Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1894)
- Date
- 1894-07-13
- Page
- Seite 330 (sequence 6)
- Language
- German
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330 strenge Auslese gehalten, und nicht blos Ordentlichkeit, Anstand, Gutwilligkeit und Arbeitsernst, sondern auch eine gewisse geistige Regsamkeit verlangt. Und mit Recht. Auch die gröbste Arbeit will mit Geschick und einem Gran von Anmnth gemacht sein. Jede Art der Thätigkeit kann durch die Auffassung und den Sinn, den man in sie hineinträgt, belebt und verklärt werden. Stupides Drauflosarbeiten, ohne Sinn und Verstand, stößt auch bei den einfachstem Verrichtungen ab. . Geist und Herz dürfen auch während der körper-' lichen Arbeit nicht verabschiedet werden, sondern müssen sich in derselben fortwährend äußern. „Denn dazu ward ihn» der Verstand, daß er im inner» Herzen spüre, was er erschafft, mit seiner Hand" singt der große Dichter von dem Menschen. Rach solchen Grundsätzen wird bei der Wahl der Aufzunehmenden verfahren; ohne diese Erläuterung könnte man, wenigstens wenn man den hergebrachten Begriffen folgt, die Gesichter der ihre Ausbildung geiließenden Dienstbotenlehrniädchen ein wenig zu intelligent für den künftigen Beruf derselben halte». Die Anstalt, die in der Vorsteherin eine in allen Zweigen der praktischen und theoretischen Hauswirthschaft erfahrene und sehr einsichtsvolle Erzieherin besitzt, beschränkt sich aber keineswegs auf die Ausbildung in den mechanischen Fertigkeiten des Kochens, Waschens, Plättens, Nähens, Ausbefferns und was der nützlichen und nothwendigen Dinge mehr sind, sondern sie sucht auch den geistigen Horizont ihrer Pfleglinge durch einen fortbildenden Unterricht aufzuhellen und zu erweitern. Zeugniß von dieser Seite der Anstaltsthätigkeit legteil die Büchet und Hefte ab, in die ich Einsicht nehmen durfte. Die Arbeiten waren durchweg mit peinlicher Sauberkeit und großer Sorgfalt eingetragen, mit einer Sorgfalt, die den gleichfalls das Instituts besichtigenden Leiter der hiesigen jüdischem Mädchenschule zu dem Wunsche veranlaßte, die Hefte seiner Schülerinnen möchten in diesem Punkte alle den vorgelegten gleichen. Religion, Rechnen, Deutsch und Wirthschaftskunde sind die Fächer, die sich einer besonders Fürsorge erfreuen. Wie ein flüchtiger Blick zu erkennen gab, überwiegt überall die praktische Seite; die Aufgaben zu schriftlichen Darstellungen und die Rechenexempel werden aus dem Stoffkreise gewählt, der sich aus der Thätigkeit und der künftigen Bestimmung der Zöglinge von selbst ergiebt. Die Wirthschaftskunde und Kochwissenschaft sind gleichfalls eifrig gepflegte Zweige. Besonders derartig perfekt mit allem Rüstzeug des Ln de siede ausgestattete Dienstboten dürfen nicht ohne jeden Einblick in die Zusammensetzung und physiologische Wirkung der Nahrungsmittel gelaffen werde». In der Küchenchemie wird ihnen eine Bereicherung des praktischen Wissens geboten, das zum Segen und Gedeihen des Hauses, in das die Mädchen kommen, nutzbar gemacht werden kann. Die Dienstboten und Hanswirthschaftsbefliffenen, die ans dem Mädchenstift hervorgehen, werden gewiß auf der Höhe ihrer Zeit stehen und allen nur denkbaren berechtigten Ansprüchen in vollem Maße genügen. Wenn sie dies von der Anstalt gesteckte. Lehrziel erreichen, und bei der so sorgfältigen Auswahl ist kein Zweifel daran gestattet, daml werden die Mädchen wahrhafte Ideale von dienstbaren Geistern, die eine unfehlbar verläßliche Stütze ihrer Herrschaften werden müffen. In der Unterbringung und Bergung der Kleider und der Wäsche wird auch auf eine gefällige und das Auge möglichst angenehm berührende Anordnung Werth gelegt. Man weiß, daß der Wäscheschrank der Stolz und der Ruhm fürsorglicher Hausfrauen ist, darum wird beim Ordnen des duftenden schneeigen L'mnentz zugleich der ästhetische Sinn gepflegt. Die Schränke, welche die diensteifrige Hand der Vorsteherin meinen Blicken erschloß, zeigten jene schöne Harmonie, die auch an den nebensächlichsten Dingen unser Wohlgefallen erregen, eben weil sie, wo auch immer, als der sichtbare Ausdruck eines denkenden Geistes sich offenbart. Ein Gang durch die Zimmerflucht der Anstalt verschaffte mir die Ueberzeugung von der Zweckdienlichkeit und praktischen Ausstattung der Räumlichkeiten. Die Zimmer sind hoch und luftig und kaffen dem Lichte gern und ausgiebig freien und bequemen Zutritt. Im Innern der Stadt wird mau geiviß nicht bald wieder so für diesen Zwecke geeignete Wohnräumlichkeiten finden Es versteht sich fast von selbst, daß nach des Tages Last und Mühen auch dem erheiternden Spiel sein Recht nicht verkürzt wird. Wo die Arbeit flott und munter von Statten gehen soll, müffen Frohsinn und Heiterkeit die guten Hausgeffter sein, die alle Kräfte frisch beleben und entfalten; für harmlosen Zeitvertreib wird durch anspruchslose Gemüther befriedigende Spiele, wie Damenbrett, Domiuo u. s. w., ausreichend gesorgt. So spiegelt das Institut' in seinem Gesammteindruck und in der ganzen Einrichtung den Zweck wieder, dem es zu dienen bestimmt. Gegenwärtig sind 10 Mädchen im Institut, die ihre gänzlich unentgeltliche Ausbildung und Versorgung erhalten; indeß soll die Zahl der Zöglinge schon zu Oktober bedeutend vermehrt werden. 7 Mädchen befinden sich bereits in Stellungen, und allen wird sowohl im Verhalten wie in ihren hauswirthschaftlichen Leistungen das beste Zeugniß ausgestellt. Uebrigens wird die Probe auf das Exempel noch während der Ausbildungszeit gemacht; die Mädchen können nämlich bei Mitgliedern des Stiftes aushilfsweise beschäftigt werden. Diese Einrichtung hat sich trefflich bewährt. Die gute Führung und die zufriedenstellenden Leistungen haben der Planmäßigkeit und der Sicherheit der methodischer! Vorbildung die glänzendste Anerkennung verschafft. Nachdem ich alles Sehens- und Bernerkenswerthe in Augenschein genommen hatte, nahm ich von der freundlichen Führerin Abschied, in dem Bewußtsein manches Neue erfahren und mein Wissen über einen wichtigen Zweig menschlicher Thätigkeit wesentlich bereichert zu haben. Einige Daten aus der Entstehringsgeschichte des segensreich wirkenden Instituts mögen hier noch Platz finden. Dasselbe sieht erst auf eine vierjährige Thätigkeit zurück. Als Gevattern standen an der Wiege desselben eine Reihe wohlthätiger Männer und Frauen, von denen einige wohl verdienen hervorgehoben zu werden. Zu den hervorragendsten Gründern gehört der vor mehreren Jahren verstorbene Dr. Lüpschiitz, eine markante Gestalt im Berliner Wohlthätigkeitsleben, eine Erscheinung, die aus dem Gedächtniß der Gleichstrebenden nimmer herausgedrängt werden wird. Er war ein hingebungsvoller. Förderer alles Guten und Edlen. Wie in die Geschichtsblätter so vieler Wohlthätigkeitsvereine, so hatte er seinen Namen auch in die Gedenktafeln des Mädchenstifts mit unverlöschlichen Zügen eingegraben. In seine Fußtapfen ist seine Tochter, Fräulein Francisca Lüpschiitz, getreten, die ihr ganzes Leben in den Dienst der mannigfachsten Wohlfahrtsbestrebungen gestellt hat. Sie bekleidet das Amt der stellvertretenden Vorsitzenden und einer Ehrendame an dem Mädchenstift, Ehrenäniter, in denen sie mit der ihr eigenen Sachkenntniß und Umsicht wie nicht minder zu rühmenden Hingebung wirkt. Aus der Zahl der sonstigen Wohlthäterinnen verdient mit besonderer Dankbarkeit die den Vorsitz führende Frau I. Reumann genannt zu werden. Die für alles Hohe warm empfindende begeisterte Dame begleitet jeden Fortschritt, den die Anstalt macht, mit freudiger Antheilnahme und stets lebendigem Jntereffe. Wo es uoth thut, ist die opferbereite Frau immer bei der Hand, helfend einzuspringen.