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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-06-29 · Heft 26 (29.6.1894) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 26 (29.6.1894)
Date
1894-06-29
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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58. Jahrgang. Nr. 26. jjp^^ tttif Serlin, 29. Juni 1894. Verlage zur „Allgemeinen Zeitung öes IuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. L2 Berlin, 26. Juni. In der letzten am 24. Juni stattgehabten Versammlung der Repräsentanten wurde zunächst eine Reihe als „dringlich" anerkannter Anträge erledigt. So war vom Kuratorium des Reichenheim'schen Waisenhauses das Ersuchen gestellt worden, die Zinsen einer von Herrn Ries dem Waisenhaus gemachten Schenkung in Höhe von 3000 M. auf drei Jahre zum Besten der Ferienkolonie dieser Anstalt verwenden zu dürfen. Der Antrag wird genehmigt, ebenso eine Forderung des Kuratoriums des Waisenhauses für den gleichen Zweck in Höhe von 500 M. Die Forderung hatte ursprünglich auf 1000 M. gelautet, war jedoch vom Vorstand auf die Hälfte reduzirt worden und begegnet selbst in diesem Abstrich noch mehrfachen Widersprüchen, die theils von der Meinung diktirt waren, daß die Pfleglinge der Anstalt denn doch unter ganz anderen Verhältnissen lebten, als diejenigen sind, denen die Ferienkolonisten gewöhnlich entstammten und ihre Entsendung nothwendig machten, und theils die Ansicht kundgaben, daß man, wo es angehe, sich den Bestrebungen der Allgemeinheit, also hier der großen Ferienkolonie anschließen müsse. Nachdem vom Vorstandstische aus Herr Bamberger für die Forderung warm eingetreten war, mit dem Hinweise, daß nur solche Kinder fortgesandt würden, bei denen der Arzt die Reise als eine Nothwendigkeit erklärt hat, gelangt die Vorlage des Vorstandes zur Annahme. Eine Anfrage über den Stand der Testaments-Angelegenheit des Geh. Medizinalrath Cohn wird von Herrn Jaeobi dahin beantwortet, daß in Folge eines formellen Fehlers die Ordnung der Sache eine Verzögerung erlitten habe, nach deren Beseitigung sofort das Weitere geschehen werde. Gemäß eines Antrags auf Verstärkung der Baukommission werden die Herren Löwe und Oppenheim in die Kommission gewählt, aus welcher Herr Mannheimer in Rücksicht auf seine Gesundheit ausscheidet. Das an den Vorstand gerichtete Ersuchen, die Reparaturen an den Gemeinde-Grundstücken im zweiten Quartal beginnen zu lassen, wird dahin beschieden, daß sich dies schon deshalb nicht bestimmen lasse, als z. B. bei Schulen größere Arbeiten nur in den in das dritte Quartal fallenden langen Sommerferien auszuführen sind. Zur Einführung von Gasglühlicht in der alten Synagoge werden 3200 M. gefordert. Die Angelegenheit wird jedoch an den Vorstand mit dem Ersuchen zurückgewiesen, die Sache unter Zuziehung des Vorstandes der alten Synagoge berathen zu lassen. Die öffentliche Sitzung schließt mit einer Reihe von Rechnungsabschlüssen für das abgelaufene Geschäftsjahr. Wir entnehmen den betreffenden Berichten u. A., daß die alte Synagoge einen Minderverbrauch von 3896 M., die Synagoge Kaiserstraße einen Mehrverbrauch von 411 M. zu verzeichnen gehabt haben. Das Schulwesen zeigt einen Minderverbrauch von 7304 M., dagegen beanspruchte das Talmud-Thora- Jnstitut einen Zuschuß von 2000 M. Das Vermögen der Altersversorgung hat eine Vermehrung von 200,000 M. erfahren. Am interessantesten gestalten sich die das Beerdigungswesen betreffenden Zahlen. Danach beläuft sich die Einnahme auf 265,745 M., die Ausgabe auf 204,347 M. Es bleibt mithin ein Ueberschuß von 61,398 M., der besonders aus den Ueberschüssen, welche die unter Gemeinde- Verwaltung stehende Gärtnerei des Friedhofes auf der Schönhauser- Allee zu verzeichnen Halle, erzielt worden ist. Die Kosten für nicht bezahlte Beerdigungen beliefen sich auf 36,891 M. b. Berlin, 26. Juni. Das in dem Vorort Pankow unter Leitung einer Erzieherin, Frau Bellack, und unter Oberaufsicht des Herrn Direktor Grunwald eröffnete „Mädchenheim" für Waisenmädchen jüdischen Glaubens wurde, nachdem die feierliche Einweihung am Sonntag stattgefunden hatte, gestern von den Zöglingen bezogen. Zweck der Anstalt ist, arme Mädchen jüdischen Glaubens für den praktischen Haushalt zu erziehen, sie im Kochen, Backen, Waschen, Plätten u. dergl. zu unterweisen, damit sie tüchtige Hausfrauen für Handwerker werden, auch ihnen Stellungen als Wirthschafterinnen u. s. w. zu verschaffen. Bei den ansprechenden Erfolgen, welche die gleichfalls von Herrn Justizrath Makower, und zwar 1882 begründete Erziehungs-Anstalt für Knaben in Pankow, Berliner Straße 121, in kurzer Zeit erzielt hat, läßt sich auch für das neue „Mädchenheim" viel Gutes erhoffen. * Allenstein, 18. Juni. Herr Stadtrath M. Simon feierte am 8. d. M. das Fest seiner silbernen Hochzeit. Aus diesem Anlasse ist demselben seitens der städtischen Körperschaften ein Diplom mit folgender Urkunde ausgehändigt: „Urkunde für den Herrn Stadtrath Meyer Simon als Stäillältester der Stadt Allenstein. Dem Herrn Stadtrath Meyer Simon wird in Veranlassung seiner silbernen Hochzeitsfeier, nachdem er das Amt eines Magistratsmitgliedes länger als 15 Jahre mit Ehren bekleidet hat, sowie in Anerkennung seiner unermüdlichen, aufopfernden und segensreichen Thätigkeit als Leiter des städtischen Armenwesens seitens des Magistrats im Einverständnisse mit der Stadtverordnetenversammlung auf Grund des § 34 der Städteordnung vom 30. Mai 1853 das Prädikat „Stadtältester" hiermit verliehen. Ausgefertigt unter Beidrückung des Stadtsiegels Allenstein, den 8. Juni 1894. Der Magistrat." GD Aus der Provinz Posen, 19. Juni. In Neustadt (bei Pinne) wurde am vorigen Mittwoch die älteste Bewohnerin der Stadt, Frau Blümchen Goldstern, die ein Alter von 99 Jahren erreichte, zu Grabe getragen. Die Greisin erfreute sich bis zu ihrem Lebensende des vollen Besitzes ihrer Geisteskräfte. — Wie mitgetheilt, ist vor einigen Wochen der Schriftführer des antisemitischen Vereins, Kaufmann Kuß in Bromberg, wegen groben Unfugs — er hatte die Juden beschimpfende Bilderbogen in dem Schaufenster seines Ladens ausgestellt — zu 50 Mark Geldstrafe verurtheilt worden. Er nahm die Strafe anfangs mit großem Gleichmuth hin, in der Erwartung, daß seine Parteigenossen bezw. der Verein die Strafe zahlen und auch die Kosten ihm erstatten würden. Darin hat sich derselbe nun geirrt, denn der von ihm im Verein gestellte diesbezügliche Antrag wurde abgelehnt. Aus Aerger hierüber hat K. sein Schriftführeramt niedergelegt und soll sogar aus dem Verein ausgeschieden sein. Wenigstens sind aus dem Schaufenster des Ladens nicht nur die antisemitischen Bilderbogen, sondern auch die Plakate, welche zum Beitritt in den deutsch-sozialen Verein auffordern und den Verkauf von antisemitischen Schriften anbieten, verschwunden. An Stelle desselben liegen jetzt Frankfurter Würstchen im Schaufenster. — Aus Landsberg a. d. Warthe wird von einer Massen taufe berichtet. Am 8. d. Mts. wurden vom Superintendenten Tiüich in Schönfließ die fünf Kinder des Lederhändlers S. getauft, von denen das älteste 6 Jahre und das jüngste 6 Wochen alt ist. Lp. Aus der Provinz Posen,22. Juni. Die Guhrauer'schen Eheleute in Ra witsch haben durch letztwillige Verfügung der Synagogengemeinde daselbst ein Hausgrundstück im Taxwerthe von 5889 Mark und zwei Kapitalsorderungen von zusammen 6000 Mark zugewendet. Die Rawitscher Gemeinde hat die Genehmigung erhalten, die Stiftung anzunehmen. — VorKurzem hatte der Kultusminister dieEinziehung der jüdischen Schule zu Kosten wegen der geringen Schülerzahl derselben, es haben dieselbe zuletzt nur 2 Schüler besucht, verfügt und bestimmt, daß fortan die jüdischen Kinder der evangelischen Schule einverleibt werden sollen. Da die jüdischen Hausväter durch diese Maßnahme nicht nur eine materielle Einbuße erleiden, indem sie wie die evangelischen Schulväter mit einem weit höheren Beitragssätze als bisher zur Bestreitung des evangelischen Schuletats herangezogen werden, sondern auch durch die in jener Verfügung ausgesprochene Unzulässigkeit bezüglich Anstellung eines jüdischen Lehrers der Gefahr ausgesetzt sind, daß die Kinder entweder ganz oder auch zeitweise ohne genügenden Religionsunterricht sein können, so hat die Gemeinde beschlossen, energisch gegen diese Maßnahme Schritte zu thun, um die Selbständigkeit ihrer eigenen Anstalt zu erhalten. — Der antisemitische Reformverein in Birnbaum hat jüngst

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