Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1894)
- Date
- 1894-07-13
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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vergingen, bis ein Berliner Fabrikant vor seinen König hintreten und auf Anfrage ohne Prahlerei sagen durfte: „Ich bin der Liebermann!, was die Engländer von dem Kontinent verdrängt hat." Das war der Kommerzienrath Liebermann, dessen Geschäft unter Leitung seiner Nachkommen, welche jetzt die Liebermann-Stiftung ins Leben gerufen haben, einen bewunderungswürdigen Aufschwung genommen hat. Es verlohnt in heutiger Zeit, da man den Juden die Leistungsfähigkeit auf technischem Gebiete entweder ganz abzusprechen oder zu verkleinern sucht, daran zu erinnern, daß bereits vor 25 Jahren ein illustrirtes Weltblatt „Aus Deutschlands großen Jndustriewerkstätten" diese von einem jüdischen Industriellen begründete Fabrik um ihrer intelligenten Leitung willen hervorhob und das erwähnte geschichtliche Bonmot des alten Liebermann gegenüber Friedrich Wilhelm IV. als wahr verbürgte. So seien denn hier zum Gedächtniß der verstorbenen Stifter auch jene vor 25 Jahren geschriebenen Schlußworte reproduzirt: „Stets zur Hilfe bereit, für alle humanistischen Bestrebungen opferfreudig, ist der Chef des Hauses Liebermann einer der ehrenwerthesten Repräsentanten der deutschen Industrie, der er zur Zierde gereicht." Die eigentliche Seele der mit der Zeit fortschreitenden Kattunfabrikation ist der Kolorist, dessen Aufgabe es ist, die verborgenen Geheimnisse der Farben zu ergründen und tu der chemischen Farbenküche immer neue Zusammenstellungen zu erfinden. So mag es denn kein Zufall sein, daß der Sohn des kürzlich verstorbenen Chefs dieser Kattunfabrik, Louis Liebermann, der berühmte Maler Max Liebermann ist und daß der Professor der Chemie Liebermann der Schöpfer von Farben geworden ist, welche auf chemischem Wege gewonnen, den Nationalreichthum des deutschen Volkes nach einet jüngst veröffentlichten Zusammenstellung jährlich um mehr als ein Dutzend Millionen vermehren helfen, denn auch dieser Liebermann ist einer, „was verdrängt hat die Engländer von dem Kontinente." Lp. Aus der Provinz Posen, 6. Juli. Der Kaufmann Adokf Salomon in Pudewitz hat der jüdischen Gemeinde daselbst ein Geschenk von 2000 Mark überwiesen mit der Bestimmung, diesen Betrag zut Instandsetzung des Friedhofs zu verwenden. Durch diese Gabe ist die Gemeinde in die Lage versetzt worden, einen von derselben schon lanA empfundenen Uebelstand abzustellen. — Für den 1. Juli er. ist von dem deutschsozialen Reformverein in Schneidemühl ein Sommerfest if§ Schützenhause daselbst geplant gewesen. Dasselbe ist aber von der dortigen Polizeiverwaltung untersagt worden. Der betreffende Bereiü hat sich deshalb beschwerdeführend an das Ministerium gewandt. — Schlechte Geschäfte hat der antisemitische Abgeordnete L e u ß in Thorst und dem angrenzenden Städtchen Podgorz gemacht. Derselbe hat in voriger Woche im „Hotel zum Kronprinzen" in Podgorz einen Vortrag gehalten, der von etwa 15 Personen besucht war, und der am darauffolgenden Tage im Schützenhause zu Thorn angesetzte Vortrag mußte überhaupt ausfallen, da er nicht polizeilich angemeldet war. — Eine füt antisemitische Heißsporne lehrreiche Privatklagesache spielte sich Ende Juni er. vor dem Schöffengericht Marien bürg ab. Pfarrer Henris aus Schadwalde befand fich mit einem dortigen Wagenbauer im CiviEprozeß wegen eines Wagens, und es hatten beide Parteien zur gerichtlichen Verhandlung Vertreter angenommen. Vor dem Termine traf der- Pfarrer mit dem Wagenbauer zusammen, und als er den Namen von dessen Vertreter hörte, rief cr aus: „Was, den Rechtsanwalt K., den Juden, haben Sie genommen?" Der Wagenbauer verfehlte nicht, diesen aus dem Munde eines Geistlichen recht seltsam klingenden Worten gegenüber seiner Entrüstung Ausdruck zu geben und Herrn Rechtsanwalt K. davon Mittheilung zu machen. Derselbe strengte die Privatklage an- Pfarrer Henrici will die Worte nicht als Beleidigung gelten lassen, während der Wagenbauer erklärte, sie als solche aufgefaßt zu haben. Das Gericht schloß sich letzterer Anschauung an und verurtheilte den Pfarrer Henriei zu 50 Mark Geldstrafe und den Kosten des Verfahrens. U Ratibor, 2 Juli. Die letzte Nummer Ihres Blattes bringt eine dem „Oberschlefischen Anzeiger" entnommene Notiz, wonach die fünf Kinder des hiestgen jüdischen Kaufmanns K. das Sakrament der Taufe empfangen haben. Gestatten Sie mir. Ihnen mitzutheilen, daß Herr K. in Mischehe mit einer Christin lebt, die Kinder demngK nach jüdischem Religionsgesetz, das den Glauben der Kinder nach dem Bekenntniß der Mutter regelt, ^rie Juden gewesen sind. Die auf Betreiben der katholischen Mutter in Abwesenheit des Vaters erfolgte Taufe bedeutete also keinen Austritt aus dem jüdischen Bekenntnisse, sondern war nur eine allerdings verspätete kirchliche Sanktionirung des durch die Mischehe bedingten christlichen Glaubens der Kinder. a. Moschin, 8. Juli. Am 18. v. Mts. starb hier der Kantor Danischewski im Alter von 48 Jahren, wodurch unsere Gemeinde einen herben Verlust erleidet. Derselbe hat durch seinen Vortrag unsere Andacht sehr zu heben verstanden und bewährte sich auch als tüchtiger Religionslehrer. Um den Neubau unserer Synagoge hat er sich besonders verdient gemacht, indem er nicht nur sich dabei sehr hilfreich und eifrig bewies, sondern auch durch seine eigene Handfertigkeit dem Tempel einen herrlichen Schmuck in Form mehrerer von ihm selbst kunstvoll ausgeführter Tafeln verlieh. Sein Andenken wird in allen hiesigen Kreisen, auch den nicht jüdischen, hoch geehrt, was fich auch durch die zahlreiche Betheiligung bei seiner Beerdigung kund gab. © Leipzig, 9. Juli. Der hiesige Samariter-Verein verfolgt unstreitig nur edle Zwecke; jeder Edeldenkende fördert ihn daher gern durch persönliche Beihilfe oder durch Geldbeiträge; seinen Satzungen nach steht jedem Unbescholtenen, mag er Christ, Muhammedaner oder Jude sein, der Beitritt offen. Um so peinlicher muß es daher berühren, wenn der Versuch gemacht wird, auch diesen Verein zur Stätte antisemitischer Agitation zu machen. Ein junger Mann (Jude), Angestellter in einem hochachtbaren hiesigen Engroshause, trat in Folge der an ihn ergangenen Aufforderung des Samariter-Vereins demselben als thätiges Mitglied bei, machte einen Unterrichtskursus durch und wurde zur Konstituirung einer neu zu begründenden Abtheilung von dem Vorstand schriftlich eingeladen und hierauf in Pflicht genommen. Tags darauf erschien bei ihm ein beauftragtes Mitglied und machte ihm die Mittheilung, daß andere Mitglieder dieser Abtheilung an seinem Eintritt Anstoß nehmen, da er Jude sei, und ihn deshalb ersuchen ließen, der Abtheilung fern zu bleiben. Ist das eine SamariLer-That? Heißt das nicht die Juden von guten Werken abhalten? Hoffentlich erfüllt sich die in einem „Eingesandt" des „Leipziger Tageblatt" ausgesprochene bestimmte Erwartung, daß der Samariter-Verein als solcher, sowohl eingedenk seiner Satzungen, als im Interesse der guten Sache, in seiner Mitte Bestrebungen nicht aufkommen lassen wird, welche seinen Tendenzen schnurstracks zuwiderlaufen. L. Hannover, im Juli. Unsere Gemeinde hatte in den sechziger Jahren an Zahl der Gemeindemitglieder derart zugenommen, daß eine Aenderung in der bisherigen Verwaltung durch einen Vorstand und durch Abstimmung in offener Gemeindeversammlung sich als nothwendig herausstellte. Der Entwurf, wonach 12 pon der Gemeinde gewählten Repräsentanten im Vereine mit dem aus 5 Mitgliedern bestehenden Vorstand die Entscheidung in allen Angelegenheiten zustand, und nur in besonderen Fällen die Gesammtgemeinde gehört werden sollte, fand die Genehmigung der Behörde, und im Mai 1869 wurde diese neue Ordnung, die damals hier und dort auf Widerstand stieß, durch Wahl der Repräsentanten eingeführt. Der Vorstand wollte die fünfundzwanzigjährige Wiederkehr dieses für unser Gemeindeleben wichtigen Tages nicht ganz unbemerkt vorübergehen lassen und veranstaltete am 29. v. M. eine Jubiläumsfeier, die sich aber nur in dem engen Kreis des Vorstandes und der Repräsentanz vollzog, und von der die größere Zahl der Gemeindemitglieder erst durch die Predigt am darauf folgenden Sabbath erfuhr. Die zur Feier anberaumte Sitzung der beiden Körperschaften, zu der auch der Landrabbiner eingeladen war, wurde vom ersten Vorsteher, Herrn Julius Kauffmann mit einer der Bedeutung "des Tages angemessenen Ansprache stimmungsvoll eröffnet, in der er einen Rückblick auf die Thätigkeit im abgelaufenen Vierteljahrhundert und auf die Entwickelung unserer Gemeinde warf und, unter Würdigung der Verdienste des verstorbenen Geheimen Kommerzienrath Louis E. Meyer, den von der Gemeinde zum Nachfolger erwählten Sohn des Verstorbenen, Herrn Emll L. Meyer, als Vorstandsmitglied einführte. Herr S. Oppenheimer, der Vorsitzende des Repräsentantenkollegiums, feierte das einträchtige Zusammengehen der beiden Kollegien, so daß in der ganzen Zeit nur einmal anläßlich des Baues der Religionsschule eine allgemeine Gemeindeversammlung einberufen wurde. Herr S. Neuberg gedachte der Männer, die in diesem Kreise gewirkt und denen es nicht vergönnt, diesen Tag mitzufeiern; zur Ehrung und in dankbarer Anerkennung ihrer Wirksamkett erhoben sich,, auf Aufforderung des Redners, die Anweswden von ihren Sitzen. Zum Schluffe dankte Herr Landrabbiner Dr. Gronemann für die an ihn ergangene Einladung, diesem feierlichen Akte beizmvohnen.