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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-07-06 · Heft 27 (6.7.1894) · p. Seite 320

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 27 (6.7.1894)
Date
1894-07-06
Page
Seite 320 (sequence 8)
Language
German
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- 320 Kleinen. Es giebt bekanntlich Mütter, welche wenigstens vier Sommerwochen lang kinderlos sein wollen. Nachdem ich der Wahrheit gemäß so von ihr gesprochen habe, theile ich noch zum allgemeinen Erstaunen der Antisemiten mit, daß sie eine Jüdin ist. Die Sommerfrische, welche sie in diesem Jahre ausgesucht hatte, war so recht eine für die Kinder, auch für die ihrigen, die sie mitgebracht. Der Ort hatte einen eigenen Spielplatz für die Kleinen, die daselbst allerlei Turngeräthe und Sandhaufen in allen Größen finden, womit sie sich vortrefflich die glückliche Zeit noch glücklicher gestalten können. Das ist ein Gegrabe und Gespringe und Gejauchze! Da stehen auch Bänke für die Mütter, Bonnen und Dienstmädchen, welche die Kinder beaufsichtigen. Auf einer dieser Bänke saß auch regelmäßig die Brünette und las und beaufsichtigte, oder beaufsichtigte und las, und neben sie setzte sich eines Mittags eine Blonde, eine schlanke, elegante Semmelblonde, eine distinguirte Erscheinung. Auch sie ist Mutter, und auch sie beaufsichtigt ihre spielenden Kinder. Das ist kein kurzweiliges Geschäft. Im Gegentheil. Nichts weiter zu thun, als dann und wann warneird oder bändigend den Namen eines Kindes zu rufen, das ist ja auf die Dauer nicht sonderlich unterhaltend. Also plaudern die Blonde und die Brünette miteinander. Was Damen so plaudern. Ueber nichts oder über noch weniger. Damengeplauder, namentlich das lebhafte, besteht ja im Grunde aus nichts Anderem. „Wie gefällt Ihnen der Ort?" fragte die Brünette. „Vortrefflich," versicherte die Blonde, während sie mit dem Sonnenschirm Runen in den Sand gräbt. „Gute Luft, gute Verpflegung, civile Preise, — keine steile Umgegend, — was will man mehr?" „Nun, gute Gesellschaft," sagte die Brünette, als sei sie wirklich nach mehr gefragt worden. „Ich kenne die Gesellschaft noch nicht, ich bin erst angekommen und lebe sehr zurückgezogen. Was für eine Gesellschaft ist denn da?" „Eine nicht üble," berichtete die Blonde, „sie ist nicht gerade aufregend, aber sie gefällt mir ganz gut. Beamte, Professoren, Kaufleute, Pensionirte, kurz, was so in die Bäder geht, um Geld und Fett loszuwerden. Gestern lernte ich einen alten Major mit seiner treuen Gicht und seiner veralteten Frau kennen, charmante Leute. Nur einige jüdische Familien —" „Was ist mit denen?" fragte die Brünette mit einiger wegen ihrer Plötzlichkeit schwer zu verbergenden Nervosität. „Diese Familien sind mir odios," fährt die ganz lebhaft werdende Blonde fort, sich länger als nöthig auf der Silbe os aufhaltend. „Sie müssen die Damen sehen! Juwelierlädenschaufenster sage ich Ihnen, und täglich zweimal andere Dekorationen, selbst für den Ball zu auffallend. Und die Männer nach dem Frühstück und nach Tisch mit ihrem ewigen Tarock, während die Kinder in ihren Matrosenanzügen zwischen den Tischen herumtrompeten. Wenn sie fallen, so schreien die Männer, weil sie wahrscheinlich glauben, es sind die Course. Fürchterlich! Sie inögen meinetwegen ganz brave Leute sein, aber ich kann sie nicht ausstehen. Genug, daß man ihnen in Berlin nicht ausweichen kann, aber da sollen sie bleiben und Einen nicht in die Bäder verfolgen!" Die Brünette überläuft's. Schon bei den ersten Worten hat sie unwillig gedacht: „Ach, eine Antisemitin!" Sie ist keine polemische Natur, sie überläßt opferfreudig Zank und Streit über das Recht oder Unrecht in dem „Sozialismus der dummen Leute" den Männern, aber auch diese hört sie nur mit Widerwillen darüber debattiren. Die Blonde, die nicht zu wissen scheint, daß die Brünette eine Jüdine ist, — aber sie müßte es ihr doch ansehen! — fängt an, ihr sehr unbequem zu werden. Soll sie ihr's sagen? Soll sie Farbe bekennen? Aber die Farbe bekennt ja selbst genug. Um ihre Verlegenheit zu verbergen, sagt sie etwas Anderes. „Wie heißen die Leute?" „Wie werden sie heißen! Meier werden sie heißen!" schäuspielett die Blonde, indem sie mit den Händen und dem ganzen Oberkörper Bewegungen macht, über die sich die Briinette ärgert. Der Brünetten ist der ganze Vormittag verdorben. Am andern Vormittag treffen sich die beiden Dame» wieder. Die Blonde hat nichts gemerkt, und die Brünette will nichts merken lassen und ist deshalb so höflich wie möglich. Eine gebildete Frau wird immer höflich sein, wenn sie unhöflich sein möchte. Sie plaudert wieder das lebhafte Nichts mit der Blonden, die sie sehr gut unterhält, bis auf die Momente, wo sie über die Juden spricht. Da ist sie unduldsam, ungerecht, spottsüchtig. Jetzt klagt sie plötzlich übet Hunger, und es ist noch so lange hin bis zum Speisen. „Verehrte Frau" sagt sie zur Brünetten, „unsere Kinder haben genug gespielt, wir schicken sie nach Haus, und wir gehen ins Frühstückszelt nebenan und effen eine Kleinigkeit." Die Brünette lehnt nicht ab, weil sie fürchtet, für verletzt gehalten zu werden. Nun sitzen sie im Frühstückszelt. Die Blonde läßt sich ein Käsebrödchen, die Brünette ein Stück Braten geben. „Sie hätten sich auch Braten geben lasseir sollen, wenn Sie so großen Hunger haben," sagt die Brünette. „Um keinen Preis," betheuert die Blonde sehr energisch Uttb etwas verdrießlich auf den vor der Brünetten stehenden Braten sehend» „meine Eltern waren sehr orthodox, und ich bin sehr streng erzogen, ich effe nur koscher." Aer Iudenjrmge. Eine Erzählung aus Ostgalizien von Wilhelm Feld mann. Ins Deutsche übertragen von Antonie Salomon in Krakau. (9jl)Ä^irjam Graf kehrte eines Abends sehr müde aus der Stadt tl, zurück. Heute war sie nicht viel umhergelaufen; sie hatte blos in einige herrschaftliche Häuser Geflügel und frische Butter getragen; ihrer Gewohnheit entgegen, hatte sie mit Niemand Zank begonnen, und dennoch .... Sie legte sich in ihr schmutziges Bett und beschenkte einige Stunden später die Welt mit einem kräftigen, schreienden Bürger. „Gelobt sei Gottes Name," flüsterte Reb Mendel, ein verschrumpfter Mekabel (ein frommer, talmudgelehrter Jude, der von milden Gaben lebt) mit tabakbeschmierter Nase, spitzem Barte und zierlich gedrehten Seitenlöckchen. Er bezeigte dabei weder Freude noch Unzufriedenheit. Das Neugeborene — das Sechste in der Reihe der Lebenden — war kein erwünschter Zuwachs für die arme Familie; dennoch erweckte es — schon als das Ergebniß einer Mizwe (einer von Gott gebotenen Pflicht) — keine ängstlichen Gedanken in dem Vater. — „Gott gednkt auch des kleinsten Wurmes, er wird auch unserer nicht vergeffen," sprach er laut mit starker Ueberzeugung. Er hatte gut rede», dieser Mann des blinden Glaubens, der fest daran hielt, daß das Rasiren eines einzigen seiner Barthaar? einen ruchlosen Angriff auf die mosaische Religion bedeute, und daß ohne den ausdrücklichen Willen Gottes kein Strohhalni von dem wig ungekämmten Kopfe (einer Tochter fallen dürfe.

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