Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1894)
- Date
- 1894-07-13
- Page
- Seite 333 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228040-3228069--50960-3273797- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
333 eine ägyptische Entlehnung anzunehmen, um so weniger, als das Volk in unserer Stelle keiner Hinneigung zu Aegypten angeschuldigt wird, sondern nur einen Gott verlangt, der vor ihm herzieht, weil Mose, der bisher voranzog, verschwunden zu sein scheint. Jene ägyptische Ableitung hat nur dann Sinn, wenn man an der geschichtlichen Thatsächlichkeit unserer Erzählung sesthält, bei der dann natürlich Alles, was das Volk weiß und kann, als ägyptisch angesehen werden muß. Hält man die Erzählung dagegen für spätere Sage (?), so schwindet dieser Grund für die Entlehnung." Bemerkt sei noch, daß Merx die Mittheilung Schwierigkeiten macht, daß das goldene Bild verbrannt wurde; das wäre ja nicht möglich. Gemach! Wir werden auch darüber eine philologisch hinreichende Aufklärung bieten. — Wenn wir der Mythologie der Aegypter, die in ihren Anfängen rein astronomischer Natur war, ein wenig näher treten, so sehen wir, daß die Sonne die höchste von ihnen verehrte Gottheit war. So wurde auch der Sonnengott auf der Mittagsseite einer Votivpyramide im Türmer Museum vornehmlich durch die Sonnenscheibe O (bisweilen in Verbindung mit anderen Zeichen) dargestellt, indem man der Wahrnehmung Ausdruck gab, die man angesichts der Sonne um die Mittagszeit zur Zeit der Sonnenwende hatte. (Vgl. H. B r u g s ch Religion und Mythologie der alten Aegypter, Leipzig 1888, S. 249.) Da dies Alles unter den Aegyptologen und Forschern der alten Geschichte durchaus bekannte Thatsachen sind, und ich den geehrten Lesern nur einen kurzen Abriß geben will, so sei noch auf die Feier des Nilfestes hingewiesen, welches zur Zeit des späteren Pessachfeftes in Aegypten gefeiert wurde und über dessen Beziehung zum Pessach ich in meinem Aufsatze: „Neujahrsfeste in jüdischen Quellen" (Zeitschrift für wissenschaftliche Theologie, herausgegeben von Prof. Hilgenfeld-Jena) näher eingehe. (Vgl. auch meinen Aussatz: -„Zur modernen Pentateuchkritik", XI. Kap. in Nr. 5 des „Jüd. Litteraturblatts", 1894.) Bei der Feier dieses Festes (Nedää) nun warfen, wie berichtet wird, die Priester eine goldene und silberne Schale, die Symbole der Sonne und des Mondes, in die „Quelle des Nils". Da nun aber der Apis-Stier das Sinnbild des Mondes war und seine Geburtstagsfeier mit der des Nilfestes zusammenfiel (Lepsius, Chronologie der alten Aegypter, Berlin 1849, S. 159), so erkennen wir in dem Hineinwerfen zweier Scheiben schon eine Fortentwickelung des solaren Gottesdienstes, dem die alleinige Verehrung der Sonne vorausging, der wiederum die alleinige Darstellung einer goldenen Sonnenscheibe entsprach?) Wenn wir uns nun den Bericht im Exodus ansehen, in dem uns über die Anfertigung des Götzenbildes berichtet wird, so fällt zunächst auf, wie Ahron in so kurzer Zeit die Form für das Kalb hergestellt haben könnte, sodann, warum er gerade ein Kalb fertigte, da ein solches in Aegypten nicht verehrt wurde. Ich will nun in deutscher Uebersetzung die zusammenhängende Schilderung hierher setzen, die ich im handschriftlichen Midrasch haggadol zu Exodus (Ns. or. fol. 1205, p. 136 a, der König!. Bibliothek in Berlin) fand: „Und er (sc. Ahron) nahm (das Gold) aus ihrer Hand und bildete es mit Zauberei" — das will sagen, daß er unter dem Geschmeide ein Goldblech fand, auf dem ein KP („Zaubername", wohl nicht: Tetragramm) geschrieben war. Dies nahnien sie (die Israeliten), wickelten es in ein Tuch und warfen es ins Feuer; er (Ahron) aber wußte nichts davon, daß sie ihm eine durch ihre Zauberkraft wirkende r) Fast möchte man annehmen, daß, da der ägyptische Sonnengott RE‘ — heißt, im Exod 10, 10 mit njH, worunter ja übrigens auch der Midrasch einen Stern versteht, die Sonne gemeint sei, so daß Pharao an der gen. Stelle Moscheh vorwirft: Sehet doch, daß die Sonne euch Lügnern ins Gesicht scheint. Form gebildet hatten, und so kam ein schreiendes Kalb heraus. Rabbi Jehudah sagt: (Der Engel) Seniaöl hatte sich in dasselbe (Kalb) hineingesteckt und fing zu schreien an, um Israel irre zu führe» (indem es annahm, das Kalb wäre ein Götze, da es Töne von sich gab). Darauf sprachen sie zu Ahron: Du sagst, das wäre kein Gott. Wenn es kein Gott wäre, woher kommt denn dies (Geschrei)? Sogleich nahm Ahron einen Hammer, schlug auf des Kalbes Schulter und Schädel und sprach: Mit Nichten ist dies ein Gott; denn wäre es ein Gott, so hätte er sich schon gerettet." — In der weiteren agadisch-exegetischen Auseinandersetzung wird nun die hochwichtige Frage aufgeworfen, warum es denn heiße: Dies sind deine Götter! und nicht: Dies sind unsere Götter?! Sie wird dahin beantwortet, daß es ägyptische Proselyten gewesen, die die Anfertigung des Götzenbildes bewerkstelligt hatten. Also auch der Midrasch regt zu der Annahme an, daß wir in dem bil' ei» ägyptisches Motiv zu einem Götzenbilde haben. Was haben wir nun unter dem Sil? zu verstehen? Wir müssen davon absehen, daß sonst in der heiligen Schrift dies Wort bei den Opferbestimmungen zur Bezeichnung des Kalbes gebraucht wird, und müssen es mit der Grundbedeutung von Su* „runden, drehen" zusammenbringen, das als Partizip resp. Adjektiv in den Büchern der Könige und der Chronik und besonders häufig im mischnischen Sprachgebrauch vorkommt. (Das Wort findet sich in der angegebenen Bedeutung sowohl im Lyrischen wie im Arabischen.) Darnach bedeutet auch unser bü) (egel) nicht „Kalb", sondern ),runde Scheibe". Es ist, wie oben gesagt worden, dann Sinnbild der Sonne, die in Aegypten verehrt und in einer Scheibe dargesiellt wurde. Sie wurde mit dem Griffel resp. Zirkel (to-in) gerundet, den ja Ahron zum Aufschreiben von Dokumenten bei sich führte. - Somit schwindet also auch die Annahme des Kälber- resp. 'Stierdienstes der alten Hebräer völlig aus dem Bereiche der Ueberlieferung und der Geschichte überhaupt. Und werden die Geschichtsforscher des Alterthunis nun bei diesem Berichte, der sich unbedingt an die ältesten Religionsanschaulmgen und -Uebungen der Aegypter anlehnt, noch die Beziehungen der pentateuchischen Anschauungen an das alte Aegypten bestreiten können? Und sie werden auch nicht -behaupten können,, daß etwa ein späterer Schriftsteller der Richter-, Königs- oder Exilszeit rekonstruirend von der Anfertigung der 'ägyptischen Sonnenfcheibe erzählt, wenn ich nochmals auf den 106. Psalm Hinweise, der auf die Exodusstelle anspielt und sie mißverstand en hat. Denn der Dichter dieses, wie sich aus den Schlußsätze» ergiebt, nachexilischen Psalms hat das Wort bjj.* bezw. die im Exodus gebrauchte Bedeutung mißverstanden und nach seinem sonstigen Gebrauche als „Kalb" aufgefaßt. Er sagt daher im 19. und 20. Verse: „Sie machten ein Kalb am Horeb und beugten sich vor dem Gußbild — und vertauschten ihre Herrlichkeit mit dem Bilde eines Stieres, der Gras frißt." Indem wir die Aufnierksamkeit auf dieses augenscheinliche Mlßverständniß lenken, fragen wir nur: welche Zeit mußte wohl verstrichen sei», daß die Erinnerung an die gegossene Sonnenscheibe gänzlich schwinden und die Annahme, daß ein Kalb gegossen wurde, an ihre Stelle treten konnte. Es bliebe noch die Frage zur Beantwortung, welche Merx (oben) aufgestellt hat: Wie kann Gold verbrannt werden? Der bekannte Bibelkommeutator M. L. Malbim bemerkt zu Exodus 32,20: -Die erste Aufgabe Moscheh's war es, das Götzenbild zu entfernen, zumal er aus Israels Bestürzung sah, daß sie dem Götzendienste nicht allzusehr anhingen. Er verbrannte es also. Die Gelehrten der Chemie haben nun bereits eine Methode gezeigt, wie man durch