Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1894)
- Date
- 1894-07-13
- Page
- Seite 329 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228040-3228069--50956-3273793- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
329 Chauffee gesellte sich zu ihr ein junger Mann, und als er den Sachverhalt erfuhr, erbot er sich, indenr er augab, die Besitzerin des Fuhrwerks zu kennen, das Mädchen in das nächste Dorf zu begleiten, damit es dort die Körbe wieder erhielt. Die beiden jungen Leute schlugen nun den Weg durch die Dallwitz ein, und hier überfiel der junge Mann seine Begleiterin, warf sie zu Boden, that ihr Gewalt an und bemächtigte sich ihres Geldes im Betrage von 70 Mark. Das Mädchen rief laut um Hilfe, worauf der freche Patron ihr eine Schlinge um den Hals warf und sie zu erdrosseln suchte. Glücklicherweise gelang es der Ueberfallenen, die Hände durch die Schlinge zu stecken und größeren Lärm zu schlagen, worauf der Unhold seitwärts tut Walde verschwand. Der Räuber ist in der Person des 23 jährigen Arbeiters Johann Gollub, aus Marggrabova gebürtig, ermittelt und von der Polizeibehörde in Lyck dingfest gemacht worden. G. wechselte im Laden eines Kaufmanns ein-20 Kopekenstück, und dem Geschäftsinhaber fiel das ängstliche Benehmen des jungen Menschen, das er alsbald in Verbindung mit dem Raubanfall brachte, so auf, daß er sogleich zur Polizei schickte. Die alte Erfahrung, daß Verbrecher trotz ihrer Verschlagenheit doch oft das Allereinfachste zu beobachten vergessen und durch das Gelingen ihres Anschlages dreist und unvorsichtig werden, sollte sich auch hier bewahrheiten, denn obgleich unter dem geraubten Gelde -- 70 Mark — sich nur zwei kleinere russische Münzen befanden. die Don dem überfallenen Mädchen leicht bezeichnet werden konnten, ließ Gollub alle Vorsicht aus dem Auge und suchte gerade diese zuerst los zu werden. Das wurde ihm zum Verhängniß. Als der Polizeisergeant ihn an seiner Arbeitsstelle verhaftet und nach dem Gewahrsam brachte, sprang plötzlich mit dem Rufe: „Ach mein Gott, das ist er," das überfallene Mädchen, das noch immer in Lyck weilte und auf das Einsangen des Verbrechers hoffte, herzu, und solchem erdrückenden Zeugniß gegenüber konnte sich der Bösewicht nicht gut behaupten und gestand Alles ein. Gin Besuch im jüdischen Mädchenstift. Von Bernhard Traubenberg. (£)|ltf7uten im Gewühl des geschäftigsten Centrnms, wo die ^HVsT, Fluthen des hauptstädtischen Verkehrs sich hart an den Häusern brechen, nahe dem Alexanderplatze, befindet sich ein noch nicht nach Gebühr gewürdigtes Institut, das als ein Ausfluß neuerer Bestrebungen innerhalb des Judenthums gelten darf. Es ist der Arbeit und ernster Vorbereitung für dieselbe gewidmet Man soll nicht mehr sagen, wenigstens nicht niehr init einem Schein des Rechts, wir gehen mit raffinirter Berechnung anstrengender Beschäftigung aus dem Wege, um nur in einem Lebe» bequemen und leichtfertigen Genießens unser Genüge zu finden. Das Entstehen dieser Anstalt, das in die letzten Jahre fällt, legt gegen derartige Tendenzverläuindungen den energischsten Protest ein. Es regt sich allerorten, um dem Jahrhunderte lang künstlich eiugedännnten Thätigkeitsdrange des Juden volle Bewegungsfreiheit wieder zu verschaffen. Mannigfache Schöpfungen der letzten Zeit könnten diese Bestrebungen ins hellste Licht setzen. Keine jedoch redet eine so beredte Sprache, verkündet so laut die Lust zu Beschäftigungen, die mit schweren körperlichen Anstrengungen verknüpft sind, wie die Gründung des Mädchenstiftes, das wir nun aus eigener Anschauung kennen lernen wollen. Ein Schild enthält auf schwarzem Grunde die Silberschrift: Jüdisches Mädchenstift. Während ich noch die wahrscheinlich von den Insassen dieses Heims gefertigte Aufschrift näher betrachte, wird auf das herzhafte Klingeln alsbald geöffnet und ich stehe vor einer behäbigen, freundlichen Dame,-die den Zweck meines Erscheinens sofort erräth und in zuvorkommender Weise die Führung übernimmt: es ist die Vorsteherin dieses Instituts. Das gewinnende Aenßere, das Gesicht mit dem sanften Lächeln und dem gütigen Auge scheint kein improvisirtes Paradeantlitz zu sein, das die Maske je nach Bedarf augenblicklich wechseln kann; dazu sind die milde», guten Züge viel zu tief in das Antlitz gegraben, die ihm den charakteristischen ^Ausdruck des mit Energie gepaarten Wohlwollens geben. Die Zöglinge müssen an ihr eine vorzügliche Mutier haben. Wir standen der Küche am nächsten, und so wurde diese denn zuerst einer oberflächlichen Besichtigung unterzogen. Der große Küchenranm, der all jene großen und kleinen Geräthe in musterhaftester Aufstellung in sich birgt, die das Herz einer gewissenhaften Hausfrau höher schlagen machen, ist von einer nicht niehr zn überbietenden Sauberkeit und Akkuratesse. Gegemvärtig waren einige der Hausmädchen, oder soll man sagen: der Mädchen des Hauses, mit der Zubereitung diverser kulinarischer Genüsse beschäftigt. Meine freundlichen Leserinnen tverden es meiner radikalen Unkenntnis; der Küchenmysterien zuschreiben müssen, wenn ich ihnen keine Analyse von den Gerichten mache, die da mit „heißem" Bemühen ihrer Reife entgegen geführt wurden. Aber es hatte Alles seine Richtigkeit; ein Buch, in das einen Blick zu werfen nur vergönnt war, stellt für jeden Tag sein besonderes Rezept fest, das mit besonderen Kombinationen und Zusammensetzungen schriftlich von den junge» Mädchen ausgearbeitet wird. Daß ein Institut, welches sich die hauswirthschaftliche Ausbildung seiner Zöglinge zur Aufgabe gemacht hat, der edlen Kochkunst vor Allem warme Fürsorge zmvendet, ist natürlich, jedoch sind die Erfolge der kochkünstlerischen Leistungen ganz speziell erwähnenswerth. Die letzteren können keine größere Anerkennung finden, als dadurch, daß wohlhabende Familien das Mittagessen ans dem Mädchenstift beziehen und ihre volle Zufriedenheit mit demselben äußern. Uebrigens eine Einrichtung, die allseitige Nachahmung verdient, das Essen so auf den Tisch zu zaubern, ohne auch nur den Finger ins kalte Waffer oder in den schwarzen Ruß zu tauchen, das ist doch gewiß das Ideal aller Hausfrauen, dessen allgemeine Benvirklichung noch in weiter Ferne liegt: wie man sieht, fehlt es aber schon jetzt nicht an einem solchen Tischlein deck dich, und die Hausfrauen, die sich dessen bedienen, sparen viel Zeit und Mühe, viel Aerger und Aufregung. Ich folgte nun der freundlichen Führerin in den Ardeitssaal. Dort saßen 8 Mädchen, alle in tvürdigem Ernste und oblagen ihrer Arbeit. Einige von ihnen waren mit der Anfertigung von Wäsche beschäftigt, andere mit Namenstickereien und anderen nothwendigen weiblichen Arbeiten. Man sieht es dieser kleinen Schaar kräftiger Hausdienerinnen auf den ersten Blick an, daß sie ihrer Bildnngsanstalt Ehre machen werden. Fleiß und Emsigkeit rührten schnell und geräuschlos die muntern Hände, die unermüdet weiter arbeiteten, selbst als der wißbegierige Störefried in den Saal trat. Die Aufnahme in die Anstalt vollzieht sich nach streng gehandhabten Grundsätzen. Wer hier eintreten will, muß sich in jeder Beziehung als brav und tüchtig ausweiscn können, wer den Voraussetzungen gesunder körperlicher Beschaffenheit, makelloser Herkunft und guter Schulsührung nicht voll entspricht, dem bleiben die Pforten auch dieser freundlichen Arbeitsstätte, wie mir die würdige Vorsteherin erklärte, verschlosien. Man glaube nicht, wenn man zum Geschäft nichts tauge, sei man zum Dienen gut genug. Es wirb