Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1894)
- Date
- 1894-07-06
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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- 3 —- Staatshilfe einstimmig ab; dagegen beauftragte sie den Ausschuß, auf die jüdischen Gemeinden dieser Orte nachdrücklich^ in dem Sinne zu wirken, daß dieselben aus eigener Kraft, unter event. pekuniärer Unterstützung durch den Verband, den beiheiligten Schülern einen geordneten Religionsunterricht erlheilen lassen. Der voll dem Ausschuß vorgelegte Lehrplan für den jüdischen Religionsunterricht in der Sekunda und Prima der Gymnasien und Realgymnasien wird von der Versammlung zur Durchberathung an die Unterrichtskommission verwiesen Nachdem nun noch zum Vorort des nächstjährigen Verbandstages Bochum bestimmt worden war, schloß der Vorsitzende um-3Vg Uhr die Verhandlungen. An die Versammlung reihte sich ein Festmahl, an dem sich 70 Personen betheiligten. Den Kaisertoast brachte in zündenden Worten Herr Lucas- Soest aus Unter lebhaftem Beifall der Versammlung betonte der Redner, daß die am Gemeindetage anweserldell Vertreter und ihr Auftraggeber sich nicht allein als Juden, sondern als deutsche Juden fühlen. Mögen die Widersacher noch so sehr lärmen. „Wir sind treue Deutsche", rief der Redner begeistert aus, „und gute Juden zugleich, und das wollen wir bleiben unser ganzes Leben lang!" Mit stürmischer Begeisterung stimmte die Versammlung in das Hoch ein, welches Herr Lucas am Schlüsse seiner zündenden Ansprache auf unfern Kaiser ausbrachte. L. Stuttgart, 2 Juli. Zufolge des in Nr. 24 vom 15. v. Mtsgebrachten Berichtes über eine hier abgehaltene Versammlung des antisemitischen Agitators Lenz haben zwischen Mitgliedern der hiesigen israelitischen Gemeinde und Interessenten des „Stuttgarter Neuen Tagblatts" Auseinandersetzungen stattgefunden, welche klarlegten, daß die Chefredaktion genannter Zeitung grundsätzlich der Begünstigung antisemitischer Tendenzen durchaus fern steht und daß das von einem Stadtreporter eingelieferte Referat über die fragliche antisemitische Versammlung nur durch ein Uebersehen des damals amtsführenden Vertreters des Chefredakteurs unveränderte Aufnahme gefunden hat. Die deutsche Verlagsanstalt, welche in unserer Notiz nur als Eigenthümerin des Tagblatts erwähnt wurde, hat selbstverständlich mit dem gedachten Vorfall nichts zu thun; die Leiter dieser Anstalt stehen — wie es sich für ein großes Institut ziemt - auf dem Boden strengster Objektivität in konfessionellen Fragen. — Gestern Abend wurde auf dem israelitischen Friedhofe der Oberkirchenvorsteher Moses Neumann hier zur letzten Ruhe bestattet. Er hatte das hohe Alter von 76 Jahren erreicht. Die israelitische Kirchestgemeinde, deren Angelegenheiten der Verstorbene viele Jahre als Kirchenvorsteher und Oberkirchenvorsteher mit geleitet hat, war vollzählig erschienen, um dem wohlverdienten Manne die letzte Ehre zu geben; im Trauergefolge befand sich der Direktor im Kultusministerium v. Finkh. Die Herren des Synagogenchors eröffneten die Feier mit Vortrag des 16. Psalms 7 - 9 in hebräischer Sprache, worauf Rabbiner Dr. Kroner Worte des Trostes zum ehrenden Gedächtnisse des Verstorbenen sprach, der sich jede Lobrede am Grabe verbeten hatte. Hierauf legte Dir. v. Finckh Namens der israelitischen Oberkirchenbehörde einen Lorbeerkranz auf das Grab mit anerkennenden Worten über die langjährige treue Mitbarbeit, die Pflichttreue, Duldsamkeit und Milde, wodurch sich Neumann die Achtung und Liebe aller Kollegen erworben habe Den Schluß bildete das sehr schön gesungene Abenheim'sche „Wiedersehen" mit Text von Dr. Ruff „Allvater in den Höhen!" Oelterreich-Ungarn. LI Wien, 3. Juli. Die Krise in der freiwilligen Rettungsgesellschaft, von der ich Ihnen bereits berichtet habe, ist nun glücklich beendet; der bisherige Chefarzt Dr. Bragassy wurde mit einer Abfindungssumme von 11,000 fl. entlassen, an dessen Stelle tritt Dr. Charas (provisorisch), während der Platz des assistirenden Arztes Zechmeister, der gleichfalls entlassen wurde, unbesetzt bleibt. Inzwischen nehmen die Vorgänge an der Universität das regste Interesse in Anspruch. Die Vertreter aller antisemitischen Burschenschaften der Universität überreichten in vollem Wichs dem Rektor, Hofrath Tschermak, eine Denkschrift, worin sie volle Straflosigkeit sämmtlicher wegen der jüngsten Demonstrationen beschuldigten öder in Untersuchung gezogenen Studenten, sowie die Entlassung des Hofrathes Professor Nothnagel wegen Bekundung seiner politischen Ansicht anläßlich der neulichen Krisis in der Rettungs- Gesellschaft verlangen. Nach der Ueberreichung der Denkschrift fand in der Aula eine stürmische Demonstration statt Das Merkwürdigste ist. daß die deutschnationalen Studenten mit den Slaven gemeinsame Sache machen auf dem Boden des Antisemitismus. Die jungen Leute, welche für sich unbeschränkte Freiheit ihrer Ansicht fordern, heischen in aller Form von den akademischen Behörden, daß sie Professor Nothnagel maßregeln sollen, weil er nicht antisemitisch gesinnt ist Der Rektor der Universität, Professor Tschermak, nimmt dem gegenüber eine seltsame Haltung ein. Während alle sistirten klinischen Vorlesungen am Montag wieder ausgenommen werden, darf nur Professor Nothnagel dies nicht thun, obgleich er ausdrücklich darum ansuchte. In Professoren-Kreisen rief dies starkes Befremden hervor. Eine außerordentliche Versammlung des medizinischen Professoren-Kollegiums steht bevor. Die meisten Professoren wollen sich mit Nothnagel solidarisch erklären. In dem Vorgehen gegenüber Nothnagel sehen sie mit Recht eine Demüthigung des Lehrers vor seinen Schülern. — Die Affaire des Pfarrers Deck er t ist in ein neues Stadium getreten: Es wurde eine seiner acht vielbesprochenen Predigten von der Staatsanwaltschaft mit Beschlag belegt. Pfarrer Deckert hatte nämlich seit kurzer Zeit domit begonnen, von seinen acht „Konferenzreden" eine nach der anderen im Drucke erscheinen zu lassen, indem er dabei wahrscheinlich auf die bekannte Erklärung vertraute, welche der Ministerpräsident Fürst Windischgrätz über die Weinhauser ylffaire im Parlament abgegeben hatte. Fürst Windischgrätz hatte Namens der Regierung erklärt, daß dieselbe keinen Grund und keine Veranlassung habe, gegen den Weinhaufer Pfarrer Dr. Josef Deckert wegen seiner acht gegen das Judenthum gerichteten Kanzelreden irgendwie einzuschreiten; Pfarrer Deckert kalkulirte also, wenn die Negierung keinen Grund hat, gegen die Reden einzuschreiten, sind sie auch nicht straf- und konfiszirbar, und sandte beruhigt eine nach der anderen in die Druckerei. Die ersten Predigten Deckerts blieben auch thatsächlich unbeanstandet, allein bei der jetzt im Drucke erschienenen fünften „Konferenzrede" hat sich's gezeigt, daß Dr. Deckert denn doch die Rechnung ohne den Staatsanwalt gemacht hat. Die Staatsanwaltschaft hat nämlich eine der im Druck erschienenen Predigten des Pfarrers Dr Deckert wegen Aufreizung gegen eine gesetzlich anerkannte Religionsgenossenschast nach § 302 in Beschlag gelegt. — Polizeikommissar Dr! Adolf Rosenbaum wurde zum Polizei-Oberkommissar und Ingenieur Heinrich Lichtblau zum Baurathe des Stadtbauamtes erstaunt. B. Budapest, 1. Juli. Zu dem von uns gemeldeten Fall über das Verschwinden des Mädchens, welches später im Bache erttunken aufgefunden wurde, meldet man, daß, trotzdem die böswillig erfundenen Gerüchte thatsächlich widerlegt worden sind und durch die Sektion erwiesen ist, daß das Mädchen im Wasser ums Leben kam, sich die Gemüther noch immer nicht beruhigt haben. „Wie kann denn," sagen die Agitatoren, „ein erwachsenes Mädchen dort ertrinken, wo das Wasser bis zur Kniekehle reicht? Die Juden haben sie gewürgt (!) und sie dorthin geschleppt." Nun ist es aber durch mehrere Zeugenaussagen erwiesen, daß das Mädchen beim Ausbruch des Gewitters in der Nähe des Weges gesehen wurde. Macht nichts. „Die Juden haben es gethan," zischeln katilinarische Naturen, und „die Juden haben sie ermordet", raunen die bethörten Bauern einander zu. Dank den behördlichen Verfügungen wird der Pöbel im Zaume gehalten und weiteres Unglück verhütet. Gewissenlose Hetzer, Allen voran die antisemitisch gesinnten Panslaven, benützen diese Gelegenheit, um die Bevölkerung in dem beklagenswerthen Irrwahn zu bestärken. Sie hetzen und schüren, sodaß bei der dortigen Bauernschaft eine solche Erregung Platz griff, welche die Aufmerksamkeit der Behörden verdient. Die Israeliten des Ortes werden arg bedroht, man schlägt ihnen die Fensterscheiben ein, und fanatisirte Bauernweiber, mit Sicheln bewaffnet, überfielen am 20. v. Mts. David Langer, der blutüberströmt in seine Wohnung gebracht werden mußte. Nachdem die Schürereien kein Ende nahmen und untergeordnete Beamte die Hand im Spiele haben, suchte der dortige Rabbiner L. Marmorstein bei dem Minister des Innern um erhöhte Schutzmaßregeln an. Der Minister ordnete sofort an, daß die dortige Gendarmerie Verstärkung erhalte und daß gegen alle Jene, die an den Unruhen und Hetzereien aktiv theilnahmen, die Untersuchung eingeleitet werde. — Der Weihbischof Josef Neineth kam auf seiner Firmungsreise nach Püde, wo er von dem dortigen Einwohner Reiner, dem einzigen Juden des Ortes, im Namen der Bevölkerung begrüßt wurde. Der Bischof war von dieser Begrüßung sehr angenehm berührt; er hob in seiner Antwort besonders die Eintracht unter den, im Orte