Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1894)
- Date
- 1894-07-13
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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- 4 dem Ehrenbeleidigungsprozesse gegen den Versicherungsbeamten Pollitzer falsche Aussagen vor Gericht gemacht hatte. Gaider stand wegen der Letzteren Affaire in landesgerichtlicher Untersuchung und hat sich nun selbst fluchtverdächtig gemacht. Er schrieb nämlich in den letzten Tagen an den Direktor der Versicherungsgesellschaft „Phönix", Dr. James Klang, einen Brief, worin er um 1000 fl. zur Uebersiedlung nach Amerika bat. Die Staatsanwaltschaft erhielt hiervon Kenntniß und verfügte die Verhaftung Gaiders. Gleichzeitig mit der Verhaftung erfolgte eine Durchsuchung der Wohnung Gaiders in der Amerlingstraße. Die Untersuchung gegen den Verhafteten ist auf die Verbrechen der Erpressung und des Betruges gerichtet. Worauf die Anklage des Betruges sich gründet, das hat in der bezirksgerichtlichen Verhandlung Gaider wider Pollitzer der Richter unzweideutig erklärt. Gaider hatte in Abrede gestellt, sich um den Posten eines Generalsekretärs bei der „Rhinione Adriatica“, derselben Gesellschaft, die er später angriff, beworben zu haben, diese allerdings vergebliche Bewerbung wurde ihm in der erwähnten Gerichtsverhandlung aber nachgewiesen, und als dies geschehen war, erklärte der Richter: „Er ststire das ganze Verfahren, da hier seitens des Klägers und Zeugen Gaider eine Unwahrheit vorliege, die sich als Verbrechen qualifizire. Es werde daher der Akt an die Staatsanwaltschaft geleitet und Gaider wegen Betruges, begangen durch eine falsche Zeugenaussage, in Anklagezustand versetzt." E. B. Budapest, 2. Juli. Der Minister Bela Lukaes ergriff in der Festsitzung des israelitischen Ackerbau- und Handwerkervereines nach dem Festvortrage des Abgeordneten Dr. A. Neumann das Wort, um in bezeichnenden Worten die Haltung zu skizziren, welche die ungarische Regierung Bestrebungen und Zielen gegenüber einnehme, wie sie der jubilirende Verein verfolge. „Die Regierung", sagte der Sprecher, „und so weit es sich um die Pflege der materiellen und gewerblichen Interessen handelt, ich in erster Reihe, hegen das wärmste Interesse für jede gesellschaftliche Thätigkeit, welche aus eigener Kraft emporgewachsen, sich auf geistigem und materiellem Gebiete bemerkbar macht. Das Wirken Ihres Vereines legt Zeugniß davon ab, daß Arbeit und Fleiß in diesem Lande fruchtbaren Boden finden und ihre ganze Kraft zu entfalten vermögen. Die Thätigkeit und der Bestand dieses Vereines sind die beste Gewähr dafür, daß auf ungarischem Boden ein Jeder, ohne Unterschied des Glaubens und des Standes, sein Fortkommen finden kann, und daß unter dem Schirme unserer gemeinsamen Freiheit bürgerliche Freiheit, bürgerlicher Gewerbssinn und rechtschaffenes Bestreben zur vollen Entwickelung zu gelangen vermögen." Mit einem Appell an den Patriotismus und mit dem Wunsche, daß alle Scheidewände fallen, jede egoistische Bestrebung verschwinden möge, schloß der ungarische Handelsminister unter den Cljen-Rufen der Anwesenden seine Dankes- und Beglückwünschungsansprache. Dem jubilirenden Vereine spendete Baron Albert Rothschild 1000 Kronen. — Die Repräsentanz des VI., die Gemeinden der Hauptstadt Budapest und des Pester Komitates umfassenden Distriktes hielt unter dem Vorsitze des -Landeskanzlei-Präsidenten Martin Schweiger ihre diesjährige Generalversammlung, welche nach der Wahl Sigmund Brodys zum Vorstandsmitgliede die Vorlagen des Präsidiums zur Kenntniß nahm. Hervorzuheben ist der Beschluß, laut welchem das Präsidium angewiesen wurde, bei der Regierung und eventuell bei der Legislative die Erhöhung der Staatssubvention von 10,000 auf mindestens 50,000 Kronen zu erwirken. Ein Antrag des Dr. Wilhelm Vazsonyi, der die Entsendung einer Kommission behufs Revision des Kongreßwahlstatutes,, verlangt, wird dem Präsidium zugewiesen, damit der Antrag in einer außerordentlichen Generalversammlung noch während der Mandatsdauer der derzeitigen Repräsentanten verhandelt werde. Die Einberufung des Landeskongresses wurde, trotzdem sich die vorjährige Generalversammlung für die sofortige Einberufung^ aussprach, fallen gelassen — Der Generalversammlung der Pester Chewra Kadischa wurde der Jahresbericht vorgelegt, welchem wir folgende Daten entnehmen. Zu Wohlthätigkeitszwecken wurden insgesammt 150.000 Kronen verwendet. Davon entfallen auf Gratisbestattungen 50,000, für das israelitische Spital 30,00h, für das neue, mit dem Köstenaufwande von 250,000 Kronen erbaute Versorgungshaus 30,000 Kronen u. s. w. Nach den Schlußrechnungm betrugen die Einnahmen 371,852, die Ausgaben 288,400 Kronen. — Der Maler Anton Zilzer, den die Expo8itione concorso internationale jetzt durch Ertheilung des ersten Preises, des großen goldenen Berdienstkreuzes, auszeichnete, malt im Aufträge der Pester israelitischen Religionsgemeinde das Bild des Oberhausnntgliedes Dr. Ignaz Hirschler, der Präsident der Gemeinde und des Landeskongresses war. — Der König zeichnete den Kaufmann Felix Neuberger durch Erhebung in den Adelsstand, den Grundbesitzer Wilhelm Felder und den Kaufmann Isidor Weiß durch Verleihung des Ritterkreuzes des Franz- Josefs-Ordens aus. Rußland. F. Warschau, 6. Juli. Bekanntlich ist doch den Juden in Rußland nur das Wohnen innerhalb des Ansiedelungsrayons erlaubt, und ein Knabe ist im Stande, diejenigen Israeliten zu zählen, welche vor dem herrschenden Gesetze eine Vergünstigung erfahren. Nur Juden, die sich durch den Militärdienst unter dem Zaren Nikolaus das Recht erwirkt haben, überall im weiten Zarenreiche wohnen zu dürfen, bilden eine Ausnahme; denen ist es gestattet, auch jetzt überall in dem Lande des Selbstherrschers aller Reußen wohnen zu dürfen. Dieses Recht erwirkte der russische Jude damals nach 25jährigem Militärdienst. Man kann es sich lebhaft denken, daß es nur sehr wenige dieser ergrauten Juden giebt. Dem „Warszawski dnewnik" zufolge hat nun eine junge, blühendhübsche, reiche Dame in Orjol (Gouvernementsstadt) sich für 75 Rubel einen Ehegatten gekauft. Der Greis besitzt in Folge seines ehemaliges Dienstes das Recht, in Orjol wohnen zu dürfen. Durch die Heirath mit dem auf dem Krankenlager dahinsiechenden ausgedienten Soldaten hat nun die junge jüdische Dame sich das Recht des Aufenthalts in Orjol für Zeitlebens erworben, ein Umstand, der ihr bei dem guten Gang ihres Geschäftes äußerst nothwendig erschien. Der Zweck, im täglichen Kampfe ums Dasein nicht unterzugehen, heiligt das Mittel der hier geschlossenen Ehe. Von Nah und Fern. ---- Der Privatdozent Dr. S. Kalischer ist zum Dozenten an der technischen Hochschule Charlottenburg befördert worden. — Zum Andenken des Gemeinde-Repräsentanten und Stadtverordneten Louis Liebermann haben seine Erben dem Magistrat von Berlin zur Begründung einer Louis Liebermann-Stiftung 50,000 Mark überwiesen. Zu dieser Summe hat der Miterbe Dr. Felix Liebermann den gleichen Betrag zugefügt. Die Zinsen aus diesen 100,000 Mark sollen zwar der Regel nach an jedem 29. April zur Bertheilung gelangen, ausnahmsweise jedoch bei besonders dringenden Fällen auch zu anderen Terminen. Für jede Zuwendung bestimmten die Erben 100 bis 1000 Mark. Bei der Auswahl der zu berücksichtigenden Personen soll deren religiöses Bekenntniß nicht in Frage kommen. Vorzugsweise sollen Unterstützungen zur Aushilfe oder Begründung einer wirthschaftlichen Existenz, zur Aussteuer bei der Verheirathung, zu einer unumgänglichen ärztlichen Kur hier oder außerhalb Berlins oder zur Ausbildung hervorragend Begabter in Kunst und Wissenschaft verliehen werden. — Der durch seine juristischen Schriften bekannte Landrichter H. Peiser, der seit 1886 am Landgericht Könitz thätig war, ist am 1. Juni d. I. an das Amtsgericht zu Danzig versetzt worden, woselbst derselbe zum „Amtsgerichtsrath" ernannt wurde. — Rabbiner Dr. Cohn in Wreschen wurde in Rawitsch zum Rabbiner gewählt und wird wahrscheinlich noch vor dem 1. Oktober d. Js. sein neues Amt antreten. Dr. Cohn amtirte in Wreschen seit 1883. — Der Kaiser von Oesterreich hat den Privatdozenten an der Universität in Wien, Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. Robert Zuckerkandl, zum außerordentlichen Professor der politischen Oekonomie an der deutschen Universität in Prag, und den in der technischen Abtheilung der Post- und Telegraphen-Centralleitung in Verwendung stehenden Baurath Joseph Kareis zum Oberbaurath bei der Post- und Telegraphendirektion in Prag ernannt. Oberbaurath Joseph Kareis gilt als eine Autorität im elektrotechnischen Fache. — Die Universität zu Budapest hat dem Unterrichtsminister zwei jüdische Dozenten zugleich als ordentliche Professoren prima loco vorgeschlagen: Dr. Ignatz Goldzieher für orientalische Sprachen und Dr. A. Schwarz für Strafrecht. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauckwitz in Berlin.