Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1894)
- Date
- 1894-06-29
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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-HH* 4 Stimme: „Und Sie wollen Aerzte werden? Wissen Sie nicht, daß hier der Ort ist, wo Sie dem Elend und der Noth absolute Pietät schulden? — Ich werde hier auf meinem Posten bis zum Schlüsse der Vorlesung ausharren, koste es, was es wolle" — Hierauf entstand ein neuerlicher Skandal. Endlich erschienen die Professoren Schanta, Chrobak und Dekan Vogel, welch Letzterer die Ruhe dadurch Herstellen konnte, daß er die Studenten aufforderte, den Hörsaal sofort zu verlassen, widrigenfalls sie sich die sehr schweren Folgen ihrer Handlungsweise selbst zuzuschreiben hätten. Anwesend bei der Demonstration waren der Sekretär der Rettungsgesellschaft Jul. Veesey und der Hausinspektor derselben. In der für 10 Uhr anberaumten Vorlesung des Hofraths Albert sollten Ovationen für denselben stattfiuden. Statt des Hosrathes erschien Dekan Vogel und verkündete, daß alle Vorlesungen an der medizinischen Fakultät bis auf Weiteres sistirt seien. — Auch in der juridischen Fakultät wurden die Vorlesungen beim Hofrath Grünhut, welcher bekanntlich ebenfalls der Untersuchungs-Kommission angehörte, für heute und morgen sistirt. Rußland. f. Warschau, 19. Juni. Kürzlich wurde hier der Grundstein zum neuen jüdischen Krankenhaus gelegt Es ist. diese Thatsache für unsere Bevölkerung von um so größerer Wichtigkeit, als wir bisher nur ein vor zwei Generationen errichtetes sogenanntes „Hekdesch" besaßen, das kaum im Stande war, den Anforderungen der damaligen Generation — Warschau zählte damals 40,000 Juden — geschweige jedoch den heutigen Anforderungen Warschaus, der von den meisten Juden bevölkerten Stadt Europas — Warschau zählt gegenwärtig 200,000 (?) Ju den' — zu entsprechen. Der Kostenanschlag für das zu erbauende Krankenhaus beläuft sich auf eine halbe Million Rubel. Von dieser Summe ist jedoch die bedeutendere Hälfte von wohlthätigen Glaubensgenossen gespendet worden. — Im „Kiew Slowo", einem in Kiew erscheinenden täglichen Blatte, beschwert man sich über die Leistung der „Chedarim" (der jüdischen Kinderschulen) aus Kanatop. Es wird dortselbst das schmutzige Lehrzimmer, das dem Melamed (ungeprüften Lehrer) zugleich als Wohn-, Speise- und Schlafzimmer dienen muß, oft auch zugleich ben Küchenherd beherbergt, geschildert, in welchem in der Regel 20-40 Kinder in der stockigsten Luft eingepfercht sind. Wir haben seiner Zeit den Ukas mit Freuden begrüßt, den die Regierung bezüglich der Regelung dieser Chederverhältnisse in sanitärer wie in erzieherischer Beziehung erlassen. Leider haben diese Verfügungen noch nicht überall die ihnen gebührende Achtung erzielt. Wir können uns jedoch jetzt, da die Regierung einmal die Sache in die Hand genommen — der angenehmen Hoffnung hingeben, daß diese Chedarim nun endgiltig eingehen werden. — Das Ministerium des Innern hat eine Verfügung erlassen, welche, anknüpfend an den von der Regierung erfolgten Ukas vom 24. Mai 1893, den Juden den Aufenthalt in Jalta in der Krim bei Strafe verbietet. Das Ministerium hat sich zu dieser Verfügung veranlaßt gefunden, da ihm Denunziationen zugegangen sind über den unberechtigten Aufenthalt der Juden in Jalta, die angeblich dort bei Aerzten in Behandlung stehen wollen, jedoch dort lediglich dem Handel obliegen. Ein vorübergehender Aufenthalt in Jalta ist für die Juden durch die Einführung eines Stadtpasses ermöglicht. — Die Kolonisten von Liebenthal und Louisdorf (Gouv. Cherson) haben den Gouverneur telegraphisch angefragt, ob sie berechtigt seien, in ihren Häusern Juden über die Sommermonate, die dorthin zur Kur konnnen möchten, zu beherbergen. Dem unter dieser Anfrage Unterzeichneten Kolonisten O. Braut wurde hierauf die telegraphische Antwort, daß der Gouverneur sich diesbezüglich an das Ministerium gewendet habe. Herr Braut wandte sich hierauf seinerseits ebenfalls telegraphisch an das Ministerium. Hier hat man doch wenigstens einmal ein Exempel von durchschlagender Gründlichkeit in Regierungssachen in dem bisher in dieser Beziehung so oft verkannten russischen Staate. Schöne Zustände! Wegen der Vermiethung einer Sommerwohnung muß man sich an das Ministerium wenden. — JnRadziwilowo (Gouv. Lomsa) wüthete ein furchtbarer Brand. 100 Häuser wurden eingeäschert und 250 jüdische Familien erwerbs- und obdachlos. — In Mariampol (Gouv. Suwalk) entstand Nachmittags um 5 Uhr ein großes Schadenfeuer, welches bis zum nächsten Tag hindurch brannte und 160 Häuser, diemeistentheils aus Holz und Lehm bestanden, — viele von ihnen waren noch mit Stroh gedeckt — einäscherte. 250 Familien sind durch dieses Feuer ihrer Existenz und ihres Obdaches beraubt. Der Schaden beläuft sich auf 50,000 Rubel; 200 Rubel pro Familie, ein charakteristisches Zeichen dortiger Vermögensverhältnisse. Aon Aah und Fern. ----- Nachdem das Kinder-Krankenhaus im Norden Berlins bereits im Testamente des jüngst verstorbenen Stadtverordneten Louis Liebermann erhebkrch bedacht worden, haben die Erben des Verstorbenen dem gemeinnützigen Institut noch 30,000 Mark überwiesen. Es besteht die Absicht, für diesen Betrag eiste Baracke zu bauen, welche den Namen des Heimgegangenen verewigen ^svll. — Das Militärstrafverfahren gegen den Rechtsanwalt Hertwig Aus Charlottenburg, den bekannten Vertheidiger des Reichstagsabgeordneken Ahlwardt im „Judenflinten Prozeß", hat vor einigen Tagen dadurch seines Abschluß gefunden, daß Rechtsanwalt Hertwig laut kaiserlicher Kabinetsordre aus feinem Militärverhältniß als Reserveoffizier entlassen worden ist. — Am 26. d. Mts. feierten die Louis Ries'schen Eheleute, hier, das Fest ihrer goldenen Hochzeit, der Jubilar ist 81 Jahre alt, die Jubilarin 77 Jahre, Beide erfreuen sich noch des besten Wohlseins, die Trauung fand in der Synagoge Lindenstraße statt durch den Rabbiner Dr. Weiße. — Bei dem Wettbewerb um einen Synagogenbau in Magdeburg ist der erste Preis nicht zur Bertheilung gelangt. Den zweiten Preis in Höhe von 2500 M. erhielten die Herren Cremeru. Wolffenstein in Berlin.— In Hildesheim ist am 8. d. Mts. in hohem Alter Frau Henriette Dux, Gattin des vor vielen Jahren verstorbenen einstigen ersten Vorstehers unserer Gemeinde, Wolf Dux, gestorben. Die Verstorbene, deren Heimgang eine Lücke reißt, war ihres Gatten durchaus würdig. Obwohl reich begütert, lebte sie in größter Bescheidenheil und Einfachheit, betrachtete es dagegen als ihren Beruf, stille Wohlthätigkeit in reichstem Maß zu entfalten. Jüdische und christliche Arme verlieren an ihr eine stets bereite Helferin — In Frankfurt a. M. ist am 13. d. M. im 76. Lebensjahre Dr. Herrmann Zirnd orfer, der über 40 Jahre am „Philanthropin" als Lehrer wirkte, gestorben. Er war dort geboren, wo sein Vater ebenfalls Lehrer an der genannten israelitischen Realschule war. Für sein Hauptfach, die Mathematik, hat er einige Leitfäden verfaßt, die er seinem Unterricht zu Grunde legte. Vor wenigen Jahren trat Dr. Zirndorfer in den Ruhestand. — Stadtrabbiner Dr. Appel in Karlsruhe wurde zum Konferenzrabbiner, d. i. zum Mitglied der Religionskonferenz des Großherzoglichen Oberraths der Israeliten, ernannt. — Vom Mainzer Schützenfest berichtet man: Unter den Ersten, welche auf der Standscheibe sich Ehrenbecher herausschossen, befand sich der Bankier Theodor Kantor aus Wien. — Der Liederkomponist Alexander Krakauer ist auf der Reise nach dem Kurort Gleichenberg am Bahnhofe in Graz, 28 Jahre alt, plötzlich gestorben. Krakauer komponirte zahlreiche Lieder und Singspiele, zu denen er die Texte selbst schrieb, die überaus volksthümlich wurden. — In Böhmen leben bei einer Einwohnerzahl von 5,843,094 Seelen 94,016 Juden oder ca. 18,804 jüdische Familien, in Prozenten ausgedrückt 1,61 pCt. der gesammten Einwohnerzahl. — Dr. med. Felix Semon in London, der um die Lehre von den Kehlkopfleiden hervorragende Verdienste hat, ein geborener Danziger, hat von der preußischen Regierung .den Professortitel erhalten. — Sir Philipp Magnus in London, ein Mitglied des Senats, wurde zum Repräsentanten der Londoner Universität anläßlich der im August stattfindenden 200jährigen Gedenkfeier der Universität Halle ernannt. — Der König von Italien hat dem Senator Tullo Massurani in Rom, einem ebenso bedeutenden Dichter wie hervorragenden Politiker, proprio motu zum Großoffizier des Maurizius- und Lazarno-Ordens ernannt. — EliasPascha, dessen Dekorirung wir jüngst mitgetheilt, ist der erste Jude in der Türkei, welchem eine so hohe Auszeichnung zu Theil wurde; er ist zudem der erste jüdische Divisions- General. — Die russische Regierung beabsichtigt, die jüdischen Wohlthätigkeits-Jnstitute in Petersburg unter ihre Aufsicht zu nehmen. Sie hat daher sämmtliche Institute und Stiftungen aufgefordert, über Einnahmen und Ausgaben genaue Buchführung zu halten. In Jahresfrist sollen die Stiftungen und Institute der großen Gemeinde unterstellt und die Fonds der Stiftungen dem Gemeindesäckel einverleibt werden. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.