Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1894)
- Date
- 1894-06-29
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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■ "*V V- ' lcC^^",,i ’" " ' 5' •« XT& 1' 3 fonds wurden verausgabt 1960 M. Das Vereinsvermögen beträgt nach Abzug der zur Vertheilung für Jahresunterstützungen bestimmten Summe von 12,950 M. im Anfang dieses Jahres 197,687.29 M. Vertheilt wurden in 92^ Theilen 12,950 M.; mit den 1960 M. zusammen 14,910 M. gegen 15.630 M. des vorigen Jahres. Die Generalversammlung findet Ende des Jahres statt. g. Frankfurt a. M., 26. Juni. Wie wir bereits meldeten, fand am 27. Mai die Generalversammlung des Vereins Lemaan Zion (Palästinensischer Hilfsverein) hier statt. Der Schriftführer, Herr Alfred Meyer erstattete in derselben einen Bericht über die Thätigkeit, welche der Verein in den drei Jahren 1891 bis 1894 entfaltet hat. Von dem Vereinsarzt Herrn Dr. Alb. Feuchtwanger in Jerusalem wurden ca. 40,000 Kranke gratis behandelt; die Ausgaben für den Arzt und die Vereiusapotheke betrugen 21,500 M. Für die jüdischen Aerzte in Liberias und Hebron wurden 600 M. und 200 M. Subvention gewährt, und dem Krankenunterstützungsverein Linath Zedek in Jerusalem 76 M. für Instrumente bewilligt. An 150 Personen wurden über 10,000 M. als Darlehengegen allmälige Rückzahlung zinslos geliehen. Eine Anzahl Nähmaschinen wurden auf Abzahlung gegeben, für 50 Knaben das Lehrgeld bei Handwerkern mit 1040 M. bezahlt. Zehn jungen Leuten aus Palästina, die in Europa eine weitere Ausbildung suchen, wurden einmalige oder jährliche Unterstützungen gewährt; die Ausgaben hierfür betrugen 2500 M. Für arabischen Unterricht in den Talmud- Thora-Schulen der Mohaabim und Sephardim in Jerusalem und in anderen Städten Palästinas wurden 3200 M. ausgegeben, den ärmsten Zöglingen der Waisenhausschule 1891 und 1892 Schuhe und Kleider gespendet 9000 M. wurden verwendet, um aus dem überfüllten Jerusalem bedürftige Handwerker nach Ramleh, Tud, Nablus, Nazareth u. s. w. zu befördern und dort lebensfähige Gemeinden zu gründen. Kohlen wurden mit 10 Prozent Verlust an die Armen verkauft. Ferner wurde durch Vermittelung des Vereins in Jaffe ein Spital gegründet und das Elend, das dort durch plötzliche Einwanderung vieler russischer Juden entstanden war, gelindert. Im Ganzen hat der Verein aus eigenen Mitteln in den 3 Jahren 62,300 M. verausgabt, aber nur 56,300 M. vereinnahmt. Unter den Einnahmen befinden sich auch 4100 M. Rückzahlungen von Darlehen. Der Bericht warnt dringend davor, daß Leute aufs Gerathewohl nach Deutschland kommen, um eine Prosession zu erlernen; für solche Zwecke hat der Verein keine Mittel, er wird deshalb keinen solchen Ankömmling unterstützen. Der Verein wendet sich eindringlichst an Menschenfreunde, daß sie ihm durch Beiträge und Spenden die Möglichkeit gewähren, seine segensreiche Wirksamkeit fortzusetzen. 0 Karlsruhe, 21. Juni. Der Landesverein zur Erziehung israelitischer Waisen im Großherzogthum Baden hielt heute hier seine Generalversammlung ab. In dem eben ausgegebenen sechsten Jahresbericht des Vereins heiß es: Von den 50 Waisen, die sich zu Anfang v. I. in unserer Fürsorge befanden, sind im Laufe desselben vier ausgetreten und 18 wurden neu ausgenommen. Von diesen 64 Kindern (35 Knaben und 29 Mädchen) find 26 in Pflege bei dafür geeigneten Familien untergebracht, während 37 sich gegen Zahlung eines Erziehungsbetrages bei Verwandten befinden. Ein Waisenknabe erlernt unter der Fürsorge des Vereins zur Verbreitung des Handwerks unter den Israeliten in Karlsruhe und mit der Unterstützung des gleichen Zwecken dienenden Vereins in Mannheim und unseres Waisenvereins das Handwerk eines Buchbinders in Karlsruhe. Für 7 Kinder erhalten wir von ihren Heimathbehörden oder Verwandten Zuschüsse zu den für sie zu leistenden Verpflegungskosten. Während von den jetzt in unserer Fürsorge sich befindenden Waisen sechs aus derselben entlassen werden, liegen uns bereits wieder Gesuche um unsere Unterstützung in 21 Fällen vor. Diese sich häufenden Gesuche bezeugen die Nothwendigkeit und wohlthätige Wirksamkeit-unseres Vereins und empfehlen angelegentlichst dessen Förderung und Unterstützung. Oesterreich - Angarn. □ Wien, 25. Juni. Nachdem in der abgelaufenen Woche mehrere Sitzungen des Komitees der freiwilligen Rettungsgesellschaft stattfanden, wurde in der Sitzung vom 23. d. Mts. folgende einstimmig abgegebene Erklärung zusammengefaßt: Die Unterzeichneten haben auf Grund eingehender Untersuchung die Ueberzeugung gewonnen, daß seit einiger Zeit in der Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschaft eine mit der Absicht des Gründer-Proteklors und des leitende!: Komitees in Widerspruch stehende und mit dem Grundgedanken und der Zweckbestimmung dieses im Dienste der reinen Humanität errichteten Institutes unvereinbare starke Unterströmung Eingang gefunden habe, rücksichtlich welcher dem Chef-Arzte Dr. v. Vragassy der Vorwurf nicht erspart werden kann, ihr nicht rechtzeitig und kräftig genug entgegen getreten zu sein. Wien, den 23. Juni 1894. Nothnagel, Grünhut, Albert, Dr. Max Menger, Arthur Gundaker Freiherr von Suttner, Eduard Mingazzi di Modigliano." Es ist außer Zweifel, daß Chef-Arzt Dr. Vragassy und Inspektions-Arzt Dr. Hochmeister abgesetzt werden und möglicher Weise Baron Mundy die Leitung des Instituts abermals übernimmt. — Nach der „N. Fr. Pr." hat der Bürgermeister Dr. Grübl den Versuch gemacht, einzelne Bankinstitute als Subskriptionsstellen für die neue 20 Millionen Kronenanleihe für die Stadt Wien zu gewinnen, allein die Institute weigerten sich, darauf einzugehen, weil sie fürchteten, im Gemeinderathe Seitens der Antisemiten Gegenstand heftiger Angriffe und Beschimpfungen zu werden. Ein Zeichen der Zeit! — Dem Vorstande des österreichisch - ungarischen Kantoren-Vereines ist für die vom Kantorentage und der Generalversammlung des österreichisch-ungarischen Kantoren-Vereines Sr. Majestät telegraphisch dargebrachte Huldigung mittelst Erlasses Sr. Excellenz des Statthalters von Niederösterreich durch den Bürgermeister der Stadt Wien der allerhöchste Dank Seiner Majestät des Kaisers und Königs bekannt gegeben worden. Die betreffende Zuschrift hat folgenden Wortlaut: „Im allerhöchsten Auftrag Seiner Kaiserl. und Königl. apostolischen Majestät giebt Se. Excellenz der Herr Statthalter von Niederösterreich dem österreichisch-ungarischen Kantoren-Vereine für die aus Anlaß seiner Versammlung in Wien am 28. Mai a. c. durch seinen Vorstand telegraphisch dargebrachte Huldigung den allerhöchsten Dank Seiner Majestät bekannt. Ich beehre mich. Euer Wohlgeboren hiervon zufolge Erlasses Sr. Excellenz des Herrn Statthalters vom 6. d. Mts. behufs entsprechender weiterer Bekanntgabe an den Verein in Kenntniß zu setzen. Wien, am 8. Juni 1894. Dr. Raimund Grübl in. p„ Bürgermeister. — Den hiesigen Zeitungen ging eine Liste der Spenden für den Kirchenbau auf dem Semmering zu, welche die Journale natürlich bereitwilligst publizirten. Auch das klerikale „Vaterland" veröffentlichte die Liste, nur ließ es aus derselben die Namen der Freiherren Albert und Nathaniel Rothschild, welche 1000 fl. gespendet haben, weg. Man sieht hieraus, welchen Dank die Munifizenz der Juden einheimst. Das Geld wird gern genommen, die Gegenleistungen sind: frivoler Undank, Rohheit und Grobheit. Auch für die durch den Hagelschlag hart Betroffenen hat Herr Albert Freiherr von Rothschild 4000 fl. gespendet, was die Herren Antisemiten wohl gleichfalls nach ihrer Manier quittiren werden. — Der Kaiser hat den Privatdozenten Dr. Sigmund Adler zum außerordentlichen Professor der österreichischen Reichsgeschichte an der Unversität in Wien ernannt. O Wien, 26. Juni. Ich eile. Ihnen heute noch einmal zu schreiben, denn ganz Wien steht unter dem Eindrücke der gestrigen antisemitischen Demonstrationen an der Universität. Im Hörsaale des Hosraths Nothnagel fand nämlich eine Demonstration statt, veranstaltet von antisemitischen Studenten. Als Hofrath Nothnagel um halb 8 Uhr Morgens den Hörsaal betrat, wurde er von den Demonstranten mit Zischen, Pereatrufen und Aufschlagen mit den Stöcken empfangen. Der Tumult wuchs von Minute zu Minute. Die Scene dauerte 50 Minuten fast ununterbrochen. Die Anhänger Vragassys, des Chefarztes der Rettungsgesellschäft, riefen Nothnagel die Worte zu: „Scharfrichter! Wucherer! Jude!" Als Hofrath Nothnagel endlich zu Worte kommen konnte, sagte er, vor Zorn bebend: „Was die Demonstration gegen meine Person anbelangt, so weise ich sie vollständig zurück und lasse mich in keine weiteren Diskussionen ein. Hier ist die Stätte, wo Wissenschaft betrieben werden soll, nicht ein Ort zum Lärmen. Ich spreche hier nicht, um mich gegen die Vorwürfe zu entschuldigen, welche Sie gegen mich erheben. Ich will auch mein Verhalten in der Untersuchungs- Kommission vor Ihnen durchaus nicht rechtfertigen. Da Sie aber diese Stätte zum Schauplatze Ihrer Demonstration gewählt haben, so muß ich als Lehrer gegen ein solches Vorgehen entschieden protestiren" Da erschollen abermals Rufe: „Was, Lehrer — Scharfrichter! Jude Wucherer!" Hofrath Nothnagel schrie mit dem Aufgebote seiner ganzen