Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1894)
- Date
- 1894-07-13
- Page
- Seite 328 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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328 „Das kann ich nicht glauben; wer von Ihren Vorgesetzten hat Ihnen die Anschaffung des Talmuds aufgegeben?" „Die Einweisung hierfür befindet sich in meinem Jnstruktionsbuch." „Das ist nicht möglich." „Hier haben Sie es." — Und er holte das bezeichnete.Buch hervor, schlug es auf und zeigte auf eine Stelle in demselben hin, wo ich in der That neben der Angabe von den Religionsbüchern, welche sich die evangelischen und katholischen Mannschaften anzuschaffen hätten, für die Juden den Tal »ui überzeichnet vorfand. Himmel, welche Geuugthuung für unfern so sehr verschrieenen und verlästerten Talmud! Welch' glückliche Rehabilitation seiner in den Staub getretenen Ehre! Rohling, Briman und ihr übrigen Verfolger des Talmuds, was sagt Ihr dazu, den Talmud also in den Dienst der deutschen Armee gestellt zu sehen? Jedenfalls geht aus dem Erzählten hervor — das Buch ist ' 1894 gedruckt — wie wenig Zweck und Bedeutung des Talmud im Allgemeinen »och gekannt, daß Alles, was in jüngster Zeit zur Aufklärung darüber gesagt und geschrieben, unberücksichtigt geblieben ist. Andererseits erfahren wir dadurch aber auch, und zwar zu unserer frohen Geuugthuung und Beruhigung, daß die Schmähungen und Berläumdungen, womit die jüdischen Religionsbücher in nicht zu verkennender Absicht verfolgt, in maßgebenden Kreisen noch nicht einzudriugen vermocht, und daß dem Antisemitismus noch viel zu thun übrig bleibt, bevor es ihm gelingen wird, das beffere und vorurtheilslose Publikum für seine gewissenlosen Angaben gläubig zu machen und zu gewinnen. — Nachdem ich nun den »ach dem Talmud suchenden Soldaten mit Inhalt und Wesen desselben — soweit es sich in der kurzen Zeit thun ließ — bekannt gemacht, wird er wohl im Staude sein, seine Vorgesetzten von der Unmöglichkeit, die in der Anschaffung des Talmuds liegt, zu überzeugen. Wir glauben nicht, daß sie dann noch darauf bestehen werden. Was uns aber bei diesem fast komischen Vorgänge verstimmt, ist die traurige Wahrnehmung von der bodenlosen, beschämenden Unwissenheit, in welcher sich unsere jüdische Jugend der Litteratur des Judenthums gegenüber befindet. — Wer hat Schuld daran, und was hat Schuld daran? Besagter junger Mann stammt aus der Provinz Posen, ist in einer Gemeinde geboren und erzogen, die noch gute Lehrer zu besolden im Staude ist. Man sollte nicht glauben, daß in diesem Theile der preußischen Monarchie der Talmud sosehr zur terra ineogiiihi geworden ist, daß die Kenntniß von seinem Wesen bei dem Religionsunterricht ganz unberücksichtigt bleibt. Gewiß, der betreffende Lehrer thut auch in dieser Beziehung seine Schuldigkeit. Allein, es ist ja traurig, aber nur zu wahr, daß unsere liebe jüdische Jugend, sowie sie die Religionsschnle verläßt, sich mit aller möglichen Lektüre, gesunder und ungesunder, nur nicht mit derjenigen, die sie mit dem Judenthum in Fühlung erhalten kan», beschäftigt; sie sieht es ja im elterlichen Hause leider nicht anders vor sich. Darum müssen wir der Gründung von Litteratnr-Vereinen aufs Lebhafteste das Wort reden, wenn wir auch den zu anderer Zeit ausgesprochenen Zweifel, ob solches in kleinen Gemeinden gelinge» könne, aufrecht erhalten. Dort aber, wo Boden dafür vorhanden, wo die Möglichkeit hierfür nur irgendwie existirt, ist dieses die einzige Abwehr vor dem Verfall des Wissens und des Könnens auf jüdisch-litterarischem Gebiete, der einzige Lichtblick in einer Zeit der trostlose!! Verflachung des religiösen Geistes, der einzige Weg, um wahr zu machen die letzte Verkündigung unseres sterbenden Lehrers, des Gottesmannes Moses: Die Lehre Gottes wird nicht schwinden aus dem Munde Deiner Nachkommen. — Die Brände sind in dem benachbarten Rußland typisch. Am letzten christlichen Pfingflfeiertag fand in dem Städtchen Mariampol eine Feuersbrunst statt, die den größten Theil des meist von Juden bewohnten Ortes in Asche gelegt. Eine hier eingetroffene Nachricht von diesem großen Unglücke schildert das dort vorhandene Elend in Farben, die das Bedauern und Mitgefühl im höchsten Maße wachrufen. Ganze Familien müffen auf freiem Felde kampiren und entbehren dabei des Allernöthigsten; das Feuer hat ihnen Alles vernichtet, was sie besaßen. Man muß dabei in Betracht nehmen, daß das Versicherungswesen dort drüben noch sehr im Argen liegt. Denn abgesehen davon, daß selbst da, wo eine Gesellschaft zu diesem Zwecke vorhanden, sie lange noch nicht zu der Leistungsfähigkeit gelangt, wie wir sie bei uns hier existiren sehen, so leben die Juden in Rußland nur zu sehr in dem Vertrauen, daß Gott sie vor jeder Fcuersgefahr bewahre, und unlerlaffen daher auf ihrer Seite jede diesbezügliche Schutzmaßregel. Das Gottesvertrauen ist ja da, wo cs vorhanden ist, sehr schön, aber nur die Unvernunft kann es bis zu dieser Weite ausdehnen. — Auch sonst noch lauten die Nachrichten von drüben recht trübe. Immer mehr und mehr werden die Juden von den ehrenhaften Erwerbsquellen abgedrängt. Ein Mann, so erzählte mir eine Verwandte deffelben, hatte viele Jahre seine Existenz gehabt als Schreiber an einem Gerichte. Es war nur kärglich bemessen, das Einkommen, das er hierdurch erzielte, aber es reichte aus, seinem freilich in den bescheidensten Grenzen sich bewegenden Haushalt die Möglichkeit zu geben. Man hatte sein tägliches Brod, und das genügte schon. Nun aber ist dem Manne dieser Verdienst genommen, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil er Jude ist. Das in den kleinen Städten jenseits der Grenze zusammengedrängte Proletariat ist nun um eine Familie vermehrt. Es wird immer ein Räthsel bleiben, wie sich diese Menschenmenge, ivelche selbst J die starke Auswanderung nicht merklich vermindert, noch erhalten kann, wenn sie nur blos das nackte Leben fristen will. Selbst wenn man annimmt, daß die Daseinsäußerung sich in einer Weise vollzieht, die kaum irgend etwas gemein hat mit derjenigen, wie wir sie uns zu denken gewohnt sind; selbst wenn Wohnung, Ernährung und Kleidung auf die ersten Bedingungen zurückgesührt werden, welche zur Erhaltung einer ganzen Volksklasse nöthig sind — so ist noch immer nicht zu begreifen, wie sich der Fortbestand dieses großen armseligen Theils der russischen Jzztzen vollzieht. Man hat schon oft von dem Wunder gesprochen, das überhaupt in der Erhaltung des jüdischen Volkes liegt — wir sind nicht abgeneigt, an ein ähnliches zu glauben, das a» der Masse der russischen Juden sich kundgiebt, die bei unterbundenem Lebensnerv und bei aller Beengung und Verengung der Lebensbedingungen ihr Dasein weiter trägt. — Raub und Mord, an Juden geübt, werden jetzt längs der russischen Grenze zur täglichen Erscheinung., Nachdem wir erst gestern von der förmlichen Abschlachtmig einer ganzen jüdischen Gastwirthsfamilie in einem Dorfe unweit Kowno vernommen, berichtet heute die „Lycker Zeitung": Ein räuberischer Ueberfall wurde gestern um die Mittagszeit an einem jüdischen Mädchen aus der Gegend von Lomza (Rußland) hier in der Dallwitz von einem jungen .Manne verübt. Das Mädchen war init einem größeren Eiervorrath hier zu Markte gekommen und hatte nach Verkauf desselben mit der Bahn die Rückreise antreten wollen. Um den Zug nicht zu versäumen, legte sie die Eierkörbe in einen leerfahrenden, von einer Frauensperson geleiteten Wagen und lief nebenher. Der Wagen schlug jedoch die Sentker Chaussee ein, so daß es dem Mädchen trotz allen Zurufens nicht möglich war, zu ihrem Eigenthum zu gelangen. Auf dem Schienenübergange an der