Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1894)
- Date
- 1894-07-06
- Page
- Seite 315 (sequence 3)
- Language
- German
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315 Umsicht und Gewandtheit des ihm nicht immer leicht gemachten Amtes waltenden Vorsitzenden, dessen edles Antlitz das „Leben der Seele" widerspiegelt, ihm zur Seite rechts den nur im langen, gescheitelten -Haar den Theologen, in seinem geistvoll belebten Gesicht den kühnen Streiter, den sinnigen Redner, den tiefen Denker offenbarenden Geiger. — damals noch Rabbiner in Frankfurt a. M., links den, greisen, ehrivürdigen Präses der Religionsgemeinde Wien. Fünfundzwanzig Jahre — ein Tropfen im Zeiten«,eere und dennoch dem Lebenden, dem Strebenden ein langer Zeitraum — sie sind dahin, seit am 29. Juni 1869 in Leipzig die erste israelitische Synode eröffnet wurde. Der Mehrzahl des heutigen Geschlechts deutscher Glaubensgenossen wird nichts oder doch wenig von ihr bekannt sein. Paßt doch der alte Bibelsatz: Es kam ein neuer König in Aegypten, der nichts wußte von Joseph — vorzugsweise auf unser heutiges Geschlecht und auf seine Unkenntniß der Vorgänge und der Vergangenheit im Judenthum. Denen aber, die die Freude hatten, an jener Synode theilzunehmen, und die das Glück haben, noch jetzt lebend ihrer zu gedenken — ihre Zahl ist leider gering — entrollt sich bei der Erinnerung an diese Leipziger Synode ein so lebendiges, hoffnungsfrohes, jugendfrisches, sonniges Bild, wie cs meine schwache Feder leider nicht wiederzugeben vermag. Es waren die Tage vom 29. Juni bis 4. Juli 1869, während welcher — mit Unterbrechung des dazwischen liegenden. Sonnabends — die Synode tagte, der erste, nur einmal noch — zwei Jahre später in Augsburg — wiederholte Versuch gemocht wurde, Gemeindevertreter und Theologen — Rabbiner und andere — zur gemeinsamen Berathung und Beschlußfaffuug über religiöse Reformfragen zu vereinen. Das Verdienst ihrer Einberufung gebührt der ein Jahr zuvor in Kassel abgehaltenen Rabbinerversaminlung. Das Bedürfniß, auch Nichttheologen, auch Vertrauensmänner der Gemeinden heranznziehen, rief die Synode ins Leben — ein Bedürfniß, das im Laufe des seitdem verfloffenen Vierteljahrhunderts theoretisch, vom rein idealen Standpunkt aus betrachtet, immer dringender geworden — praktisch dagegen, wie Erfolg und Erfahrung beweist, sich leider verflüchtigt hat. Unter den 85 Mitgliedern der Leipziger Synode fehlte es an Meinungungsverschiedenheiten nicht. Sie allesammt einte aber, und im Laufe der fast einwöchigen Verhandlungen immer mehr, je näher sie sich kennen lernten, ein Band der Begeisterung, der Verehrung, der Ueberzeugung von dem allseitigen Durchdrungensein niit inniger Liebe zum Judenthum, von eifriger Fürsorge für dessen Fortentwickelung und Fortentfaltnng in zeitgemäß würdiger Weise. Die Verhandlungen dieser ersten Synode sind nach Protokollen und Stenogrammen veröffentlicht (Berlin, Louis Gerschels Verlagsbuchhandlung 1869) und Jedermann zugänglich. Ich will hier nicht auf dieselben näher eingehen, nur den Eindruck schildern, wie er mir nach fünfundzwanzig Jahren noch in der Seele vorschwebt. Es war ein höchst anregender, tief eingreifender. Wohl allen Theilnehmern werden jene Tage in dem Sonnenglanz freudiger Rückerinnerung fortleben. Wir trafen dort mit Männern zusammen, deren Wirken und Namen I in der Geschichte der deutsch-jüdischen Reformbewegung mit unauslöschlichen Zügen verzeichnet ist. Ich nenne von Lebenden nur und nochmals Prof. Dr. Lazarus und den greisen, ehrwürdigen Dr. Wiener, den Rabbiner und Ehrenbürger von Oppeln, einen der letzten Ueberlebenden aus der Zahl der alten, freieren Anschauungen zuneigenden Rabbiner. Mögen sie Beide uns noch lange erhalten bleiben! Reich ist die Zahl der Männer von Ruf und Bedeutung, die, Mitglieder jener ersten Synode, seitdem längst heimgegangen sind: Geiger, der Rufer im Streit, der unermüdliche Führer auf dem lichten Pfade der wissenschaftlichen Reform des Judenthums, ward unmittelbar nach der Synode nach Berlin berufen als Kollege Aub's, dieses liebenswürdigen, wohlwollenden Mannes, der im Verein mit denk trefflichen Religionsphilosophen Dr. Adler aus Kassel und mit dem — in seinen Gesichtszügen an Meyerbeer erinnernden — Altvater der deutsch-jüdischen Publizistik Dr. Ludwig Philippson den Vorstand der Kasseler Rabbinerversammlung gebildet und die Einberufung der Synode veranlaßt hatte. Ihnen schlossen sich von gleichgesinnten, reformistisch angehauchten Rabbinen an: der ehrwürdige, greise Herxheimer, der Verfasser des ältesten systematischen, noch heute geschätzten deutsch-jüdischen Religionslehrbuchs, der beredte Leipziger Prediger Dr. Goldschmidt, dem seine heute noch für Frauenfortbildung und für dir Fröbelschen Kindergärten segensreich und gemeinnützig wirksame Gattin ein treffliches schriftstellerisches Denkmal in einer — beide Gatten gleich hoch ehrenden — Biographie gesetzt hat. Zu ihnen gesellte sich der geistvolle Oberrabbiner Leopold Löw von Szegedin, der Verfasser der lesenswerthen und aufschlußreichen „Beiträge zur jüdischen Alterthumslnnde". Von den mehr der Mittel- und Vermittelungspartei zuneigenden hervorragenden Synodalmitgliedern, die nun auch längst heimgegangen sind, seien als die bedeutendsten der redegewandte, schlagfertige Religionsphilosoph Dr. Joel aus Breslau, der milde, tief wissenschaftliche Dr. Landau aus Dresden genannt. Aus der Reihe hervorragender Nichttheologen, die an jener Synode Theil nahmen und gleichfalls nicht mehr hienieden weilen, nenne ich Klingen stein, den thätigeu und tüchtigen Lehrer, denverdienstvollen Herausgeber der jüdischen Volkszeitung, Dr. Honigmann aus Breslau, ein tüchtiger Jurist, bekannt durch seine gemüthvolle Erzählung aus dem altjüdischen Gemeindeleben in Breslau, Professor Dr. Julius Fürst-Leipzig, den Herausgeber des „Orient", den gelehrten Professor Dr. Munk aus Glogau, den geistvollen S. Szanto aus Wien, und zuletzt, nicht an letzter Stelle, Moritz Kossner, den rührigen Vorsteher der Religionsgemeinde Leipzig, der im Verein mit seinem gleichfalls verewigten Freunde und Vorstandskollegen Jacob Nachod der Synode die gastliche Stätte in Leipzig bereitete, sie und den deutsch-israelitischen Gemeindebund aus der Wiege hob. Welch eine stattliche Reihe unvergeßlicher, um ihre Genieinden, ja um die Deutschen jüdischen Bekenntnisses hochverdienter Männer habe ich da aufgeführt, welche Verluste fallen in das abgelaufene Vierteljahrhundert, und wie gerechtfertigt ist die Behauptung, daß die Rückecinnerung an jene Synode, an das Zusammentreffen mit solchen Männer», an den lebendigen Austausch, selbst mitunter den Kampf der Meinungen, an ihre Darlegungen, an das gesellige Beisammensein mit ihnen, jedem Theilnehmer lieb und werth, ja unvergeßlich ist. Es waren festliche Stunden, wie sie selten wiederkehren. Besonders zwei tiefergreifende Momente sind mir im Gedächtniß geblieben: die Schlußsitzung am Abend des 4. Juli und das von der Religionsgemeinde Leipzig am 1. Juli der Synode bereitete Festmahl. In diesem machte einen tiefen, unauslöschlichen Eindruck das künstlerisch und innig vorgetragene hebräische Tischgebet des, auch bereits hinübergegangenen Synodalmitgliedes Professor Sülzer. Aus den bei dieser Gelegenheit gehaltenen Tischreden sind mir in Erinnernng geblieben die herzliche Ansprache des Vorsitzenden Prof. Dr. Lazarus und die geistfunkelnde Löw's, der wie ein Peripathetiker während seiner Rede von Platz zu Platz fortschritt, offenbar selbst hingerissen von dem begeisternden Eindruck seiner Worte. In der Schlußsitzung am Sonntag Abend ward es immer dunkler im Saale, Professor Lazarus aber beleuchtete und erleuchtete die Versammlung in jener geistsprühenden Habdala h-Rede wie zum Sabbathausgang: „Danken wir dem, der die Lichter erschaffen hat, danken wir Gott,