Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-07-06 · Heft 27 (6.7.1894) · p. Seite 321

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 27 (6.7.1894)
Date
1894-07-06
Page
Seite 321 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228040-3228068--50943-3273779
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

-- 321 - Der Glaube bewirkt Wunder, und dieses Glaubens voll, saß jetzt Reb Mendel ganz ruhig im Kreise seiner Kinder und erzählte ihnen verschiedene dem Ereignisse angepaßte talmudische Uebetlieferungest. Er sagte, wie Gott jeder Seele flor dem Eintritte ins Erdenleben die Bahn ihrer künftigen Pilgerfahrt vorzeichnet. Er bestimmt: Der wird reich und Jener arm werden; Jener klug und Dieser dumm, Jener schwach und Dieser stark; wer aber fromm und ehrlich sein soll, und wer es nicht wird, dieses beschließt Gott nicht, sondern stellt es dem freien Willen und Gewissen eines Jeden anheim. Diese Erzählung ergänzte Reb Mendel durch die entsprechende Moralische Nutzanwendung. Ans Zimmer erlaubte ihm die weise Frau mit den Kindetn nöch nicht zu treten, so war denn Reb Mendel bemüht» dieselben dürch seine Parabeln im Hausflur anfzuhalten. „Jede ,Seele," fuhr er , fort, „kennt, bevor sie in den Leib des Neugeborenen versetzt wird, ganz genau die Vergangenheit und Zukunft des Weltalls; jedoch im entscheidenden Momente, wenn es sein Näschen schon in die Welt steckt, kommt ein Engel und versetzt dem Kinde einen Nasenstüber; dadurch schlägt er ihm alles Wissen aus dem Gedächtnisse; deshalb hat jeder Mensch eine längliche Vertiefung an der Oberlippe, das ist die Spur des heiligen Nasenstübers." Diese unsanfte Berührung schien dem jüngsten Sprossen Reb Mendels besonders fühlbar gewesen zu sein; deuu sein Geschrei und krampfhaftes Beben setzten sogar die „Bube" (Hebamme) in Erständen. Oder entsprang >vohl sein Weinen einer anderen Quelle? ÄUs dem Paradiese plötzlich in die rauhen Hände der Hebamme versetzt» berührt von der Kühle und den Ausdünstungen der Stube, dem Stiche der Strahlen des Tageslichtes und einer von der bisherigen so verschiedenen, seinen ganzen schwachen Organismus erschütternden Atmosphäre preisgegeben, hatte das neue Menschenkind recht greifbare Ursachen zum Weinen. Dieses veranlaßt endlich den Vater, das Zimmer zu betreten. Er näherte sich dem Scheuerschaff, welches jetzt zur Badewanne avancirt, in welchem die Hebamme den Knirps hielt und ihn mit sachkundiger Hand von den Spuren einer anderen, vielleicht besseren Welt säuberte. feierlich und bewegt sah der Vater auf dieses jüngste Reis seines Stammes und näherte sich einigermaßen zögernd dem feuchten Bette der Wöchnerin. Bleich, schwer athmend, lag das Weib mit halb geschloffenen Augen. Die Lippen des Mannes fanden keül Wort der Zärtlichkeit oder der ernsten Betrachtung. Er war an solche Vorgänge zu sehr gewohnt. — „Mann," sagte plötzlich die Frau, — „bringe mir aus dem Kasten die alten Hemden, die ich mir für Windeln vorbereitet habe." Nachdem er das Verlangte gebracht hatte, setzte sich Reb Mendel an einen Tisch und füllte vermittelst einer Gänsefeder einige Blätter mit gedrängter hebräischer Schrift. Es war dies der Psalm 121, dann ein Gebet an die Engel des Himmels, daß sie die Wöchnerin vor' den bösen Geistern der Hölle beschützen mögen, ferner schrieb er nebst manchen kabbalistischen Formeln mit großen Buchstaben „Allmächtiger, bezwinge den Satan" und sechs Kombinationen des Satzes: „Die Hexe bleibe nicht am Leben." Diese Zettel, nach dem großen Wunderthäter der größte Schutz des Neugeborenen gegen alle Mines und Klipes (Teufelinnen und böse Geister) hing er über sämmtliche Thüren und Fenster seines elenden Stübchens, und den größten befestigte er an dem Leintuch, welches als der primitivste und billigste Vorhang das Bett Mirjams verhüllte. Nachdem er nun solcherart sein Kind vor der Böswilligkeit der Vampyre bewahrt hatte, dachte Reb Mendel nun auch daran, die irdischen Quälgeister zu vertreiben, die sich in Gestalt der Kälte, des Hungers und anderer Beschwerden seinem Hause näherten. Dies bot ihm aber gewöhnlich viel größere Schwierigkeiten, als der Kampf mit den übernatürlichen Mächten. Zur Befriedigung der außerordentlichen Bedürfniffe des Graf'schen Hauses veranstalteten nunmehr zwei fromme Juden eine Sammlung milder Gaben unter den Glanbensgenossen der Stadt. Sechs Tage später versammelte sich ein großer Haufen Chederkinder und verrichtete unter Anleitung des „Belfers" das Gebet „Schema", wonach man die Kleinen mit Backwerk beschenkte. Am nächsten Tage aber tummelte sich Mirjam wacker in der Stube und bewirthete die festlich geputzten Nachbarinnen mit Lebkuchen und süßem Schnapse. Um elf Uhr packte die Hebamme den schreienden Knirps in ein großes Polster, und der Zug der Weiber setzte sich nach dem Bethamidrasch in Bewegung. Dort nahmen sie au der Thür Stellilng, und das Kind wurde von Hand zu Hand gereicht, bis zum erhabenen Sitze des Sandek (Taufpathe), wo der „Beschneider" den konfessionslosen Weltbürger in Israels Bund einführte. Die Judengemeiude von Zafriecko vermehrte sich also um einen armen Schlucker, das städtische Matrikelbnch um einen Posten, und die Familie Graf um einen hungrigen Magen. II. Vorläufig vertilgte er nicht viel, doch auch seine geringen Bedürfnisse tvurden weder hinreichend noch regelmäßig befriedigt. Es wäre dies für die Menschheit viel zu bequem gewesen. Mirjam war von den mannigfaltigsten Thätigkeiten absorbict; ganz allein ernährte sie sieben Wesen, mit der äußersten Anstrengung von Kopf, Füße», Mundwerk und — Gewissen. Sie mußte es wohl. In freien Momenten stürzte sie in ihre Stube, warf der ältesten Tochter Erbsen oder Grünzeug zur Suppe hin; einem der Kinder gab sie ein Stück Brod und zwei Kreuzer als Mittageffen, den anderen zum Brode je ein Stück saurer Gurke oder Zwiebel. Dabei stieß sie, machte Ordnung und schalt unaufhörlich, kühlte ihr Müthcheu an ihrem Manne, schnäuzte der zweijährigen Rifke die Nase, und dies Alles in größter Eile, gleichsam stehenden Fußes. „Und Jizchak?" rief sie noch in der Thür stehend, „schon wieder naß," und sie sandte ein Dutzend Flüche an die Adresse der ältesten Tochter. „Das ist die reine Strafe Gottes," klagte sie, „aber der ist sicher schon der Letzte." Dann küßte sie ihn, drückte ihn an sich, trank rasch das eiligst bereitete Cichoriengebräu und reichte gleichzeitig dein Kinde die weiße Brust. Dabei veränderte sich ihr gebräuntes, knmmergefaltetes Gesicht fortwährend unter dem Andrange der verschiedenartigsten Gefühle und Gedanken. Denn vielseitig und inhaltsreich war auch das Leben dieses Weibes. Sie konnte mit unaussprechlicher Liebe in das Antlitz ihres Säuglings blicken, und gleich darauf mit thierischer Wnth bei einer Hühner- oder Eierverkäuferin um einen Kreuzer Verdienst feilschen; jetzt seufzte sie schwer beim Anblicke ihrer barfüßigen, elenden Kinder, um sie in einem Augenblick mit Füßen zu stoßen und ihnen zuzurufen: „Daß Dich der Schlag!" Große Kränkungen, kleine Freuden, Mühsal und Erbitterung hatten ihre Zeichen in das Antlitz dieser ausgezeichneten Mutter geschrieben; so war sie denn auch ein ewig bewegliches Rädchen in der riesigen Maschine, bereu Motoren Liebe und Hunger sind. Nach der dritten Woche begann man das Kind mit einer Flüssigkeit zu füttern, die aus einer Menge Wassers und einem verschwindenden Theile Milch bestand. Bald darauf wurde Jizchak in eine Wiege übertragen, welche schon viele Grafische Geschlechter gekannt hatte. Vorerst wurden aber in die Wiege viele Lebkuchenstücke geworfen, und herbeigerufene Nachbarskinder fahndeten eifr>a

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.