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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-07-06 · Heft 27 (6.7.1894) · p. Seite 316

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 27 (6.7.1894)
Date
1894-07-06
Page
Seite 316 (sequence 4)
Language
German
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rw-jn-TT" «*y„, . <r -<vvs^ ' - „i. jwt/’s j-' -i!^^r'^-«Y«' 316 der das Feuer der Begeisterung, die Gluth der Gefühle, das Licht der Erkenntniß in die Menschenseele gelegt hat." Er beglückwünschte Leipzig, das zugleich mit Anregung des Gemeindetages durch diese Synode sich bewährt hat als „Stadt und Mutter in Israel", und. schloß mit dem Wunsche, daß die Synodalversammlungen von Jahr zu Jahr wachsen an Mitgliederzahl, im Eifer des Geistes, in der Arbeitsfähigkeit und im Erfolg, daß, wie hart und herb auch „trotz aller Freudigkeit, das Gefühl sei, daß so Wenige versammelt waren", das Wort aus Hiob sich erfülle: „Ob auch dein Anfang gering war, deine Nachfolger werden wachsen, blühen und gedeihen," unsäglich edel, friedlich und freundlich, glücklich und fruchttragend. Ergreifend dankte Löw dem Vorsitzenden für „die heilige Stimmung", in die seine „prophetischen Worte" Alle, die Theologen und Nichttheologen versetzt, sie Alle riefen ihm einstimmig zu: „seien Sie gesegnet". Den unmittelbaren Eindruck der ersten, unvergeßlichen Synode habe ich damals in folgendem Bericht wiederzugeben versucht: „Landesrabbiner Dr. Adler hatte in seiner Einleitungsrede klar und deutlich Namens der von der Kasseler Rabbinerversammlung eingesetzten Einberufungskommissron den Standpunkt dargelegt. Die Synode sei das einzige Mittel, der Zerfahrenheit in den Gemeinden entgegenzutreten, ihr Streben sei konservativ: wer zerstören wolle, komme nicht hierher, der bleibe zu Hause und werfe sich dem Jndifferentismus in die Arme. Der wahre Konservatismus wolle das lebendige Judenthum, die geschichtlichen Erinnerungen der Vorzeit, die göttlichen Grundsätze der Tugend und Gesittung, wohl auch die das Alles ausdrückenden religiösen Formen erhalten; der falsche Konservatismus wolle nur das erhalten, woraus das Leben längst entflohen ist. Auch in der Religion gebe es veränderliche Gesetze menschlichen Ursprungs. Viele halten auch diese für gottgegebene. Darum gelte es, schonend und rücksichtsvoll vorzugehen. Keine Schonung verdienen aber die, die für sich alle Gesetze abgeschüttelt, in den Gemeinden aber sich als die Altsrommen, als Gegner jeder Reform aufspielen. Andere lassen aus Unkenntniß der religiösen Urquellen sich von irgend einer Autorität am Gängelbande leiten, um dann, der Autorität entwachsen, nicht das Gängelband, sondern das Band der Religion zu zerreißen. Klein sei zur Zeit die Betheiligung, Viele, selbst Gebildete, zweifeln am Erfolg. Aber — sollte wirklichdas, wofür die Ahnen Gut und Blut geopfert, wofür, sie gelebt und gestorben, schon so erstorben sein, daß alle Thätigkeit vergeblich wäre? Im Geiste dieser einleitenden Worte hat die Synode getagt. Die Zahl ihrer Beschlüsse ist klein, das Meiste ward berichterstattenden Kommissionen für die nächste Synode überwiesen. Die Zahl ihrer Theilnehmer — 85, darunter 28 Rabbiner und Prediger, 44 Gemeindevorsteher — war nur gering zu nennen. Und dennoch hat sie nicht fruchtlos, nicht vergeblich gearbeitet, dennoch wird der Geist der Geschichte auch von ihr einst sagen dürfen: und Gott sah, daß es gut sei. Der Grund ist gelegt, den Aufbau werden folgende Synoden bringen. Es war aber auch ein in der Geschichte der jüdischen Religion noch nicht erlebtes Ereigniß, Männer aus den entferntesten Ländern, aus den verschiedensten Berufsklassen so zu dem einen heiligen Werk der religiösen Reform vereint zu sehen. Den vorwiegenden Stamm bildete an Rabbinern wie an Gemeindevertretern Norddeutschland. Aus Oesterreich hatten Wien, Prag, Teplitz, Szegedin, Krakau Vertreter geschickt. Aber auch aus der Schweiz, aus England, Belgien, Rumänien, Amerika waren direkt entsendete Theilhaber erschienen, von denen Großrabbiner Astrue aus Brüssel, Rev. Nathan, Prediger in St. Thomas, in ihrer Muttersprache sich an der Debatte betheiligten und derselben hierdurch, trotz des durchaus deutschen, ja vorwiegend norddeutschen, d. h. fern von Phraseologie, die Sache erfassenden Charakters der Versammlung jenen umfassenden Blick einer weit über Zeit und Raum sich erhebenden geistigen Gemeinsamkeit erhielten. Eigenthümlich stellte sich in den einzelnen Mitgliedern der Typus ihrer Heimath dar: das gemüthliche Wien war in geistig hervorragender Weise, das nationale Ungarn durch einen der hervorragendsten Rabbinen, den geistsprühenden Leopold L6w vertreten; die mannhaften Charaktere lieferte Norddeutschland. Die Mehrzahl seiner Gemeindevertreter bildeten Männer, die, sei es als Stadträthe oder Stadtverordnete, gleichzeitig auch als die Vertrauensmänner ihrer christlichen Mitbürger sich darstellten, dem Berufe nach waren es Aerzte, Sachwalter, Fabrikanten, Kaufleute. Den an Geist, Wissen und Bildung hervorragendsten unter diesen, den genialen Schöpfer der Völkerpsychologie, Prof. Dr. Lazarus, wählte die Versammlung mit gutem Griff einstimmig zu ihrem Vorsitzenden, damit kundgebend, daß der Höhepunkt deutscher Bildung Quell und Ziel religiöser Reform sein solle. In einer meister- und musterhaften Weise hat denn auch dieser Vorsitzende in seiner Schlußrede den Synodalversammlungen den Grund- und Markstein gesetzt, der Jedem, der das Glück hatte, diese gedankenreichen und doch tiefster Herzensantheilnahme entflossenen Worte zu hören, unvergeßlich fürs Leben bleiben wird. Aller Idealismus — führte er aus — gipfelt in der Religion. Die Völker des Alterthums gingen unter, weil ihre Kultur ihre Religion überholte. Die jüdische Religion steht nicht im Widerspruch, sie fördert und entwickelt die höchste Blüthe der Bildung. Gleichen Rom und Griechenland dem Halme, der selbst dorrt, während wir seine Körnerfrucht genießen, so gleicht das Judenthum Dem Baum, der Früchte giebt und fortlebt. Es gilt, religiöse Reform, es gilt aber auch, religiösen Sinn zu nähren. Wer der Synode den Vorwurf macht, sie habe nichts geschaffen, der gleicht dem Tadler, der am Fundament für ein aufzubauendes Haus aussetze, es sei nicht schön, es lasse sich darin noch nicht wohnen. — Mehr als alle Beschlüsse wird diese, aus tiefer geschichtlicher Erkenntniß und seelenkundiger Menschenforschung geschöpfte Schlußrede dazu beitragen, daß man Geist und Streben der Synode würdige." So der Bericht vor fünfunzwanzig Jahren. Ich darf heute hinzufügen : der damalige Eindrtlck hat sich dem alternden Manne nicht verwischt, nur vertieft. Und die Folgen, die Wirkungen der Synode? Ist auf dem Fundament ein schöner Bau erstanden? haben sich die Synoden fortgesetzt und eingelebt? Wohl hat die Leipziger Synode unmittelbar gute Früchte getragen. Die dort gesprochenen Worte sind nicht allenthalben verhallt. Wie ich von meiner Gemeinde bestätigen kann, daß unter dem Eindrücke der Synodalverhaudlungen mannigfache gottesdienstliche -Verbesserungen erzielt wurden — Kürzung der Gebete, Orgel, deutsche Lieder und Gebete u. s. w. so wohl auch fast überall in Deutschland. Die Synode hat nicht vergebens in Leipzig getagt. Als sie aber — in ihrer geplanten alljährlichen Fortsetzung durch den Krieg unterbrochen — im Jahre 1871 nach Augsburg zum zweiten Male einberufen ward, da kamen nur 50 Mitglieder zusammen, und der wiederum fast einstimmig zum Vorsitzenden erwählte Pros. Dr. Lazarus gerieth in seiner, wie immer geist-und gemüthvollen Einleitungsredein eine elegische Stimmung; erbeklagte, „daß fast überall die Sache, die Theilnahme all der Synode, die Theilnahme überhaupt an den großen, öffentlichell Interessen auf zwei Augen, wir sagen besser auf ein Herz gestellt ist." Auch diese zweite Synode, die entschieden und einstimmig den fortbildenden reformatorischen Zweck und Charakter der Syllode betonte, erledigte nicht alle, in der ersten Leipziger Synode gestellten Anträge, setzte vielmehr 10 verschiedene Kommissionen ein, welche der nächsten, dritten Synode Bericht erstattell sollten. Zu dieser ist es bisher nicht gekommen. Der größte Theil der für diese Kommissionen berufenen Mitglieder, besonders deren damals erwählter Vorsitzender, ruht längst im Grabe. Sie schieden aus dem Leben, zumeist ohne das Ziel ihrer Wünsche: Neubelebung des Judenthums, erreicht zu sehen. Sie sahen wie Moses das gelobte Land voll der Ferne: auf den beiden ersten Sylloden das anzustrebende Ziel, erreichen sollten sie es nicht. Fünfundzwanzig Jahre sind dahin seit der ersten Synode. Eine andere Zeit ist gekommen. Wohl mag ihr unverständlich erscheinen, was damals maßvoll erstrebt wurde. Der Antrag z. B., der auf der ersten Synode gestellt wurde: daß man am Sabbath fahren dürfe, insbesondere zum Gottesdienst — dürfte heute Vielen höchst

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