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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-07-06 · Heft 27 (6.7.1894) · p. Seite 317

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 27 (6.7.1894)
Date
1894-07-06
Page
Seite 317 (sequence 5)
Language
German
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- 317 überflüssig erscheinen. Vor 25 Jahren ward er einer Kommission überwiesen, die der zweiten Synode sehr gelehrte Gutachten auf Grund der talmudischeu und rabbinischen Quellen mit zum Theil höchst eigenthümlichen Ergebnissen vorlegte. Der Eine wollte die Sabbathfahrt nur zu gottesdienstlichen oder dringlicheir Zwecken erlauben. Der Andere wollte Sabbathfahrt in Droschken, Festtagsfahrt auch in eigenem Fuhrwerk zum Gottesdienst erlauben, nicht aber zum Geschäft oder Vergnügen. Ein Dritter wollte Sabbathfahrt nur in nichtjüdischen Wagen, mit nichtjüdischem Kutscher, bei hohem Alter oder Schwächlichkeit, zum Gottesdienst, zu unaufschieblicher Pflichterfüllung oder bei drohendem Verlust gestatten! In der That hat die Augsburger Synode, wenn auch etwas weiter gehend, die Sabbath- und Festtagsfahrt zun« Gottesdienst — insbesondere zu einen« würdigen und erhebenden — zur Uebung unausschieblicher wohlthätiger Werke, zu Zwecken der Belehrung und Erholung, mit Dampf- oder anderem Wagen für zulässig erklärt. Solche Casuistik wäre wohl nicht mehr im Sinn und Geschmack unserer Zeit. Daß aber trotz vielfacher Anregungsversuche seit 25 Jahren keine dritte Synode mehr in Deutschland zu Stande gekommen, ist trotzdem im höchsten Grade zu bedauern. Das Reformbedürfniß ist nicht geschwunden. Daß hier und dort verbessert, geläutert, vereinfacht w««rde, ist zuzugeben. Aber gerade unserer Zeit thut eine gemeinsame Reformarbeit dringend noth. Judenthum und Juden, vor 25 Jahren geachtet, sind heute geächtet. Eine stark anwachsende politische — oder doch für politisch gehaltene — Partei verfolgt sie mit den feindseligsten Mitteln. Aber weit über die Kreise dieser Fanatiker hinaus hat im Leben, im Staat, in der Gesellschaft, in der Presse dieser Abneiguugsbacillus sich verbreitet. Und in solcher Zeit zu leben, sind wir, unsere Kinder verpflichtet! Wir Alten, Wetterfesten halten's aus. Aber unsere Kinder und Enkel? Gilt es nicht, ihnen das Heiligthum unserer Religion rein Und lauter zu Erhalten; gilt es nicht, ihnen Ehre und Leben in Uebereinstimmung zu zeigen uird zu wahren; gilt es nicht, ihnen Ethik und Aestethik in Religion und Gottesdienst zu bieten, lieb und werth zu machen? Gilt es nicht ihnen fürs Leben, für ihre Nachkommen fest einzuprägen, daß ihr Judenthum ihnen nichts von ihrem Dentschthum entziehen darf und entziehen soll? Und der Blick auf unsere Kinder mehr noch als der auf unsere andersgläubigen Mitbürger, legt uns heutzutage dringender als früher die Pflicht nahe: das Ideale, das Ethische im Judenthum zu pflegen und anszubilden, das uns selbst, mehr noch unfern Kindern fremdartig, veraltet Erscheinende in Außendingen, in altorientalischen rmd mittelalterlichen Ueberlieferungen auf seinen Werth zu prüfen. Heutzutage, wo man sich nicht scheut, das Judenthum als minderwerth anzuklagen, seine Sittlichkeit anzutasten, heutzutage sollte eine Synode keinen Zweck, keinen Raum mehr haben? Die verschiedenartigsten Berbäride haben inzwischen es in die Hand zu nehmen versucht, was Pflicht und Aufgabe der Synode wäre. So z. B. beri deutsch-israelitische Gemeindebund in seiner gewiß verdienstvollen Zusammenstellung der ethischen Grundsätze des Judenthums. Ebenso der deutsche Rabbinerverband. Eine deutsche Synode, der früheren gleich Gemeindevertreter und Rabbiner umfassend, ist und bleibt heute noch, und heutzutage erst recht, das wünschenswerthe Ziel für eine zeitgemäße würdige Reformgestaltung des aus den Ghettoschranken des Schulchan-Aruch befreiten Judenthums. Die Erinnerung an all die Edlen, die vor 25 Jahren auf der ersten Synode in Leipzig, wie vor und nachher lebenslang, in Schrift und Wort für Reformen eintraten, und die, heut lebend, in den veränderten Zeitverhältnisten keine Hinderung, nein, Förderuirg ihres Strebens, die Nothwendigkeit zu schärferer Betonring der Reformdringlichkeit erblicken würden, mahnt zu dankbarer Verehrung, aber auch zu rastloser Fortarbeit. Gin Vorschlag für unsere Waisen. Von I. Körpel, Lehrer in Ostrowo. s ist eine unbestreitbare Thatsache, daß der ideale Zug innerhalb der Judenheit in den letzten Jahren eine erfreuliche Stärkung erfahren hat, und es ist diese Erscheinung um so höher anzuschlagen, als der Materialisinus in der Gegentvart überall imnier mehr und mehr an Boden zu gewinnen sucht. Diese ideale Strömung thut sich kund in der fortwährend wachsenden Zahl von Litteraturvcreinen und deren anerkennenswerthen Thätigkeit, in der Bildung von Synagogenverbänden zu gemeinsamem Wirken für die Jnteresten des Judenthums, in der geplanten Schaffung eines deutschisraelitischen Lehrerbundes zum Besten der Jugend und seiner Zukunft, in der Gründung und Erweiterung von spezifisch jüdischen Krankenhäusern. Altersversorgungs-Anstalten und Lehrgebäuden, in der Versorgung von Ferienkolonisten ec. rc. Um so auffallender ist es, daß ein Gebiet fast ganz unbeachtet geblieben ist von dem Wohlthätigkeitssinn der jüdischen Glaubensgenossen, obschon auf demselben die Aussaat nöthig, die Frucht so segensreich ist und die Opfer zu diesem heilvollen Werke nur geringfügige zu sein brauchen. Es ist die ausreichliche Versorgung unserer armen Waisen.y Wer da weiß, auf welche Weise, mit welchem Eifer und «nit welch geringfügigen, aber sehr zahlreichen Mitteln die bereits bestehenden Reichswaisenhäuser in Lahr, in Magdeburg entstanden sind, und daß drirch „vereinte Kräfte" ein neues Ziel in der Gründung eines dritten Reichswaisenhauses zu Liegnitz angestrebt werden soll und erreicht rverden wird; wenn ferner bekannt ist. wie vereinsaint und vernachlässigt so viele Waisen namentlich in den untern Schichten der jüdischen Bevölkerung auf Hilfe warten, die ihnen aus Mangel an Raum und Mitteln von den vorhandenen Waisen-Bersorgungs-Jnstitnten versagt wird, der wird sicherlich alle Kraft daran wagen, hier in ähnlicher Weise wie bei bet Gründung der vorerwähnten Reichswaisenhäuser für die Errichtung einer direkt jüdischen Anstalt einzutreten. Selbstverständlich wird die Zahl der Beitragenden in dem Maße znnehmen, in dem die Beiträge zu diesem Wohlthätigkeitswerke in ihrer Höhe abnehmen. Auch hier «nuß es heißen: „Viel wenig machen ein Ganzes." Und darum wäre es erwünscht, wenn sich kein Israelit von dein Mitbauen an diesem Werke ausschließen möchte, wenn dagegen jeder dem nachsteheirden Plane gemäß mit Liebe und Ausdarier an dem Gelingen desselben herzlichen Antheil nehmen würde. Das deutsche Reich wird bekanntlich von etwa 500,000 Juden bewohnt. Wenn für jeden einzelnen nur 1 Pfennig gezahlt wird, so ist schon ein Betrag von 5000 Mark vorhanden; bei einer allmonatlichen Wiederholung dieser Sammlung würde nach einem Jahre bereits ein Fonds von 60,000 Mark flüssig sein. Es ist voranszusetzen, daß es einer beträchtlichen Zahl von Beitragenden schwer fallen wird, nur einen Pfennig für sich zu zahlen, daß die Beiträge Anderer sicherlich dieses Maß bei Weitem übersteigen würden und daß dagegen selbst von dem Aermsten ein Beitrag nach dem Minimali) Das kann sich auf Berlin doch wahrhaftig nicht beziehen! Die Red. j * l I

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