Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1894)
- Date
- 1894-07-06
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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4 vertretenen Konfessionen lobend hervor und ermahnte die Bevölkerung, auch fernerhin als Brüder in Eintracht miteinander zu leben. — Die Neutraer israelitische Kultusgemeinde wählte Rabbiner Moses Kaez aus Tokaj zum Rabbiner. Amerika. n. Netv-Aork, 26. Juni. Die „Gesellschaft für Veröffentlichung von Werten jüdischer Litteratur" hielt ihre zweite Versammlung in Philadelphia ab. Eine große Anzahl hervorragender hiesiger Kapazitäten waren anwesend, u. A. Professor Cyrus L. Adler, Simon Wolf (Philadelphia), die Rabbiner Dr. Krauskopf, Berkowitz, Jastrow und Levy rc. Oscar S. Strauß wurde zum Vorsitzenden gewählt. Die Zahl der Mitglieder beläuft sich auf 2992. Im Laufe der letzten zwei Jahre kamen sechs Bände zur Veröffentlichung, und ist das Komitee im Besitze des Manuskriptes für weitere zwei Bände, bestehend aus dem 4. Band „Grätz, Geschichte der Juden" und „Litterarische Abhandlungen von Dr. Gustav Karpeles". Am Abend fand ein großes Bankett zu Ehren der Gäste statt, an welchem ca. 1000 Personen theilnahmen. Die Festversammlung brach erst zu später Stunde auf. Argentinien. ng. Mauricio, im Mai. Am 15. März er. langte Hierselbst ein Komitee der Verwaltung der Kolonie-Administration an, um hier den jüdischen Bauern die Rechnung für die bisher von der Administration verausgabten Gelder. auszustellen. Am 10. April hatte das Komitee diese 'Arbeit bewältigt. Die Kolonisten drückten dem Komitee ihre Beschwerden darüber aus, daß sie unmöglich für die gesammten 2l/2 Jahre die Auslagen bezahlen könnten, da sie circa 16 Monate haben müßig zubringen müssen, indem ihnen die Administration weder passende Wohnräume, noch Grund und Boden zur Bearbeitung zuweisen konnte; so z. B. protestirten die jüdischen Kolonisten mit Recht gegen die ihnen in Rechnung gebrachten Zelte, unter welchen sie 15 Monate vorübergehend Obdach gefunden hatten. Diese Kosten — das läge doch einleuchtend auf der Hand — seien nur durch Mangel an Umsicht von der Administration verursacht worden. Das Komitee sah sich daher genöthigt, nur die Kosten der letzten 15 Monate auf Rechnung zu stellen. Die Rechnungen wurden ihren Adressaten zugestellt und denselben 3 Tage Frist zwecks etwaiger Reklamationen gewährt. Nach Verlauf dieser Frist mußten die Bauern die Schuldscheine anerkennen, die sich auf 2000—4000 Pesas (2060-4120 M.), je nach dem Werthe des Bodens, welcher übrigens gar nicht mal theuer ist. Ein Ar der besten Erde kostet nänilich 35 Pesas (36 M.). Diejenigen Familien, die mehr Mitglieder zählen, haben auch dementsprechend mehr Grund und Boden erhalten, welche ihrerseits mehr Arbeitsmaterial und Vieh erfordern. Bezüglich der Rechnungen reklamirten mehrere innerhalb der festgesetzten Frist und wandten sich hierauf an die Vorsteher der Administration Hirsch und Cafes in Buenos-Ayres, an welche sie eine Deputation entsandten. Dieselbe trug den Vorstehern die Klage vor, daß man ihnen für das Krankenhaus 75 Pesas pro Person in Anrechnung gebracht habe, und diese Summe doch entschieden für die Zeit von 15 Monaten, welche nur in Anrechnung gebracht werden könnte, zu hoch erscheine. Die Administration theilte hierauf der Deputation mit, daß die Gemeinde Mauricio — von diesem Tage an sei sie sich selbst überlassen, Gemeinde geworden — für den Preis von 75 Pesas (76,80 M.) pro- Person das Krankenhaus — dessen Errichtung 10,000 Dollars gekostet — als ihr Eigenthum erwerbe. Die Bestreitungskosten des Krankenhauses (3000 Pesas) sollen jährlich durch den Ertrag des Fleischhandels, der in den Händen der Gemeinde läge, aufgebracht werden. Für die Schule sei jährlich 6 Francs an die Alliance Jsraelite zu entrichten. Auch steht es ihnen frei, die Schule selbst zu verwalten. — Am 15. April war der feierliche Akt, durch welchen Mauricio auf eigene Füße gestellt. Die Hirsch'sche Kolonie-Administration zieht sich jetzt von Mauricio zurück und hat es .dadurch zur selbständigen Gemeinde gemacht. Hierauf wurde ein aus 5 Personen bestehender Gemeindevorstand gewählt, welchem die Administration feierlichst die Verwaltung übertrug. Ob diese eine gute sein wird, wird uns die Zukunft lehren. — Die im April d. I. von Odessa mit dem Dampfer Bosporus nach den Hirschffchen Kolonien abgereisten 735 Emigranten sind wohlbehalten hier angelangt. Sie werden in drei gesonderten Ortschaften angesiedelt, die bereits mit Wohnhäusern, Ställen u. s. w. versehen sind. Non Nah und Fern. ---- Unter den zwölf weiblichen Inhabern der Rettungsmedaille befindet sich auch eine „Semitin", Fräulein Hirschfeld, jetzt Gattin des berühmten Landschaftsmalers Wentscher. — An der hiesigen Produktenbörse lagen jüngst Proben von La Plata-Weizen und Roggen vor, der in Argentinien von der dort gegründeten Kolonie russisch-jüdischer Auswanderer geerntet worden ist. Als Aussaat war russisches Getreide verwandt worden. Die albernen Witze der „Kreuzzeitung" über „koscheres Getreide" richten sich damit von selbst. — Der Verleger der antisemitischen Bilderbogen Glöß aus Dresden wurde von der zweiten hiesigen Strafkammer nach eingelegter Revision zu 500 Mark und Vernichtung des beleidigenden Bilderbogens verurtheilt. — Zur Schächtfrage will das „Volk" aus Hamm erfahren haben, daß die Regierung in Arnsberg von den Schlachthausinspektoren rc. Gutachten darüber eingefordert habe, ob das Schächten der Juden nicht doch eine Thierquälerei in sich schließe. — Bei der am 22. v. M. stattgehabten Landtagsersatzwahl in Hofgeismar-Wolfshagen wurde der bisherige konservative Abgeordnete von Pappenheim mit 185 Stimmen wiedergewählt. Liebermann von Sonnenberg erhielt 13 Stimmen, Landrath von Buttlar 1 Stimme. Am 7. November 1893 fielen auf Pappenheim 103, auf Liebermann von Sonnenberg 87 Simmen. — In Altona ist ein eifriger Antisemitenhäuptling, der Kaufmann Behnisch, auf Denunziation seines früheren Freundes, des antisemitischen Agitators Fuhrmann, unter der Beschuldigung der wiederholten Wechselfälschung in Haft genommen worden. Fuhrmann behauptet, Behnisch habe mit seinem Namen Wechsel gefälscht. — In Fürth ist am 28 v. M. der verdienstvolle Direktor der israelitischen Waisenanstalt, Dr. B. Königshöfer, gestorben. — In Geilenkirchen hat sich auf Veranlassung des Lehrers Frohmann ein Verein unter den jungen Leuten gebildet, welcher sich zur Aufgabe gesetzt hat, die jüdische Litteratur zu fördern, den Geist der Thora zu verbreiten und arme nothleidende Jünglinge zu unterstützen. Vorträge finden wöchentlich am Sabbath statt, die Herr Lehrer Frohmann hält. — Des Antisemiten Drumont „La libre Parole“ ist zum Postbetriebe in Deutschland wieder zugelassen. — Adolf Brüll, em. Honorar-Kanzler beim öst.-ung. Konsulat in Honkong, ist nach langem Leiden, dessen Keim er sich in Ostindien durch den langjährigen Aufenthalt geholt, in Karlsbad, wo er zur Kur weilte, gestorben. — Zum Rektor der Universität Czernowitz wurde Professor Dr. Alois Handel gewählt. — In Lemberg ist der Censor der galizischen Landesbank und Nationalbank, Handelskammerrath Jakob Meyer Klarfeld, gestorben. — In Chaux-de-Fonds wurde am 28. v. M. der Grundstein zur neuen Synagoge in Anwesenheit der Behörden gelegt. Rabbiner Wolf gab in seiner Weiherede ein interessantes historisches Bild über die Schicksale dieser alten Gemeinde. — Wie aus Petersburg verlautet, wird Personen israelitischer Religion, welche im Widerspruch mit den gesetzlichen Bestimmungen in den inneren Gouvernements leben, das Recht verliehen, Handelspatente bis zu den durch das Ministerium des Innern für die Ueberstedlung nach dem gesetzlich begrenzten Ansiedlungsrayon bestimmten Fristen zu lösen. — Der Schriftsteller Oswald Neuschotz de Jassy hat vom rumänischen Kultusministerium einen Ruf als Dozent für deutsche Sprache und Litteratur nach Bukarest erhalten. — In Paris ist am 22. v. M. Baron Josef Leonino gestorben. In der Leichenrede rühmte der Grand-Nabbin Zadoc Cahn die große Wohlthätigkeit und Glaubenstreue des Heimgegangenen. — Am 29. April hatte die einzige in Beyruth existirende Tageszeitung beschlossen, einen Artikel mit sehr rührenden Einzelheiten über den Mord eines christlichen Kindes in einer israelitischen Mühle zu Jaffa zu bringen. Die Censur hatte den Artikel gestrichen, er erschien indessen dennoch. Die alsbald benachrichtigten Behörden ließen den Hauptredakteur festnehmen, der einen Tag sitzen mußte. Er wird außerdem 1000 Frs. Strafe zahlen müssen und seine Zeitung wird bis auf Weiteres fistirt. — Der Vertreter der „Kölnischen Zeitung" inKonstantinopel, Julius Grosser, ist zum Offizier des Medschidje- Ordens ernannt worden. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.