgenommenen waren der Nationalität nach, aus Deutschland 124, aus Holland 16, aus England 5, aus Oesterreich-Ungarn 4, aus Rußland 3,aus Belgien 3, aus der Schweiz 1. Die Bibliothek der Anstalt wurde dem Bedürsniß der Patienten entsprechend vergrößert, auch erhalten die Patienten die Lokalzeitungen ihrer Heimath — deutsche, französische, englische, holländische und russische Blätter — die sie sich ev. austauschen. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer war 1893 für männliche Kranke 307 Tage, für weibliche Kranke 285 Tage. Die Sterblichkeit war eine verhältnißmäßig geringe, sie betrug in der Berichtsperiode im Durchschnitt 4,45 Prozent gegen 4,44 Prozent im Jahre 1889. Die Anstalt besitzt auch eine Kinderabtheilung, die indeß bisher nur pekuniäre Nachtheile gebracht hat. Die meisten Aufnahmegesuche gehen von unbemittelten Leuten aus, welche in Folge ihrer Beschäftigung ein geistig und körperlich zurückgebliebenes Kind gern in einem Institut unterbringen möchten, während besser situirte Familien ihr idiotisches Kind zu Hause behalten und in der Lage sind, demselben ein besonderes Zimmer einzuräumen und eine eigene Wärterin zu nehmen. Für die Wissenschaft von Werth sind die Notizen des Berichts über Erblichkeit. Familienanlage zu Psychosen u. s. w, konnte mit Sicherheit nachgewiesen werden bei 44 Männern und 38 Frauen, zusammen bei 82 Kranken also bei 52,6 Prozent aller Aufgenommenen. — Wir resumiren, daß gerade in heutiger Zeit solcheisraelitische Heil-Anstalten ein dringendes Bedürsniß sind. Die Anstalt in Sayn wurde infolge einer Gelegenheitsursache begründet, andere werden folgen Oesterreich - Angarn. □ Wien, 9. Juli. Die Studenten-Demonstrationen, von denen Sie bereits in der vorletzten Nummer des Blattes berichtet, haben nun ein Ende gefunden, nachdem die jungen Herren ernste Vermahnungen erhielten. Professor Nothnagel hat seine Vorlesungen wieder eröffnet. — Gestern um 4 Uhr Nachmittags fuhren vier Vertreter des akademischen Vereins „Kad imah ", zwei Vertreter des „Kruzek Studenstow iz Ros»ii“ und drei Vertreter der freisinnigen Finkenschaft vor der Wohnung des Hofrathes Nothnagel vor, um die von 1020 Unterschriften freisinniger Studenten gefertigte, künstlerisch ausgefertigte Adresse zu überreichen. Hofrath Nothnagel empsing die Abordnung aufs Freundlichste. Der Präses der „Kadimah", eand. jur. Phil Menezel, stellte die einzelnen Herren vor, worauf cand. med. Vierer das Wort ergriff, um Namens der auf der Adresse Unterzeichneten Studentenschaft das Bedauern darüber auszusprechen, daß die jüngsten Vorgänge gerade an jener Stätte arrangirt wurden, an welcher ein solcher Lehrer und Meister beit Ruhm der Wiener medizinischen Fakultät mit aufrecht erhält und in jenem Hause über dessen Thore die Worte des größten Schätzers und Freundes der Menschen prangen. Um so trauriger seien die letzten Demonstrationen deshalb gewesen, weil sie sich gegen das edelmüthige Eintreten Nothnagels für bedrückte Menschen, für Recht und wahre Menschlichkeit wandten. Der Redner schloß, indem er dem Professor die Gefühle unverbrüchlicher Anhänglichkeit und dankbarer Verehrung zum Ausdruck brachte und die Versicherung aussprach, daß die freisinnige Studentenschaft stets jenen Weg wandeln werde, den ihnen Nothnagels Persönlichkeit so markant vorzeichne: den Weg der wahren Bildung und des Fortschrittes. Sehr bewegt erwiederte hierauf Nothnagel mit folgenden Worten: „Meine lieben und treuen Schüler! Ich danke Ihnen herzlichst für die warmen Worte, die Sie mir gewidmet haben. Was ich thue und gethan habe, war meine Pflicht. Soweit meine Erinnerung zurückreicht, habe ich nicht anders gehandelt, als aus innerer Ueberzeugung, die mir sagt: Ich.habe in dem Menschen nur den Menschen zu schätzen und nur den schlechten Menschen zu verdammen. Ich bin ein Deutscher und hänge an meinem Vaterlande mit allen Fasern meines Herzens, aber mit gleicher Liebe umfasse ich alle Menschen ohne Unterschied der Nationalität, des Stammes oder der Konfession. Sie wissen es, meine lieben Schüler, ich hänge mit Lust und Liebe an meinem Lehramte und tradire, was ich von meinen Vorgängern übernommen und durch eigene Erfahrungen vermehrt habe, um tüchtige Aerzte heranzuziehen. Ueber die letzten Vorgänge lassen Sie mich schweigen. Ich kann auf der Klinik, die eine streng wissenschaftliche Stätte ist, die Humanität nicht lehren, aber ich hoffe trotz der üblen Erfahrungen, daß auch jene jungen Männer, die jetzt so unduldsam sind, zur Einsicht kommen und erkennen werden, daß wahre Menschlichkeit der Leitstern aller Handlungen sein muß. Ich lyerde mein Lehramt auch ferner mit derselben Liebe zu meinem Fache und zu allen meinen -Schülern ausüben. Sie werden meine wahren treuen Schüler sein, wenn auch Sie die Grundsätze der wahren Humanität in Ihrem weiteren Leben hegen und pflegen werden!" — Gestern Abend fand eine Komiteesitzung der zu errichtenden „Jüdischakademischen Lesehalle" statt. Die Lehrer haben in den Bezirksschulrath die freisinnigen Kandidaten Direktor Zeus und Oberlehrer Katschinka gewählt. Gleichfalls in Sache der Bezirksschulraths-Wahlen fand in der Gemeinderathssitzung vom 6. Juli wieder ein kleiner Skandal statt: Vor dem Erkenntnißgerichte unter Vorsitz des Landesgerichts- Vizeprästdenten Dr. v. Holzinger war jüngst ein Artikel Gegenstand der Verhandlung, den der Herausgeber der „Oesterreichischen Wochenschrift", Abgeordneter Dr. Bloch, in Nr. 17 seines Blattes unter dem Titel „Die Judenmordpredigten in der Kirche zu Weinhaus" hatte erscheinen lassen. Dieser Artikel war konfiszirt worden, weil die Staatsanwaltschaft in ihm Angriffe auf die katholische Kirche, die Geistlichkeit und auf ein religiöses Dogma erblickte. Dr. Bloch hatte gegen diese Konfiskation Einspruch erhoben, den in der heutigen Verhandlung der Vertreter der Anklagebehörde Staatsanwalt-Substitut Baron Distler jedoch abzuweisen beantragte. Der Gerichtshof gab dem Einspruch Folge und hob die Konfiskation auf mit der Begründung: Es seien wohl einzelne Päpste, nicht aber das Papstthum angegriffen, es sei Kritik an einigen Kirchenvätern geübt, aber nicht die katholische Kirche beleidigt worden. Der Staatsanwalt behielt sich die Berufung gegen das Erkenntniß vor. — In diesen Tagen wurde auf Verfügung der Wiener Staatsanwaltschaft der in letzter Zeit vielgenannte Herausgeber der „Kritischen Revue", Hermann Gaider, verhaftet, derselbe, der dem antisemitischen Reichsrathsabgeordneten Kaiser die falschen Daten zu seinen Angriffen auf die „Riuniane Adriatica“ gegeben und am 3. d. M. in

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