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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-07-13 · Heft 28 (13.7.1894) · p. Seite 336

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 28 (13.7.1894)
Date
1894-07-13
Page
Seite 336 (sequence 12)
Language
German
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336 ließ sich in eine lange, gut eingebiiffelte Disputation über die ersten Zeilen des Abschnittes „Wajikru" ein. Der Vater rieb^ befriedigt die Hände, die entzückte Mutter befand sich im siebenten Himmel. „Glücklich bist D», Mirjam," wiederholten die Nachbarinneu,' „Du hast einen Sohn, welcher wird sein ein Lamden (Gelehrter)."' Mirjam dankte thränenden Auges dem Himmel für dieses Glück und arbeitete weiter wie ein Ochse, um ihren Hoffnungen Nahrung zu bieten. Sie glich einem Gummiball und rollte in den Ebenen, jeder Schicksalsschlag warf sie in die Höhe, all' dies dank der ihr eigeiithümliche» Spannkraft.... Und der Gatte, der gottessürchtige und gottesgelehrte Reb Mendel, drehte seine Löckchen zu Schrauben; er besuchte jetzt, wie vorher, alle Festlichkeiten, die sich im Städtchen anläßlich einer Geburt, einer Hochzeit oder des Jahrestages eines Sterbcfalles ereigneten. Er sprach den Segen „mi sehe beracli“ oder das Gebet „UI mole rachmim“, trank Schnaps und bekam je einen Sechser zum Lohn. Seine Kinder gaben ihm nichts zu schaffen; manchmal ließ er sie am Samstag nach seiner Siesta ihre Lektionen hersageu; die Mutter konnte ihnen um so iveniger Zeit widmen, so lebten sie denn recht frei und unabhängig. Da aber die Kinder, die einander jedes Stückchen Brod aus dem Munde reißen, die uni ein warmes Winkelchen in der Stllbe oder um des Vaters abgetragenes Hemd zanken, in der Regel keine Liebkosungen oder Zärtlichkeiten für einander vorräthig haben, so lebte Jizchak, der als der jüngste von Allen gestoßen und unterdrückt wurde, gleichsam in einer Jsolirung, er drängte sich Keinem auf, schmiegte sich an Niemand und . konnte stundenlang träumend sinnen. Worüber? Dies erzählte er nicht, Einmal nur verrieth er sich vor Allen. Als er acht Jahre alt war, wagte er eines Tages etwas ganz Unerhörtes, er begann einen Disput mit dem Melamed selbst. ' „Rebbe," begann er mit bebender Stimme und flammenden Augen, „gestern habe ich gelernt von der Erschaffung der Welt, sagt mir Rebbe, wie konnte man aus Nichts Alles machen?" „Wieso? Wieso fragst Dti? Ich werde Dir sagen. Ja, ich kann Dir sagen. Dazu ist Gott ein Gott, um Alles thun zu können." „Dazu ist Gott ein Gott. So saget mir nur noch, Rebbe, wieso ist Gott geworden?" „Gaj dü Schajgez,“ rief er heftigi „Und merke Dir, Du Lump, über solche Sachen darf man nicht Nachdenken." «An solche Sachen darf man nicht denken," wiederholte Jizchak und sein Auge wurde matt. Er fragte nie mehr und wurde noch verschlossener. (Fortsetzung folgt.) Sprechsaal. Geehrte Redaktion! Nr. 25 der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" brachte einen Ergänzungsartikel des Herrn Sanitäts-Rath> Dr. Blumenthal, betreffend die in der Sitzung der Repräsentantenversammlung vom 3. Juni beschlossene Resolution wegen Einrichtung einer gynäkologischen Station im jüdischen Krankenhause, welcher bereits in der darausfolger,den Erwiederung des Herrn H. Blankenburg eine theilweise Berichtigung erfahren hat. Indessen sehe ich mich veranlaßt, noch einige aufklärende Bemerkungen hinzuzufügen. Schon in der bezeichneten Sitzung vom 3. Juni ist mitgetheilt worden, daß Frauen mit gynäkologischen Krankheiten im jüdischen Krankenhause Aufnahme finden und niemals abgewiesen werden. s Allein auf der chirurgischen Abtheilung wurden im letzten Etatsjahre von den aufgenommenen 296 Frauen 72, d. h. 25 Prozent an solchen Krankheiten behandelt, zum größten Theil durch Herrn Professor Dr Israel operirt und, wie die Entlassungs-Statistik ausweist, mit ausgezeichnetem Erfolge. Auch auf der inneren Abtheilung befand sich eine größere Zahl gynäkologischer Fälle, sodaß die Dringlichkeit der Errichtung einer solchen Station nicht anerkannt werden kann, zumal da Herr Sanitätsrath Dr. Blumenthal von einer Entbindungsanstalt absieht. Auch in der Poliklinik sind im letzten Jahre etwa 300 gynäkologische Fälle behandelt worden. Wenn der sehr geehrte Herr, welchem wir für das Interesse, daß er den Errichtungen des jüdischen Krankenhauses widmet, unseren vollen Dank darbringen, in einem Anfluge von Ironie sagt: „aber es fehle an Platz, da auch die Beamten vor Allem menschenwürdige Wohnungen haben müssen," so scheint er zu übersehen, daß allerdings Beamte, Aerzte, Wärter und Krankenpflegerinnen, welche ihren angestrengten Dienst bei Tag und bei Nacht zu versehen haben, nicht nur in ihrem, vielmehr im Interesse der Kranken, in hellen, gesunden Räumen untergebracht werden müssen, damit sie mit derjenigen Freudigkeit an die Arbeit gehen, welche ihr schwerer Beruf erfordert. Aber damit ist es im jüdischen Krankenhause recht, schlecht bestellt, und die Unterbringung des Personals in passende Wohnräume macht dem Vorstand viel Sorge. Der Vorschlag, syphilitische Kranke von der Aufnahme auszuschließen/ würde als eine große Härte zu bezeichnen sein. Ob andere Anstalten diese Kranken ausnehmen oder nicht, kann für das jüdische Krankenhaus völlig gleichgiltig sein. Dieselben müssen schon, um die Uebertragung der'Infektion zu verhüten, schnell und gründlich kurirt werden und Aufnahme in einer Anstalt finden, wo ihren religiösen Bedürfnissen betreffs ritueller Kost Rechnung getragen wird. Ein solcher Kranker ist mehr als jeder andere der Heilung und Pflege bedürftig und wird übrigens auch in unseren städtischen Krankenhäusern ohne Weiteres ausgenommen. Der Gedanke, Extrazimmer den gynäkologischen Kranken einzuräumen, ist ganz unausführbar. Abgesehen von dem Umstande, daß diese Zimmer, für welche pro Tag 6, 8, 10 und 12l/a Mark gezahlt werden und welche fast immer besetzt sind, dem Etat des Krankenhauses zu Gute kommen und sich ohne diese der schon hoch bemessene Gemeinde- Zuschuß ganz erheblich erhöhen würde, fehlen sämmtliche für eine solche Station nothwendige Einrichtungen, wie Bäder, Theeküchen, Wärterzimmer u. s. w . welche wegen Raummangel niemals eingerichtet werden können. Was aber bedeuten auch die 15 Frauen, von denen Herr Sanitätsrath Dr. Blumenthal spricht, im Vergleich zu den oben erwähnten 72 gynäkologischen Fällen auf der chirurgischen Station! Nur noch ein Wort zu der bei Anmerkung 4 erwähnten Aeußerung des Herrn Sanitätsrath Dr. Wiesenthal vom Januar 1892, betreffend die Beseitigung des Scharlachzimmers. Damals handelte es sich um ganz andere Dinge, insbesondere um Schaffung besserer Krankenräume, und ist der früher mit Scharlachkranken belegte Saal schon seit mehreren Jahren anderweitig belegt worden, weil Infektionsgefahren den Vorstand des Krankenhauses hierzu gedrängt haben. Leider müssen seitdem an Scharlach erkrankte Personen, selbst in fieberhaftem Zustande, abgewiesen werden; wir hoffen indessen zuversichtlich, daß durch einen Anbau an eine vorhandene Jnfektionsbaracke diesem anerkannten Uebelstande sobald als möglich abgeholfen wird. Vielleicht findet stch einmal ein Wohlthäter, welcher dem jüdischen Krankenhause Platz und Mittel zur Verfügung stellt, um allen den vielen und gerechten Wünschen betreffend Erweiterung der Anstalt gerecht werden zu können. Der Vorstand des Krankenhauses wird dies mit Herrn Sanitärsrath Dr. Blumenthal freudigst begrüßen. Berlin, 1. Juli. Louis Sachs. * Nk ch bitte zu berichtigen, daß der Schriftführer des Vereins Lemaan <3J5 Zion nicht Alfred Meyer, sondern Alfred Geiger heißt Frankfurt a. M., 3. Juli. Ergebenst Geiger. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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