Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1894)
- Date
- 1894-07-13
- Page
- Seite 332 (sequence 8)
- Language
- German
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332 Seminarlehrer Sommer- Hannover schließt sich im Allgemeinen den Ausführungen des Referenten, sowie denjenigen Dr. Löbs an und stellt 5 Fragen, deren Antworten er als Thesen anzunehmen bittet : 1. Soll die Bibel gelesen werden? Ja! 2. Woraus soll fie gelesen werden? Aus einer „ganzen Bibel" in guter Uebersetzung! 3. Was soll gelesen werden? Besonders das, was im biblischen Geschichtsunterrichte nicht zur Geltung gelangt! 4. Wie soll gelesen werden, und 5. Wann soll gelesen werden? Entweder in einem dazu eingerichteten Jugendgottesdienste oder in einer besonderen Unterrichtsstunde, die aber keinesfalls dem vorgeschriebenen Elementar-, besonders nicht dem Unterricht im Deutschen gekürzt werden darf. Roßkamm-Diepholz ist entschiedener Gegner des Bibellesens, da er die dafür nöthige Zeit viel besser für den Unterricht im Deutschen verwenden könne. Dr. Grone mann erwähnt einen Vortrag, den der jetzige Seminarlehrer Katz-Kassel in den achtziger Jahren über dasselbe Thema gehalten hat und empfiehlt dessen Thesen. Ein Schlußantrag Sommer wird angenommen. Referent giebt im Schlußwort seiner Freude darüber Ausdruck, daß die Versammlung sich im Großen und Ganzen mit den Grundzügen seiner Ausführungen in Uebereinstimmung befindet und tritt nochmals für den Gebrauch der „ganzen Bibel" ein, im Gegensatz zu einem Bibelauszug, dabei um Berathung seiner Thesen bittend. Der Vorsttzende befürwortet dies, ebenso Herr Dr. Gronemann mit dem Anträge, die Formulirung der Thesen einer Kommission zu überlassen, welche dieselben am 2. Konferenztage der Versammlung zur Beschlußnahme vorzulegen habe. Nach verschiedenen Bemerkungen für und gegen diese Anträge wird der Antrag Dr. Gronemann angenommen und die Kommission aus dem Vorstande, dem Herrn Referenten, Herrn Seminarlehrer Sommer und den Herren Hauptlehrern Levy-Norden und Selig-Emden gebildet. Der folgende Punkt der Tagesordnung lautete: „Gründung eines deutsch-israelitischen Lehrerbundes." Nachdem der Vorsttzende auf die hohe Bedeutung dieses Gegenstandes hingewiesen und einen kurzen Ueberblick über den Gang der seither gepflogenen Verhandlungen gegeben hatte, beschloß die Versammlung auf Vorschlag des Herrn Sommer, die beiden Herren Borsitzendeu als Delegirte nach Kassel zu entsenden; ebenso wird ein Zusatzantrag von Stern-Hildesheim, auch Levy-Norden zu delegiren, angenommen. Die Entsendung der Delegirten geschieht auf Kosten deser Beins. Da die Zeit zur Berathung eines anderen Gegenstandes zu kurz war, der zweite Konferenztag aber noch reichliche Arbeit erwarten ließ, wurde in die „freien Besprechungen" eingetreten. Levp-Norden kam auf die schon früher angeregte Lesebuchfrage zu sprechen, dem Wunsche Ausdruck gebend, daß diese Frage auf der nächsten Konferenz in einem Referat ihre Würdigung erfahren und erledigt werde. Nachdem Sommer-Hannover vorgeschlagen hat, eine Kommission mit der Zusammenstellung eines für jüdische Volksschulen brauchbaren Lesebuches zu betrauen und Selig-Emden seiner Meinung Ausdruck gegeben hat, das ganze Unternehmen würde an dem Mangel eines Verlegers scheitern, schließen die freien Besprechungen; und damit hat auch der erste Konferenztag sein Ende erreicht. (Schluß folgt.) Aas goldene Kalb. Von Dr. B. Königsberger in Breslau. in Jahrtausende langer Jrrchum soll hiermit aufgeklärt werden. Das goldene Kalb, dereinst angeblich hervorgerufen durch überirdische Zaubermittel, muß dem Sezirmesser der archäologisch-philologischen Kritik zum Opfer fallen. In den fünf Büchern Mosis wird ein goldenes Kalb nicht erwähnt! Und obgleich im ganzen Alten Testament nirgends Authentisches über einen Stierdienst der alten Hebräer gesagt ist, müssen diese auf Grund einer durchaus falschen, bisher von Allen getheilten Ansicht von einem Bibelworte es sich gefallen lassen, dieses Götzendienstes bezichtigt zu werden. Dabei hätten sich Geschichtsforscher und Exegeten doch sagen wüsten, daß die hebräische Sprache für „Stier" nicht „egel“ (Kalb) gesagt hätte, wenn st« dieses hätte ausdrücken wollen; an einem paffenden Worte hat es ihr wahrlich nicht gefehlt. Die Stellen, auf die man hinsichtlich der Erwähnung des Kälber- resp. Stierdienstes hinweist, sind Exodus 32, 4, 8, 19, 20, 24, 25. Deuteronomium 9, 10, (12) 21. Neh. 9,18. (Die Psalmstelle 106,19, 20 enthält, wie wir sehen werden, schon ein intereffantes Mißverständniß.) Apostelgeschichte 7, 39 ff. Bom späteren Kälberdienst ist die Rede: 1. Könige 12, 28—33. 2. Könige 10, 29; 17, 16. Hosea 8, 5 f.; 10. 5 s.; 13. 2. 2. Chron. 11. 15. Ueber den angeblichen Ursprung des Stierdienstes bei den Israeliten wird nun Folgendes im Allgemeinen berichtet: „Da bei den Aegyptern heilige Stiere, Apis und Mnevis, verehrt wurden, so versteht man meist das goldene Kalb (!) auf dem Wüstenzuge als eine von den Aegyptern entlehnte Abgötterei. Diese Annahme scheint eine Stütze zu finden (vgl. Hitzig, Geschichte des Volkes Israel, 1869, S. 169) in dem Umstande, daß Jerobeam (l. Jarobeam) I., welcher den Stierdienst im Nordreiche einführte (1. Könige 12, 28 ff.) sich in Aegypten aufgehalten hatte (1. Könige 11, 40). Dennoch ist der hebräische Stierdienst wahrscheinlich nicht ägyptischer, sondern altsemitischer Kultus. Dies wird dadurch an die Hand gegeben, daß sowohl in der Erzählung von Aarons Stierbilde (?) (Exod. 32, 4, 8), als auch in derjenigen von Jerobeams Stierkultus (1. Könige 12, 28) der Stier dargestellt wird als das Bild der Gottheit, welche Israel aus Aegypten herausführte. Diese Stiere waren also Bilder der althebräischen Gottheit (!). Man könnte höchstens vermuthen, daß die Israeliten, wen» sie ihren eigenen Gott in dem Bilde darstellen wollten, doch bei den Aegyptern gerade diese Form eines Götterbildes kennen gelernt hatten. Auch das ist nicht wahrscheinlich, da Jerobeam schwerlich gewagt und vermocht hätte, durch fremdländische Kulturformen seine neue und unsichere Herrschaft zu befestigen. Dazu kommt, daß wir über Verehrung von Stierbildern bei den Aegyptern nichts wissen!!! Die aufgefundenen kleinen Apisbilder wurden, wie es scheint, nicht zur Anbetung ausgestellt, sondern etwa bei Prozessionen herumgetragen... Will man den Dienst des Stierbildes nicht als althebräisch ansehen, so bleibt nur (?) übrig, darin eine Entlehnung von einem der verwandten semitische» Völker zu erkennen. Obgleich aber der Stier als althebräisches heiliges Symbol sich nicht unwiderlegbar Nachweisen läßt (!), so ist es doch sehr wahrscheinlich, daß es bei den Hebräern selbst ebenso, wie bei ihren Stammverwandten seit alter Zeit ein solches war." Das ist der Grundton der heutigen Anschauung vom Stierdienste der alten Hebräer, wie ihn Baud iss in in der Herzog-Plitt'schen Real-Encyclopädie, 2. Allst., Baud VII, S. 395 s. v. „Kalb" zum Allsdruck bringt. Dill mann in seinem Kommentar zu Exodus (2. Aufl. 1880) giebt dieselbe Ansicht wieder und bemerkt zu dem Worte „£gel": Kalb, d. i. kleiner Stier! Ich will hier noch in Kürze hersetzeu, was Me rx in Schenkels Bibellexikon III, 467 ausführt. Aus dem Zlisammenhange der Erzählung wäre deutlich, daß das Bild ein „Jhv...bild" ist. Auch das ist falsch; denn es heißt an den genannten Stellen nicht: „Dies ist Jh..., dein Gott", sondern „Dies sind deine Götter". „Es wird gemeinhin angenommen," führt der Heidelberger Gelehrte weiterhin aus, „dies Symbol sei aus Aegypten entlehnt, wo die Seele des Osiris, d. i. der Osiris als Gott der Unterwelt, itt Memphis in der Gestalt eines Stiers als Apis verehrt und dem Mnevis in Heliopolis ein Kultus geweiht wurde, was jedoch darum nicht gewiß ist, weil das Rindersymbol eine außerordentlich weite Verbreitung hatte, so daß es nicht sofort nöthig ist, in unserem Fall