Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1894)
- Date
- 1894-07-13
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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58. Iahrgattg. Ur. 28. AllgLmeiNL Berlin, 13. Juli 1894. ettimg des Zudenchums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Postoder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3M. Nedaeteur: Gustav Karpeles. Begründet von Nabliiner Ludwig Philippson-Äonn Verlags-Crpedition: iöerlin, Jerafalemerstr. 48/49 Alle Zuiendungen flrr Redaktion und Expedition sind an die Adresse Verlag der .Allgern. Zeitung des Judenthums', Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. InIsNÜ. Leitartikel r Die Lehren des Anarchismus. — Die Woche. — Aus Ostpreußen. Von Moritz Scherbe!. — Ein Besuch im jüdischen Mädchenslist. Von Bernhard Traubenbera. — Protokollier 30. Versammlung des Vereins jüdischer Lehrer in der Provinz Hannover. — Das goldene Kalb. Von Dr. B. Königsberger. — Feuilleton: Der Judenjnnge. Eine Erzählung aus Ost- Galizien von Wilhelm Feld mann. — Sprechsaal. Der Gemeindevote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Aus der Provinz Posen. Ratibor. Moschin, Leipzig. Hannover. Koblenz, Wien. Budapest, Warschau. — Bon Nah und Fern. — MiSeellen. Nie Lehren des Anarchismus. Berlin, 10. Juli. ine ungeheure Aufregung ging in diesen Wochen durch die europäische Welt. Dem Morde des Präsidenten Carnot folgte eine Reihe anderer anarchistischer Morde, und mit Schrecken sah die Gesellschaft wieder einmal, wie in den siebziger Jahren in Rußland, eine Sekte von Revolutionären vom Worte zur That übergehen. Lehren, die zwei Jahrzehnte hindurch ohne die geringste Beschränkung hatten verbreitet werden dürfen, fanden plötzlich Anhänger, die sie zu verwirklichen bestrebt waren, und die zu diesem Zwecke vor dem brutalen Mord nicht zurückscheuten. Als die ersten derartigen Morde bekannt wurden, da glaubte die Gesellschaft noch immer nur mit vereinzelten Verbrechern zu thnn zu haben, und es mußten dieselben erst i» so großer Zahl und an so hervorragenden Personen verübt in die Erscheinung treten, ehe sich die politische Welt darüber klar wurde, daß man es nicht mit vereinzelten Ausschreitungen, sondern mit einer Sekte zu thun habe, mit einer ganzen Partei der That. Wenn zwei Jahrzehnte hindurch in Wort und Schrift die Begründer des Anarchismus denselben verbreitet hatten, wenn Most und Genoffen ungestraft den Fürsten- und Bonrgeoismord gepredigt hatten, so hatte man dazu gelächelt, hatte gemeint, daß derartige tolle Ausschreitungen sich doch selber richteten, daß kein denkender Mensch derartige Dinge glauben könnte rc. Allmählich fanden sich auch denkende Menschen, die an die anarchistischen Träumereien glaubten, die, weil sie das Elend der gegenwärtigen Zustände tief einpfanden, an eine Befferung ans anarchistischen! Wege glaubten. Aber gerade weil solche Männer zwar oft tüchtig in ihrem Fache waren, in politischen Dingen sich dagegen als unreif erwiesen, glaubte man immer noch nicht den Anarchismus ernst nehmen zu sollen, und 20 Jahre verstrichen, ohne daß man daran gedacht hatte, den Feind der menschlichen Gesellschaft zu bekämpfen. Er wurde eben nicht ernst genommen, und erst die Ausschreitungen der letzten Wochen treiben nun die Regierungen und Politiker, die Zeitungen und die Polizei in den Kampf. Es wird gelingen, den Anarchismus zu unterdrücken, aber wäre es nicht besser gewesen, schon früher ihn ernst zu nehmen, schon früher den" Brunnen zuzndecken, ehe das Kind hineingefalle» ist? Diese Art der Volksbewegung grassirt zur Zeit vorzugsweise i» den romanischen Ländern; in den germanischen und slavischen Staaten, mit Ausnahme von England, Holland und Skandinavien, haben wir eine andere Art von Bekämpfung des bestehenden Zustandes, die nicht minder gefährlich, weil sie anscheinend nur gegen uns Inden gerichtet ist. Wir brauchen nicht auszuführen, daß wir den Antisemitismus meinen. Beide Bewegungen gehen aus dem Haß gegen das Bestehende hervor, aus dem Haß und Neid der Besitzlosen gegen die Besitzenden, und beide haben gemeinsam, daß sie die gewaltsame Hilfe predigen. Freilich nicht alle Prediger des Antisemitismus thun dies, wie gar manche Vertreter des Anarchismus auch den gesetzlichen Weg empfehlen, aber bei beiden Bewegungen sind es die Propaganda treibenden Elemente, die die Gewaltsamkeit als das beste Aushilfsmittel den Massen predigen. Wenn der Antisemit singt: „Nehmt die ganze Jndenbande, werft sie in den Rhein hinein", so unterscheidet sich dies nur dadurch von den anarchistischen Umsturzpredigten, daß der Rhein statt der Seine, die Juden statt der Bourgeois stehen, und wenn ein Abgeordneter, freilich Schneider in Wien, von einem Schußgeld spricht, das die Mörder der Juden erhalten sollten, so ist das den schlimmsten anarchistischen Predigten gleich zu achten. Und einem solchen aufreizenden Vorgehen gegenüber sind die Behörden nicht etwa machtlos; sie würden einschreiten und schreiten ein, wo es sich um Christen und Sozialdemokraten handelt, aber den Juden gegenüber betrachten selbst manche Staatsanwälte mehr als erlaubt, wie Anderen gegenüber. Und diese Auffassung ist ihnen so in Fleisch und Blut übergegangen, daß sie sich dessen gar nicht mehr bewußt sind, daß sie glauben, die höchste Gerechtigkeit walten zu laffen, ivährend sie. doch die Juden mit anderem Maße messen, als die Christen. Sie berufen sich darauf, daß alle die Hetzereien noch nicht zu Ausschreitungen gegen die Juden geführt haben. Genau so haben sich Jahrzehnte hindurch in Frankreich und Italien die Männer der Anarchie darauf berufen, daß sie eine wissenschaftliche Anffaffnng vertreten, die nicht beschränkt werden dürfe, und daß ihre Lehren ja nur auf gesetzlichem Wege in die That umgesetzt werden sollen. Aber eines schöne» Tages kamen die Männer der That und griffen zu Dolchen und Bomben und verbreiteten den anarchistischen Schrecken durch Europa. Genau ebenso kann man mit mathematischer Sicherheit Voraussagen, daß einmal das immer und immer wieder ans die roheste Weise verhetzte Volk sich an den Jude» vergreifen wird und die Behörden dann mit Schrecken erkennen werden, in welcher ver- * 1