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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-06-29 · Heft 26 (29.6.1894) · p. Seite 312

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 26 (29.6.1894)
Date
1894-06-29
Page
Seite 312 (sequence 12)
Language
German
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blieb stehen und frngte: „Bist Du ein Jude?" „Ja, ich bin ein Jude," antwortete ich. „Nun dann Adieu," und ohne mich anzusehen, eilte er von dannen, i „Wie in einem Traum, oder vielmehr wie mit einem Alp belastet, kehrte ick heim. Eine Woche hindurch trug ich schweigend mein Leid, dann war mein Stolz dahin — ich stand wieder meinemeinstigen Freunde gegenüber. Trotz seines kühlen Empfanges und seiner rauhen Art, welche er angenoinmen hatte, wagte ich doch, ihn um seine Freundschaft zu bitten. „Ich will meinen Glauben verleugnen, mich taufen lassen und Dir jedes Opfer bringen, nur: verlaß mich nicht!" „Pah!" antwortete er, „und >venn Du Dich hundert Mal taufen läßt, so würde es an der Thatsache, daß Du ein Jude bist, nichts ändern. Verzeihe, ich Haffe die Inden und wünsche Dir einen guten Abend." So demüthigte ich mich vergebens. Nun verwandelte sich meine Liebe in Gleichgiltigkeit; ich vermochte nicht, meinen ehemaligen Freund zu Haffen, doch einer gewisien Verachtung seiner Schwäche, sich von einem Vorurtheil beherrschen zu laffen, konnte ich mich nicht wehren. Nach dieser Erfahrung öffnete sich mein Herz nicht wieder der Freundschaft. Ich lebte allein, an den Felsen des Judenthums festgeschmiedet, während die Geier der Einsamkeit und des Argwohns an meinem Herzen zerrten. Und doch ist in dieser Episode nichts Seltsames außer meiner großen Feinfühligkeit, welche mir als Martyrium erscheinen ließ, was Anderen Nadelstiche gewesen wären." Mir fiel kein paffendes Wort ein, und so ergriff ich, statt einer Entgegnung, seine Hand, ihm auf diese Weise meine Sympathie ausdrückend. „Aber warum ließen Sie sich von diesem Vorfall so betrüben?" fragte ich nach einer kurzen Pause. „Sie wissen doch, daß nicht alle Christen so vorurtheilsvoll sind. Und wenn sie es selbst wären, so hätten Sie doch Freundschaft und Liebe unter Ihren Glaubensgenossen finden können." „In der Thal," antwortete er, „aber Unistöndr zwangen mich, fern von meinem Volke zu leben, und wie ein gebranntes Kind das Feuer scheut, so wagte ich nicht mehr, um diese hohen Güter zu werbe». Doch bin ich kein Timon, kein Misanthrop; ich lebe nur abgesondert und allein. Die Achtung und Bewunderung, welche Sie meinem Volke zollen, ließen mich Ihnen gegenüber offen sein. Ich bin überzeugt, daß Sie mich verstehen." Und wahrlich, ich verstand ihn nur zu gut. Tiefes Mitleid erfaßte mich mit dem Manne, deffen Leben durch ein Vorurtheil all des Reizes, den Freundschaft und Liebe gewähren können, beraubt worden. Ich vermochte nicht, ihn in banalen Worten meiner Theilnahme zu versichern, und so schwieg ich. In Hai-Phong trennten wir uns. Bald darauf hörte ich von Jchabod's Tod, ein Fieber hatte ihn hingerafft. Sein Hinschieden erschütterte mich, ich versank in tiefes Nachdenken. Mußte ich nicht meinen Mitmenschen grollen, durch deren unüberlegte Grausamkeit das Leben Ailderer so oft ver bittert wird? Jchabo erschien mir als Opfer derselben. Der Muth, der vor einer Schmähung oder dem Verlust eines Freundes zurückschreckt, niag gering erscheinen. Der Eine mag dergleichen ohne Ueberwindung ertragen, was dem Anderen Tod oder Märtyrthum bedeutet. Sprechsaal. Nr. 24 der „Allg. Zeitung des Judenthums" bezeichnet es Herr (55 Rabbiner Dr. Kobak-Jnnsbruck als eine auffallende Erscheinung, „daß Niemand bis nun unseren Gegnern, welche dem biblisch-talmudischen Judenthume die Nächstenliebe ganz und gar absprechen, indem ste den Ausdruck rea in Lev. 19, 18 nur auf den Volksgenossen bezogen annehmen, den Satz 2. Mos. 11, 2 entgegenhalten, aus welchem sich ' klar ergiebt, daß reu uneingeschränkt alle Menschen umfasse." — Thatsächlich ist dieser Hinweis auf 2. Mos 11, 2 zum Beweise dafür, daß rea auch den Nichtisraeliten bezeichne, bereits von R. Bechai b. Ascher zu Exod. 20, 15 und von Pleßner in seinem Religionsbuch § 611 (stehe die treffliche Schrift von Dr. Hoffmann „Der Schulchan Aruch und die Rabbinen" S. 156 und 228) gemacht worden,, für Stade aber insofern nicht beweiskräftig, als er gerade diesen rea in Lev. 19, 18 durch den im Satze voranstehenden Ausdruck bne ameeiio in beschränktem Sinne nehmen zu müssen glaubt, was der altjüdischen Auffassung (s. Hoffmann a. a. O. S. 102) widerspricht. Burgpreppach, 18. Juni. Dr. H. Deutsch. * Sehr geehrter Redakteur! auch ich möchte ein kleines Theil dazu beitragen, die verläumderischen Behauptungen der Antisemiten, daß der Jude kein tüchtiger und brauchbarer Soldat sei, daß er keine Vaterlandsliebe besitze, zu widerlegen. Nehmen Eie es deshalb für keine Ruhmrederei und Prahlsucht, wenn ich Ihnen ein, von meinem alten hochgeehrten Bataillonschef gelegentlich der Uebersendung der mir verliehenen Tapferkeitsmedaille an mich gerichtetes Schreiben in Kopie übersende; über welchen der beiden Theile ich mich am meisten gefreut habe — das weiß ich heute noch nicht. „Hannover, 10. Dezember 1866. An den Jäger Steinberg vom vorm. Kgl. Han. 3. Jäger-Bat. Es gereicht mir zur außerordentlichen Freude, Ihnen beigehend ein von Sr. Majestät für tapferes Verhalten in der Schlacht von Langensalza Ihnen verliehenes Ehrenzeichen überreichen zu können. Sie sind mir immer als ein gewandter unb eifriger Soldat bekannt gewesen und freut es mich, aus den Berichten Ihrer Vorgesetzten erfahren haben, daß Sie durch ihr muthiges und energisches Vorgehen sogar die Aufmerksamkeit von Offizieren anderer Bataillone auf sich gelenkt haben. Sollten Sie gewillt sein, höheren Orts Ihren Dank darzubringen, so bin ich gern gewillt, die Vermittelung desselben zu übernehmen. Ihr Sie schätzender v. Bock-Wülfingen Oberstlieutenant und Bataillons-Kommmandeur des vorm. 3. Jäger-Bataillons." In meinem derzeitigen Bataillon dienten verhältnißmäßig viele Juden, alle haben sich, so viel ich weiß, gut geführt und keiner von ihnen hat in Ausübung des Dienstes seinen christlichen Kameraden nachgestanden. Als unser Bataillon 1866 mobil gemacht wurde, da ward es unseren Reserven schwer, zu ihren Truppentheilen zu kommen. Das Land war bereits vom Feinde okkupirt und Vielen ist es überhaupt nicht mehr gelungen. Sämmtliche Juden unseres Bataillons hatte:: sich zu ihrer Fahne eingefunden bis auf einen, — Herzfeld von der II. Kompagnie fehlte noch. Ich muß hierbei bemerken, daß in der hannov. Armee bei Mobilmachung der Soldat sich immer wieder bei dem Bataillon und bei der Kompagnie, wo er ursprünglich eingestellt worden, zu meloen hatte. Und als nun unser Bataillon, zur Sicherung der in Göttingen sich komplettirenden Armee, bis hinter Hannov. Minden vorgeschoben wurde, um gegen das bereits in Kassel eingerückte preußische Korps Beyer Vorpostendienst zu thun, da kam eines Tages ein Civilist zu unserer Feldwache, siel weinend dem ersten Jäger in die Armee — es war Herzfeld, müde und abgehetzt; siebzehn Stunden war er marschirt, mit größterNoth den preußischen Husarenpatrouillen entkommen, und Freudenthränen waren es, die er vergoß; die Freude, wieder bei seinem Bataillon zu sein, hatte ihn weinen gemacht. Acht Tage später lag er hingestreckt auf dem Schlachtfeld, und jetzt schläft er mit noch einem Glaubensgenossen inmitten seiner christlichen Kameraden den ewigen Schlaf. Wenn heute unser Kaiser sein Heer gegen den Feind führt, ich habe zwei Söhne, die Soldaten sind, und ich habe das stolze Bewußtsein, daß beide mit derselben Freudigkeit für ihr großes Vaterland kämpfen werden, wie es ihr Vater für sein kleines gethan hat! Nienburg a. W., 19. Juni. Georg Steinberg. Druck und Verlag von Rudolf Moffe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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