Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1894)
- Date
- 1894-06-29
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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beschlossen, jedem christlichen Mitbürger daselbst in dem Worte „Heil" einen Gruß zuzurufen, den Gruß jüdischer Leute aber unerwiedert zu lassen, resp. fie gar keines Grußes zu windigen. Was ein Birnbaum alles für Früchte trägt! 0a. Aus Schlesien, 19. Juni. Aus Ratibor kommt die Mittheilung, daß am Freitag, dem 1 d. Mts , 5 Kinder (2 Knaben und 3 Mädchen) des jüdischen Kaufmanns K. von dort in der Kapelle des dortigen städtischen Krankenhauses das Sakrament der Taufe und drei derselben, unmittelbar darauf die erste Kommunion empfingen. — In der Nacht zum vorwöchentlichen Montag drangen Einbrecher in die Synagoge zu Königshütte ein und versuchten dort, den Geldschrank, in welchem sich die gottesdienstlichen Silbergeräthe, welche einen Werth von über 3000 Mark repräsentiren, befanden, zu sprengen, was ihnen jedoch nicht gelang. Die Einbrecher entkamen. — In der Nacht des darauf folgenden Sonntag wurde in die Synagoge zu Beuthen (Oberschlesien) ein Einbruch gemacht. Der Einbrecher, der wohl identisch mit dem Patron sein dürfte, der in Königshütte in die Synagoge einbrach, wurde indessen von dem neben der Synagoge wohnenden Gastwirth Namokel und einigen Gästen erwischt und nach der Polizei gebracht. Er hatte keine Werthgegenstände mitgenommen. Der gefangene Verbrecher ist der Maurer Nowak aus Renschdorf im Koseler Kreise und hatte noch zwei Spießgesellen, deren Namen er nicht verrathen will. Sie sind auch bis jetzt unbekannt. Nowak wagte übrigens auf der Flucht einen Sprung von 10 Meter Höhe und zog sich Verletzungen am Kopfe zu. Er wurde schließlich von seinen Verfolgern aus einem Stalle heraus gezogen. — Seit Langem schon erweist sich die Synagoge in Kattowitz trotz des vor mehreren Jahren vorgenommenen Erweiterungsbaues als zu klein für die zusehends wachsende Gemeinde. An Festtagen faßt dieselbe kaum die Hälfte der Besucher, und so wurde in der Regel in einem Saale an den hohen Festtagen ein Nebengottesdienst veranstaltet. Da eine nochmalige Erweiterung durch Mangel an Bauplatz unthunlich erscheint, wird jedenfalls ein Neubau errichtet werden müssen. Von Seiten des Bürgermeisters Schneider soll dem Vorstande der Synagogengemeinde ein städtischer Bauplatz an der Uferstraße angeboten worden sein. Hindernd tritt indessen dem Neubau u. A. auch der Umstand entgegen, daß mehrere Familien sogenannte erbliche Sitzplätze inne haben und auf diese nicht verzichten wollen. Doch ist zu hoffen, daß alle Schwierigkeiten in Bälde beseitigt und der Neubau in Verhandlung kommen wird. — Eine grausige Ueberraschung wurde am jüngsten Freitag früh dem Kultusbeamten Kiksmann in Myslowitz dadurch bereitet, daß er beim Betreten der Synagoge auf dem Vorflur auf einen Kindersarg stieß. Bei näherer Besichtigung stellte es sich heraus, daß derselbe leer war. Wie weiter ermittelt wurde, ist derselbe bei dem in der Nachbarschaft der Synagoge wohnhaften Möbelhändler Bernard, dem er als Aushängeschild diente, entwendet worden. Der Unfug verdient Bestrafung. — Unter zahlreicher Betheiligung der Bürgerschaft und einer Deputation des Kriegervereins wurde am jüngsten Donnerstag der noch in sehr jungen Jahren verstorbene Kaufmann Tallert in Myslowitz zu Grabe getragen. Vom Kriegerverein wurde für den dahingeschiedenen Kameraden eine Palme mit Atlasschleife am Grabe niedergelegt. Herr Rabbiner Dr. Jaffe hielt die Grabrede. M. Hamburg, 22. Juni Unsere Gemeinde hat wiederum den Verlust eines ihrer angesehensten Mitglieder zu beklagen. In der Nacht des ersten Schebuottages starb der frühere langjährige frühere Vorsitzende der Gemeinde Ph. L. Bauer, Seniorchef der Jndigofirma Gebr. Bauer L Co., im Alter von 62 Jahren. Die Beerdigung fand am Mittwoch der vorigen Woche vom Sterbehause aus statt. Es hatte stch ein äußerst zahlreiches Publikum eingefunden. Wir bemerkten u. A. fast den ganzen Vorstand der Deutsch-Israelitischen Gemeinde, auch das Repräsentanten - Kollegium, sowie der Vorstand der Israelitischen Töchterschule waren durch eine Deputation vertreten. Im Sterbehause, widmete Herr Prediger Dr. Leimdörfer dem Verstorbenen einen tief empfundenen Nachruf. Derselbe betonte, daß er schon oft mit erschüttertem Gemüthe an diese Bretter herangetreten sei, welche eine p“y enthalten, aber noch niemals mit erschütterterem Gemüthe als an diese Bretter, welche die kleine Welt Philipp Bauer einschließen. Bei einem solch ergreifenden Ereignisse habe der Geist keine Muße, im Buche der heiligen Schrift nach einem passenden Text zu suchen, dafür läge aber ein anderes Buch vor ihm aufgeschlagen: das Buch feines Lebens. Redner schilderte dann eingehend das Wirken des Vorstorbenen als Vorsitzender der Gemeinde, als Präses des Schulvorstandes de* Talmud-Thora-Realschule, sowie als Vorstandsmitglied des Tempelverbandes. In allen diesen Aemtern habe sich der Verstorbene durch seine große Toleranz, sowie durch seine bei verschiedentlichen Gelegenheiten in der Gemeinde bewiesene Rednergabe ausgezeichnet. Sein Leben sei ein lebhafter Protest gewesen gegen den Ausspruch eines bekannten deutschen Schriftstellers: „Die Männer haben heute keine Zeit, deshalb hat die Zeit keine Männer." Das Andenken des Verstorbenen werde in der Gemeinde unvergessen bleiben. Die mit gewohnter rhetorischer Meisterschaft gehaltene Trauerrede hinterließ bei allen Anwesenden einen tiefen Eindruck. Alsdann wurde die Leiche auf den Wagen gehoben und setzte sich der Leichenkondukt, welcher aus etwa 40 Equipagen und vielen Fußgängern bestand, nach dem Friedhof in Ohlsdorf in Bewegung. Hier widmete Prediger Dr. Seligmann dem Verstorbenen einen warm empfundenen Nachruf. n. Nienburg a. W, 21. Juni. Unsere Stadt war bisher von den Aposteln der „Schmach des Jahrhunderts" verschont geblieben. In dem breiten Boden der hiesigen Bevölkerung ist bis jetzt die Tendenz des Friedens vorherrschend gewesen. Wenn auch antisemitische Anwandlungen vorhanden sind, so beschränken sie sich auf Leute, die sich zu den „besseren Ständen" zählen und nicht öffentlich damit hervortreten mögen, sondern lieber im Trüben fischen. Ein Vorfall, daß vor längerer Zeit ein hiesiger Volksschullehrer antisemitische Blätter unter seine Schüler vertheilte — angeblich nur „zn Umschlägen für Schreibhefte" — ist vereinzelt geblieben. Der betreffende Lehrer ist von seiner Vorgesetzten Behörde darüber zur Rede gestellt worden. In dieser Woche nun sollten wir einen „Volksbeglücker" und „Deutschenbefreier" zu sehen und zu hören bekommen. Liebermann von Sonnenberg hatte in hiesiger Gegend — Walsrode, Uelzen, Werden — eine Tournee gehalten und sich für hier auf Mittwoch, den 20. d. M., avistrt Aber siehe da, er konnte keinen Saal hier bekommen. In komisch trauriger Entrüstung zetert darüber die „Hann. Post" vom 17. Juni: „In Nienburg war für eine antisemitische Versammlung kein Saal zu erlangen. Ein' trauriger Beweis, wie weit die Judenherrschaft dort gediehen ist." Nun wollte Liebermann von Sonnenberg seinen Vortrag über „Die Juden, die Könige unserer Zeit" auf dem Schloßplatze abhaspeln. Allein der hiesige Magistrat gab nicht die Erlaubniß, auf einem der Stadt zugehörenden freien Platze Judenhetze treiben zu lassen. So hat denn dieser Häuptling der Antisemiten für diesmal seinen Plan, in unsere friedliebende Bürgerschaft Haß und Feindschaft einzuschleppen, aufgeben müssen. Die hiesigen Juden, durchweg anständige Leute, die sich einer strengen Reellität befleißigen, denen kein sittlicher Defekt anhaftet, sind überfüllt von Gefühlen der Dankbarkeit für das ebenso korrekte wie liebenswürdige Verhalten sowohl des Stadtvorstandes, als auch der Saalbesttzer gegen einen Theil ihrer Bürger, die ihren Bürgerpflichten gewissenhaft und gern Nachkommen. In gleicher Weise stehen, wie wir wissen, auch die hiesigen Geistlichen, die evangelischen wie der katholische, den antisemitischen Bestrebungen abhold gegenüber. Ausgeschlossen ist es immerhin nicht, daß ein zweiter Versuch gemacht werden wird, auch das hiesige Terrain für die Saat der Zwietracht zu beackern; wir Hüffen aber und sind vorauszusetzen berechtigt, daß dieser ebenso kläglich im Sande verrinnen werde wie der erste. X Frankfurt a. M., 24. Juni. Der Verein zur Unterstützung hilfsbedürftiger israelitischer Lehrer, Lehrerswittwen und -Waisen in Deutschland „Achawa", der seit 29 Jahren eine gedeihliche Wirksamkeit entfaltet, versendet soeben seinen Rechenschaftsbericht pro 1893. Wir entnehmen demselben folgende Mittheilungen: In dem abgelaufenen Jahre 1893 hat die „Achawa" wieder eine umfassende Thätigkeit entfaltet. Unter den Spenden heben wir besonders hervor das Legat des Herrn Leopold Goldschmidt hier mit 2000 M., das Legat der Frau Träutchen Höchberg hier mit 500 M., des Herrn Kommerzienrath Stephan Hopf in Nürnberg mit 200 M, des Herrn Louis Wertheimber hier mit 200 M., des Herrn Distrikt-Rabbiner A. B. Grünbaum in Ansbach mit 200 M., und eines Ungenannten Gabe durch Herrn W. Bonn mit 200 M. Der Verein hat inzwischen den Heimgang des Herrn Adolf Teblöe zu beklagen, der sich um die „Achawa" große Verdienste erworben hat. Die Zahl der aktiven Mitglieder betrug Ende des Jahres 1892 338, wozu 9 neue getreten sind. Aus dem Reserve-