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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-07-06 · Heft 27 (6.7.1894) · p. Seite 322

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 27 (6.7.1894)
Date
1894-07-06
Page
Seite 322 (sequence 10)
Language
German
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322 mich den seltenen Leckerbissen, auf diese Weise der Erziehung des Kindes Segen bringend. Niemals ertönte an der Wiege des kleinen Jizchak der süße, milde Gesang einer Mutter. Lieder, die Herz und Gemiith erwecken, das Kind mit der Mnttcriiiilch durchdringe», »in später einmal die Poesie seines Lebens, die Blüthe seiner Erinnerung zu werden — sie erklangen nie in diesem Wohnsitze der Arbeit und des Elends. Von Zeit zn Zeit summte die Schwester das Bruchstück einer beim Sabbathmahle des Vaters gehörten Weise, gewöhnlich setzte irgend ein Familienglicd die Wiege in Bewegung, schrie den Kleinen dabei an, und so schlief das geängstigte, eingeschüchterte Geschöpf ein. Nenn Monate später bewegte sich der schmutzige, übelriechende Jizchak auf asten Vieren nnd sog an warmen Erdäpfeln. Er ließ bereits verschiedene unartikulirte Laute znm Ergötzen der ganzen Familie ertöne!«. Er zauste den Bart des Vaters, der Mutter kroch er eilig entgegen, die Händchen ausstreckend nnd die Zunge zeigend. Dafür bekam er zur Winterzcit «»arme Erdäpfel, inr Sommer eine entkernte Pflaume oder gar eine iveiche Birne. Durch Händeklatschen und ein unbestiinmtcs Wiehern äußerte er dann seine Zufriedenheit; öfter jedoch war sein unermüdliches Weinen und durchdringendes Schreie» zu vernehmen. So lebte er im Kreise der Familie, sorgfältigst gepflegt nach jener pädagogischen Methode, die der galizische Landmann mit Erfolg an seinen Gartengewächsen zur Anwendung bringt; er begießt siewenn die Dürre sehr fühlbar wird, und jätet, wenn die Schinnrozerpflanzcn sich zu breit machen und die Säfte aufznsaugen beginnen. Auch Jizchak kam nur einmal wöchentlich mit dem Waschwasser in Berührung, man stopfte sein Mäulchen, wenn es zu stark schrie, und warf ihn in die Wiege, wenn er im Hanse überflüssig wurde, y Im dritten Lebensjahre trug Jizchak ein ewig nasses Hemd und Zizith, am Kopfe aber die fcttgetränkte Kappe seines Vaters. Das Haar war bis auf zwei Löckchen an den Ohren vollständig rasirt. Tagsüber trieb er sich im nächsten Gäßchen herum; am seltensten war er in der Stube zu finden, die er wegen der nngemüthlichen Enge mied. Das Gesichtchen war ewig beschmiert und die Stirn niit Beulen bedeckt. Als er das dritte Jahr seines Erdenwallens hinter sich hatte, erhielt der kleine Graf lange Barchenthöschen nnd ein paar Schuhe. Letztere freilich blos für samstäglichen Gebrauch. Oft trippelte er (nunmehr) mit entcngleichem Schritte hinter seiner Mutter am Markt- Platze umher, mit den schwarzen Augen schaute er auf Aste und ans Alles; schwer arbeiteten dabei seine Gedanken. Millionen von neuen Bildern, Eindrücken und Empfindungen drangen ans das kleine Gehirn ein, und in dem Zeitabschnitt, wo andere Kinder sich oft mehr entwickeln als in ihrem ganzen Jünglingsalter, hatte ec geschlossene Lippen, und nur seine Augen glänzten. Bald aber wurde ihm die Pflicht auferlcgt, ein kleines Geschöpfchen zu wiegen, um welches sich zu jener Zeit die Familie des Red Mendel vergrößert hatte. „Was ist daS?" fragte Jizchak neugierig beim Anblick des kleinen, wimmernden, in seine Windel geschnürten Wesens. Im Gefühle seiner Ueberlegenheit lachte er über die formlose Gestalt, bestand darauf, das Schwesterchen zur Thür hinauszuwerfen; aber nach acht Tagen wollte er sie für keinen Augenblick im Stich lasten, weinte bitterlich, wenn man sie wegzugeben drohte. Doch nicht lange währte dieses Glück, das kleine Schwesterchen wurde— ganz in ein Leintuch gehüllt — von einem Juden auf den Friedhof getragen. Die Eltern aber hielten große Berathung. „Wir müsten mit dem Jizchak etwas beginnen," — sprach der Vater. „Er ist noch so klein und hinfällig," — flüsterte die Mutter. „Macht nichts, er wird sich schon entwickeln, sobald ihn nur der Belfer in die Schule nimmt." „Er kann ja kaum reden, — ist er doch nicht viel über drei Jahre." — „Willst Du ihn zu Hanse halten? Wie ich so alt war, saß ich schon geraume Zeit im Cheder." „Du," — und Mirjam lächelte wegwerfend, trotz der grenzenlosen Bewunderung, die sie in tiefster Seele für die Weisheit und talmndische Gelehrsamkeit ihres Mannes empfand. „Kurz und gut, endlich muß er ins Cheder kommen, in der Stube ist kein Platz für ihn, er steht überall im Wege." Dies war entscheidend für das Geschick eines Menschen. Zn tieferem Nachdenken fühlten sich seine Eltern nicht angeregt. Sie erwogen nicht, daß dieses Kind auch ein Glied an der Kette der kämpfenden Menschheit werden sollte, daß cs ein Theil jener großen Familie sei, welche als Volk, Land oder Gemeinwesen seinen Kindern gewiffe Rechte und Pflichten zutheilt, nnd daß nur das Verständniß und die Erfüllung derselben uns die Berechtigung giebt, Menschen und Bürger zn heißen. Daran dachte Niemand; wer wird es also einst verantworten, wenn der Denker oder Sittenrichter dem erwachsenen Jizchak die Würde des Mcnscheiithunis absprechen sollte? (Fortsetzung folgt.) Litterarische Mittheilungen. Der christliche Staat und seine Zukunft von Dr. L. Jacobs wski. Berlin 1894. Carl Duncker. XII. und 228 S. Der Verfasser ist Jude. Als solcher hat er nicht nur -das Recht, sondern die Pflicht, seine Ansicht über den christlichen Staat zu äußern, denn das Schlagwort vom christlichen Staat findet hauptsächlich Verwendung, um die Juden ihrer staatsbürgerlichen Rechte zu berauben. Und man darf von dem Verfasser nur verlangen, daß er den heiklen Gegenstand mit Rücksicht und Takt behandelt. Diesem Erforderniß hat der Verfasser überall genügt, er spricht von dem Christenthum mit großer Ehrerbietung. Er theilt darin die unter den deutschen Juden herrschende Anschauung, daß das Christenthum für das Unrecht nicht die Schuld trägt, das unter seinem Namen begangen worden ist. Aber gerade, weil er vom Christenthum hoch denkt, findet der Verfasser, daß Staat und Kirche dem Ideal der Religion nicht genügend nachgestrebt haben. Im Vergleich zwischen Protestantismus und Katholizismus kommt der letztere beim Verfasser ungünstiger fort. Es ist dies augenscheinlich nicht das Ergebniß persönlicher Voreingenommenheit, sondern seines Aufenthaltes in einem protestantischen Lande. Da auch heutzutage jede Gemeinschaft danach strebt, ihre Nebenmenschen zu belfern, statt bei sich anzufangen, ist bei uns scharfe Kritik katholischer Schwäche mehr beliebt als die protestantischer Fehler, und die litterarische Luft, in welcher er lebt, hat auf den Verfasser ihren Einfluß ausgeübt. Dr. I. ist geschickt in der Auswahl und Gegenüberstellung geschichtlicher Ereignisse; es sei zum Beispiel die Parallele zwischen Cromwell und Slaxl I. (S. 39) hervorgehoben, die Beide unter christlicher Fahne gegen einander kämpften. Da die Belesenheit des Verfassers sich nicht nur auf politische und religiöse Schriften erstreckt, sondern auch die ethnographische Litteratur beherrscht, hat die Schrift eine wissenschaftliche Grundlage, die ihr, abgesehen von ihrer Aktualität, ihren Werth sichert. Neben diesen großen Vorzügen seien auch die Mängel der Schrift hervorzuheben. Der Verfasser ist in der Auswahl seiner Citate nicht überall kritisch genug vorgegangen. Es macht sich stellenweise ein Mangel juristischer Kenntnisse geltend es fehlt bei ihm zum Beispiel die richtige Unterscheidung zwischen permissorischem und assertorischem Eid. Verfehlt scheint der zweite Theil der Schrift, der von der Zukunft des israelitischen Staates handelt. Nachdem der Verfasser im ersten düttÜI

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