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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-07-13 · Heft 28 (13.7.1894) · p. Seite 326

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 28 (13.7.1894)
Date
1894-07-13
Page
Seite 326 (sequence 2)
Language
German
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326 derblichen Weise die Volksmaffen vergiftet tvorden sind, vergiftet immer ohne das rechtzeitige Einschreiten der Regierungen, oft unter ihrer stillschweigenden Billigung, ja hie und da sogar durch ihre Mithilfe. Wir sagten oben, daß manchen Behörden das verschiedene Maß für Dinge, die Juden oder Christel! betreffen, in Fleisch und Blut übergegangen sei, aber es ist nicht dies allein, was so häufig den Judenhetzern selbst bei ihrer gröbsten Ausschreitung die stillschweigende Duldung verschafft. Viele glaubten und glauben zum Theil noch, daß es rathsam sei, der wachsenden Unzufriedenheit der Massen, wie sie sich in der Sozialdemokratie zeigt, dadurch eine Ableitung zu schaffen, daß inan sie gegen die Juden richtet, sie geben sich der thörichten Hoffnung hin, daß sie im Stande sein würden, die neue Bewegung zu zügeln, sie davon abzuhalten, allmälig außer den Juden sich auch gegen die anderen Besitzenden zu richten. Mit der Sozialdemokratie hat man nach dieser Richtung so schlechte Erfahrungen gemacht, und doch ist nian immer noch verblendet genug, anzunehmen, daß es mit dem Antisemitismus bester gehen werde. 'Wie die Sozialdemokratie sich schließlich aus der von oben herab protegirten Bekämpfung des Liberalismus sich zu einer großen Gefahr für das ganze heutige Gesellschaftssystem entwickelte, so wird es auch mit dem Antisemitismus gehen. Noch täuschen sich mancheRegierungen und Behörden, vor Allen die sächsischen, über diese neue Gefahr, aber bei einigen beginnt sich doch schon die Erkenntniß Bahn zu brechen, daß mit den Worten des Reichskanzlers „der Antisemitismus die Vorfrucht der Sozialdemokratie" und, fügen wir hinzu, des Anarchismus ist. Die Richtigkeit dieses Caprivischen Wortes wollen wir in einem zlveiten Artikel Nachweisen. Nie Woche. Berlin, 10. Juli. uch selbst iw den Sommerferien ruht die antisemitische Agitatwn nicht. So ist in dieser Woche hier ein „Deutschbund" gegründet worden, dessen Tendenz aus den Satzungen hervorgeht. Dort heißt es u. A.: „Es ist aber ein Volk auf Erden, das hat weder Heimstätte noch Acker, noch trägt es Waffen zum Kampfe, doch ist es feind allen Völkern, die in ehrlicher Arbeit und seßhafter Gemeinsamkeit nach ihrer Bestimmung wirken. Das ist das Volk der Juden, ein Spott der Völker von jeher und eine Plage fast der gesammten Menschheit; denn wohin es kommt, verdirbt es das Erbe der Väter in jedem Volke und sät Unkraut auf jeden Acker. Mit diesem Volke gebe es nicht Vertrag noch Austrag, sondern es abzuwehren mit allen Mitteln der Gesetze und eines beständigen Willens, daran allein kann sich die Kraft aller gesunden Völker bezeugen. Der Jude kann nicht Mitglied des Deutschbuydes sein, noch auch durch Taufe werden, denn seine Natur bleibt in der Beschneidung. Vielmehr, wer des Deutschbundes ist, bezeuge seinen Eifer in aller gesetzlichen Abwehr des Juden und durch ehrliche Hilfeleistung an seinen deutschen Brüdern gegen den Juden, damit seine List nicht mehr firche, womit er uns überliste, noch seine Macht, womit er uns übermöge, noch sein Blut, womit er uns vermische und entarte. Doch wollen wir nicht mit Leidenschaft und Lärm gegen den Juden gehen, sondern nur unser Herz kalt machen gegen seine Versuchung Und aus unserer Seele den falschen Traum von der allgemeinen Menschenverbrüdermrg reißen, damit wir zu Narren geworden sind an dem Juden und seiner trügerischen Art. Wie das Thier auf. der Weide unter den Kräutern meidet, was ihm schaden könnte, ohne lange zu wählen ußd zu irren, sondern nur nach der Warnung der Natur, so wollen auch wir den Juden meiden nach der Warnung unserer deutschen Natur. Unsere Achtung bewahren wir den anderen Völkern, welche auf dem Eigenen sitzen, wie wir; unsere Liebe aber bleibt allein unseren deutschen Brüdern. Wo aber die Liebe in Worten bleibt und nicht in Thaten sich bezeugt, darf sie nur die Schwelle des Deulschbundes sein, nicht Eintritt und Erfüllung. Die Würde unter den Brüdern und Schwestern stufe sich also nach der thätigen Liebe, denn sie allein ist das rechte Maß unserer Hingebung. Deutsch zu sein in Sinnesart, Gestalt und Geberde ist ein glückliches Erbe getreuer Väter, doch manchem von uns unerreichbar wegen der Verirrung seiner Väter. Ist ihm aber die Liebe zum Deutschthum geblieben, so ist ihm die Wurzel geblieben, daraus ihm alle Blüthen der Erfüllung wachsen können. Darum sei die thätige Liebe zum Deutschthum Schild und Schwert unseres Bundes, und an dieser Marke allein scheide sich Tadel und Ruhm." Eine heuchlerische Salbung ist über das ganze Machwerk dieser Satzungen ausgegossen, unb man weiß wahrlich nicht, ob man dieselben ernst oder komisch nehmen soll. Nach der Versicherung der Schöpfer des Bundes haben sich zweihundert Teilnehmer gemeldet, und von diesen zweihundert Theilnehmern sind an einem bestimmten Tage beim auch wirklich vierzig bis fünfzig — so versichern wiederum die Gründer — zusammengetreten. Der Bund heißt der „Deutschbund", vermuthlich weil seine Leiter ihre Liebe zur deutschen Sprache nicht anders als durch Mißhandlung derselben kundzuthun verstehen. * Die antisemitischen Exzesse in der österreichischen Kaiserstadt veranlassen den „Pester Lloyd" zu eiMm geharnischten Leitartikel, dessen Schluß eine hochpolitische Spitze gegen die cisleithanische Regierung enthält. Dort heißt es: „Und gerade diese Beziehung des retrograden Geistes auf Politik und Staatsnothwendigkeit macht uns sehr nachdenklich, die wir auf dem Boden der pragmatischen Sanktion und des Ausgleichs zu einer gewissen Gemeinsamkeit berufen, den schärfsten Antagonismus des öffentlichen Geistes in den beiden Staaten der Monarchie nicht ohne Bedenken walten sehen. Während die Budapester Universität frohlockt und den Heroen des Liberalismus dankbar Kränze windet, sehen wir einen großen Theil der Studenten in der Wiener Aula dem blödesten Fetisch des Antisemitismus huldigen und den falschen Göttern der Intoleranz, des Rassenkultus Altäre bauen. Diese Divergenz der zwei Generationen, wenngleich sie die Superiorität Ungarns darstellt, ist nicht eben verheißensvoll mit Rücksicht auf den „Ausgleich" und erhöht nicht sonderlich die Fähigkeit, der politischen Nothwendigkeit des Zusammenhaltes die Gleichartigkeit der Ideen zu Grunde zu legen. Aber schließlich, wenn wir alle Gedanken einer etwaigen Rückwirkung auf unsere Zustände auch ganz bei Seite setzen wollen, wie lange wird denn den k. k. Staatslenkern der politische Hintergrund dieses als Kneipen-Antisemitismus sich geberdenden Jrredentismus verborgen bleiben? Denn der Antisemitismus der Aula erscheint bei näherer Betrachtung nur als accidenlelle Erscheinung der Vaterlandslosigkeit, als der Selbstverrath eines bierbenebelten Hirnes, das lallend einige Stichworte preisgiebt, aber die geheime Parole nur zögernd über die Lippen bringt. Das ist ja das Geheimniß der antisemitischen Sphinx — todtgeschlagen wird der Jud' nur nebenbei, weil er gewissermaßen einen „Stachel" im Riesenleib der „germanischen" Nation bildet. Aber daß die Glieder dieser christlichgermanischen Einheit sich vollzählig und ohne Ausnahme vereinigen, dagegen vermag der armselige Jude nichts. Diese Idee hat nun einen grimmig gehaßten und fanatisch zu untermin.irenden Erzfeind, das ist der österreichische Staatsgedanke. Dieser Schlußsatz des Antisemitismus scheint für Niemanden mehr ein Geheimniß zu sein, außer für jene providentiellen Staatsmänner, denen die Geschicke Oesterreichs bislang anvertraut gewesen sind. . . . Das sind sehr trübselige Erscheinungen, und kaum können wir eine Genugthuung darüber verhehlen, daß unser öffentliches Leben von dieser Welt der Extravaganzen durch ein kleines, aber einen gewaltigen Unterschied rnarkirendes Flüßchen geschieden ist." Bei den Beziehungen, welche der „Pester Lloyd" zu den magyarischen Staatslenkern hat, sind die Aeußerungen des ungarischen Blattes von doppelter Bedeutung.

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