Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1894)
- Date
- 1894-07-13
- Page
- Seite 335 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228040-3228069--50962-3273799- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
335 es war ihm klar, daß er dieser Oberinacht blindlings gehorchen müsse, nm seinen Körper vor Beulen und Rippenstößen, seine Ohren und Seitenlocken vor schmerzhaftem Zausen zu schützen. Schnell genug war er zur dieser Erfahrung gelangt, hatte sie ihm doch der Belfer auf seine Haut geschrieben; im Cheder betreibt man den Unterricht, nach empirischem System. So wuchs denn Jizchak heran. Um acht Uhr Morgens trieb ihn der Belfer mit seiner ganzen Abtheilung ins Cheder, wie der Dorfhirt die Heerde seiner Gemeinde vor sich zu treiben Pflegt. Mit einem großen Stück Brodes versehen, blieb der Kleine bis zwei Uhr dort. Im Winter ging er gar nicht zum Mittagessen nach Hause. In einem Töpfchen brachte ihm der Belfer eine geschmacklose, kalt gewordene Suppe. Aus dem Cheder kam er um acht Uhr; zur Winterszeit etwas früher. Bei alledem fühlte Jizchak sich glücklich. Hatte er doch keinen Begriff von einem anderen Leben. Das Bewußtsein einer gewissen gesellschaftlichen Stufenfolge dämmerte in ihm hier und da aus der Wahrnehmung, daß manche seiner Kollegen Bretzel aßen und schöner gekleidet waren. „ Uebrigens beneidete er Keinen. Er wußte nicht, wie es anderwärts zuging, von welchem Paradiese zärtlicher Sorgfalt und süßer Liebkosungen Kinder sonst umgeben sind. Auch ihn liebte seine Mutter, küßte ihn von Zeit zu Zeit, doch öfter schlug und verwünschte sie ihn; der Knabe wunderte sich dem keineswegs, wozu wäre sie denn sonst die Mutter? Oft sah er in der Stadt Kinder seines Alters, schön geputzt, wohlriechend und von reichen Frauen an der Hand geführt; es waren Beamtenkinder. Jizchak verschlang sie mit den Blicken, schmatzt« vor Entzücken mit der Zunge; aber, dachte er, was ist denn weiter Sonderbares daran? Sind sie nicht herrschaftliche Kinder? Er fühlte sich ihnen überlegen, dünkte sich erhabener denn sie. War er ja doch ein jüdisch Kind. Und diesen Unterschied begriff er ganz gut, man schärfte ihn ihm ein, stündlich ward er ihm vor Augen geführt, zu Hause, im Cheder oder beim Spiel. Im Cheder wird nämlich ebenfalls gespielt. Jni Sommer strömte die ganze Kinderschaar auf den dem Cheder nahe gelegenen Hügel. Da ging es lustig und geräuschvoll her. Die Aelteren spielten „Pferd", Jizchak bohrte Löcher in den Boden oder knetete Lehm; mit Blime spielte er Mann und Frau oder sie steckten Holzpflöckchen in den weichen Grund, was den Wünschen der kleinen Arbeiter entsprechend einen Obst- oder Gemüsegarten vorstellte. Am öftersten aber wärmte er sich, still wie ein Kätzchen, an der Sonne und träumte vom Messias! Die Zeit seines Kommens sei nicht mehr ferne, hat einmal der Belfer gesagt. Schon naht der schreckliche Tag, wo inr Aufträge Gottes der Erzengel Gabriel erscheinen wird; mit einem Fuße stellt er sich dann auf die Synagoge, mit dem anderen auf den Gottesacker, und schrecklich wird er nun in seine Posaune stoßen. Dann werden entsetzliche Stürme entstehen, und gräuliche Ereignisse werden koinmeu; alle abtrünnigen Juden müssen vernichtet werden, alle Gebenedeiten aber werden vom Todesschlafe erwachen und nach Jerusalem ziehen. Die ganze Welt wird mit ihnen gehen; doch vor dem gelobten Lande ist ein fürchterliches Wasser. Dort werden zwei Brücken entstehe», die eine aus Spinngewebe, aus Eisen die andere. Und die Auserwählten Gottes werden gesund und unversehrt über jene erste schreiten, unter den Ungläubigen aber wird mit erschütterndem Getöse die eiserne Brücke brechen, und sie' Alle lverden vom Angesichte unserer Erde verschwinden. Und diese Zeit, sie naht schon. Wie wurde sie herbeigewünscht von dieser armen, so unbarmherzig gequälten, von jedem Uebel heimgesuchten Kinderschaar! Mit welcher Sehnsucht harrten diese Elenden jenes Tages, wo sie alle zu Königskindern würben und Gott in seiner ganzen Majestät zu ihnen herabsteigen, sie segnen, beglücken und ihnen ein Paradies auf Erden schaffen sollte. Dann — dann wird es keine Arbeit geben, das Fleisch des Leviathan und des Riesenochseu wird Alle nähren, der Wein — seit Adams Zeiten aufbewahrt — wird Aller Durst löschen; dann wird ein herrliches Leben beginnen; die ganze Welt wird ihnen dienen, alle Völker sich vor ihnen neigen, und die Felder werden nicht allein Pflanzen, sondern auch fertige Speise tragen, Honigkuchen, Kugel und Bretzel- Welche Wonne, welche Seligkeit! Was heißt alle Wohlfahrt und Kraft der Menschen angesichts dessen? Sie werden nie das Heil erlangen, nie. , Von diesen Gedanken erfüllt, dünkte sich der Kleine groß und kräftig, war stolz auf seine Abstammung und seine Zukunft. Für keine Herrlichkeit würde er sie hingeben; war es nicht werth, um sie zu leiden, ihretwegen alle göttlichen Prüfuugen zu ertragen? IV. Und Gott — so lehrte praktisch und theoretisch der Melamed — erprobte seine Lieblinge schwer mit der Ruthe der Erfahrung. Darnach zu urtheilen, gehörte Graf zu seinen geliebtesten Kindern. Nach jedem Streiche der „göttlichen" Ruthe weinte die Mutter; der Vater aber wiederholte stets gleichmäßig: „Der Herr ist unergründlich. . . Auch das führt zum Guten; Garn se le’towa." Und wieder ließen sie Jizchak allein seines Weges gehen. Und dieser Weg war reich an Gräben und Nesseln, an scharfen Steinchen und zahlreichen Etappen. Krankheit und körperliche Bedrängniß waren in der engen, dumpfen, schmutzigen Stube der Familie Graf und des Cheder oft zu Gaste. Aber Jizchak war zähe. Er überstand alle Kinderkrankheiten ohne ärztliche Hilfe. „Denn wozu?" sagte der Vater. — „Steht es im Himmel geschrieben, daß er leben soll, so braucht man keinen Doktor; will aber Gott seinen Tod, so nützen ihm keine Aerzte." . Offenbar war es Gottes Wille, daß der Junge lebe, zum Nutzen und zur Freude seiner Mutter Mirjam in erster Reihe. Wie mannigfache Pläne und Zukunftsbilder durchzogen ihren Kopf, wenn sie die älteren Töchter verheirathete und auf ihren Burschen blickte, den einzigen männlichen Sprossen, der ihr geblieben war. Wie süß träumte sie in ihren freien Stunden von dem einstigen Schicksal ihres Kindes! Sie vernachlässigte nichts, was ihn diesem Ideale zu nähern vermochte. Mit wachsender Freude sah sie ihrer Bemühungen glänzende Erfolge. Zwar gefiel ihr nicht die Bleichheit seiner Wangen, die Hinfälligkeit und Zartheit des Kindes; zwar war sie von dem Ausdruck seiner Augen, von dem meist schweigenden Munde oft seltsam berührt, aber — beruhigte sie sich selbst — darauf kommt es ja nicht an. Ist doch der Leib nichts weiter als Gefäß und Diener des Geistes. Wie ist er dafür schon enttvickelt, wie kütg. wie gelehrt ... ei — ei — ei. In der That las Jizchak schon in seinem fünften Lebensjahre so geläufig hebräisch, wie ein gut aufgezogenes Werk; jedoch verstand er kein Wort von den gelesenen Stellen. Zu jener Zeit über ging er unter die Leitung des älteren Belfers und beganil die fünf Bücher Mosis zu lernen. Zu Hause wurde am Samstag ein Festessen für die Freunde der Eltern und für die Gefährten Jizchaks gerüstet. Dieser, gehörig gedrillt und mit einem neuen Anzug bekleidet, bestieg einen Tisch und reziticte im Verein mit einem Kollegen eine „Drnsche", d. h. er