Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1894)
- Date
- 1894-07-13
- Page
- Seite 327 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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327 Aus Ostpreußen. t Von Moritz Scherbe!. on der russischen Grenze wird berichtet: In dem nahen Grajewo hat ein Krawall zwischen russischen, bei dem Kasernenbau beschäftigten Handwerkern und polnisch-jüdischen Händlern stattgefunden. Vor einigen Tagen nahmen die russischen Handwerker, welche ihre Wohnung außerhalb der Stadt haben, Veranlaffung, einen kleinen jüdischen Knaben ans offener Straße durchzuprügeln, ans welchem Grunde, ist mit Sicherheit nicht fest zu stelle». Auf das Geschrei des Kleinen eilten eine Anzahl jüdischer Händler zusammen und ergriffen natürlich Partei für ihren Glaubensgenoffen, es kam zu Thätlichkeiten, in deren Verlauf die Handwerker den Kürzeren gezogen haben, denn sie wurden von ihren Gegnern mit Stöcken und Knütteln zur Stadt hinaus getrieben. Draußen wlichs den Bedrängten aber der Muth, sie griffen noch einmal an, und es gelang ihnen auch wirklich, die Händler in die Flucht zu schlagen, so daß diese sich mit Verlust ihrer Waffen zurückziehen mußten. Nun rächten sich die Sieger für ihre erste Niederlage dadurch, daß sie alle Fenster und Thüren der Kanfleute zertrümmerten und Mitnahmen, was nicht niet- und nagelfest war. Inzwischen hatten aber die Händler Verstärkung geholt, und die Straßen, in welchen die Handwerker hausten, von allen Seiten umzingelt; es entwickelte sich nun ein regelrechtes Handgefecht, das erst von herbeigeholtem Militär geschlichtet werden mußte. Vier Todte blieben auf dem Kampfplatze zurück, die Verwundeten sollen zahlreich fein. Eine umfassende Untersuchung ist eingeleitet. — Die Alterthumsforschung in unserer Provinz hat ihr Interesse einem eigenthümlichen Gegenstand zugewendet; es sind dies die alten Kronleuchter der Synagogen und Lehrhäuser aus den jüdischen Gemeinden in Rußland. Es wird ein ziemlich einträglicher Handel damit betrieben. Aus dem Tiefinnersten des Zarenreiches werden sie hervorgeholt, diese Beleuchtungs-Apparate, und sie, die einst dazu gedient, die Andachtsübungen dort drüben zu erhellen, aber doch so wenig „erhellt" haben, sie, denen die fromme Aufgabe geworden, die Stätten zu erleuchten, wo die dunklen Gänge des Talmuds so eifrig durchforscht, sie sollten nun berufen sein, der aus dem modernen Geiste hervorgegangenen Alterthumsforschung recht willkommene Funde zu werden. In der That, man soll gar nicht sagen, wozu dieses tausendjährige Judenthum noch alles nützen kann. Diese Leuchter trugen mitunter ein Alter von 500 Jahren an sich. Die Zeit ist an ihnen spurlos vorüber gegangen, wie an denjenigen, welchen sie zur Benutzung gedient. Denn dort drüben bewegt sich die breite Maffe der Juden noch in den Geleisen der vergangenen Jahrhunderte, und selbst die Kulturmittel Dampf und Elektrizität suchen vergebens selbst dort, bis wohin sie dringen, die alten religiösen Anschauungen zu beseitigen oder auch nur zu modifiziren. Dort wird in der Berührung mit dem Geiste der Zeit und in der Aneignung von weltlichen Kenntniflen noch eine Gefahr für die religiöse Gesinnung erblickt, wodurch, da jedes Uebergangsstadium fehlt, später bei Vielen, die das deutsche Gebiet betreten, eine Umwandlung der radikalsten Art sich vollzieht und aus deni früheren tieforthodoxen Juden der vollendete Atheist sich herausschält. Wir sind solchen Fällen schon so oft begegnet, daß sich Beispiele hiervon zu Dutzenden anführen laffen. Am schlimmsten jedoch ist diese Metamorphose, wenn sie sich an jüdischen Kultusbeamten vollzieht, von welchen man sich Wunderdinge in dieser Beziehung erzählt und die nicht wenig zur Entjüdischung der Gemeinden beitragen. — Bei uns hier scheint man dem Judenthum hinsichtlich seiner religiösen Vorschriften gewisse Zugeständnisse machen zu wollen, was jedenfalls in einer Zeit, wo man so stark an der Verlästerung derselben arbeitet, registrirt zu werden verdient. Es giebt nämlich in hiesiger Stadt und Umgegend eine stark verbreitete christliche Sekte, welche den Sonnabend als eigentlichen wöchentlichen Ruhetag angenommen und am Sonntag dagegen die werkthätige Beschäftigung, insoweit sie ihr nicht durch das staatliche Gesetz der Sonntagsruhe untersagt, wie an gewöhnlichen Tagen fortsetzt. Es gewährt jedenfalls einen eigenthümlichen Anblick, wenn man am Sonnabend den Laden eines christlichen Gewerbetreibenden geschloffen sieht, während derjenige seines jüdischen Nachbars weit offen steht und dieser mit allen möglichen Formen der Zuvorkommenheit und Waarenanpreisung die Vorübergehenden zum frischen, fröhlichen Einkauf einladet. Es hat an scherzenden Bemerkungen beim Publikum hierüber bis jetzt noch nicht gefehlt. Ja, es kam aus dieser gegensätzlichen Auffassung von der Bedeutung des Sabbaths einmal zu einem Skandal. Da wohnen in einem Hause sonst ganz gemüthlich neben einander ein ehrsamer christlicher Böttchermeister und ein jüdischer Getreidehändler. Jener gehört mit zu Denen, die den Sonnabend streng heilig halten, er berührt an diesem Tage des Herrn, wie er sich oft ausdrückt, kein Faß, geschweige denn, daß er es verkaufen würde. Dieser indeß glaubt dem Sabbath gegenüber sich nicht insoweit verpflichtet zu sehen, daß er an ihm nicht seine Getreide-Ein- und Verkäufe besorgen sollte. Da fährt nun an einem Sabbath ein Bauer mit einem Wagen voll Getreide auf den gemeinschaftlichen Hof, in der Absicht, es an Herrn N., den Getreidehändler, zu verkaufen. Doch dieser ist gegenwärtig nicht zu Hause. Rasch ist nun aber unser Böttchermeister bei der Hand und bringt dem Landmanne in strenger Rede zu Bewußtsein, daß auf seinem Hofe am Sonnabend kein Geschäft gemacht iverden dürfe, wobei er ihn kurz aufforderte, sobald als möglich, ja in dem Augenblicke schon, davon zu fahren,, was denn auch geschah. Als unser jüdischer Geschäftsmann dies später erfuhr, stellte er seinen Hofnachbarn heftig zur Rede, wollte ihn verantwortlich machen für den ihm gewordenen Verlust, und es soll überhaupt zu einer sehr stürmische»! Auseinandersetzung gekominen sein. In neuerer Zeit kam nun zu der Heilighaltung des Sabbaths bei jener Sekte noch hinzu die Fernhaltung vom Genüsse des Schweinefleisches und dem des Blutes. Man könnte daraus noch weitere Konsequenzen ziehen, aber wir unterlassen es ntit Rücksicht auf diejenigen, die dabei ein stilles Grauen empfinden möchten. — Vor einiger Zeit trat bei uiis ein jüdischer Soldat ans der hiesigen Garnison ein. Auf unsere Frage nach seinem Begehr erwiederte er: „Ich möchte Sie bitten, »nir zu sagen, auf welchem Wege ich mir den Talmud verschaffen könnte." „Wie, was? — den Talmud wollen Sie sich anschaffen?" fragte ich, wobei mein Erstaunen immer mehr wuchs. „Ja, den Talmud," wiederholte er niit beneidenswerther Ruhe meiner so ausdrücklich dargelegten Verwunderung gegenüber. „Wie?" fragte ich darüber frappirt; — „wollen Sie vielleicht den Talmud studiren, läßt der Dienst Ihnen Zeit zu einem solchen Extravergnügeu?" „Das weniger; aber ich muß den Talmud haben, weil der Regimentsbefehl es vorschreibt." Neues Erstaunen ineinerseits, vermischt mit einer großen Dosis von Zweifel. „Aber der Talmud ist kein Taschenalmanach, um ihn so nach Belieben im Tornister mit herumzutragen, auch ist der Preis dafür ein höherer, als Sie sich's vielleicht denken," versuchte ich dem Sohne Mars sein sonderbares Verlangen klar zu machen. „Ganz gleich, er wird auf Kosten der Kompagnie angeschafft."