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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-06-29 · Heft 26 (29.6.1894) · p. Seite 311

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 26 (29.6.1894)
Date
1894-06-29
Page
Seite 311 (sequence 11)
Language
German
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- 311 - Befehl geschehen und Ihr unsere schutzverwandten Juden ohne Sorgen und Gefahr lassen werdet. Wir zweifeln nicht daran, daß Ihr eine solche Neuerung und unnachbarliche Weiterung nicht zu lassen werdet. Zugleich wendet sich der Domprobst Marquard mit einer Beschwerde an den Fürstbischof Ernst von Bamberg, in welcher nach Darlegung des Thatbestandes darauf hingewiesen wird, daß die Markgrafen von Ansbach nicht einmal das Recht besitzen, in Fürth Juden zu halten und auszuschaffen, während die Domprobstei daselbst das mixtum Imperium eum siwplioi zurisäictione besitze. Demnach stellen wir es Ew. Liebden anheim, sich als Schirmherr unserer Rechte entweder zunächst an die Regierung von Ansbach oder sofort an das kaiserliche Kammergericht zu wenden. Der Fürstbischof zieht gleich seinen Vorgängern und Nachfolgern gegenüber der schneidigen Art des Vorgehens, die bei den Markgrafen von Brandenburg so außerordentlich beliebt war, den Weg diplomatischer Unterhandlungen vor, indem er in einer Beschwerde an die Regierung zu Ansbach der Hoffnung Ausdruck giebt, es werde jener übereilte Ausweisungsbefehl baldigst zurückgenommen werden. Seinem Domprobst aber macht er bald darauf (am 7. Februar 1584) die Mittheilung, es sei auf die von ihm eingelegte Beschwerde, außer einem bloßen „recepisse" von der markgräflichen Regierung vorläufig gar keine Antwort zurückgekonlinen. Sollte eine abschlägige Antwort erfolgen, so würde er unverzüglich beim Kammergericht einen Prozeß anstrengen. Weiteres über diese Episode ist nicht bekannt. Bekannt ist nur, daß die Juden nach wie vor in Fürth wohnen geblieben sind und noch wohnen bis auf den heutigen Tag. m Ilwlimilmlll — »-—^- — 1— WMM IMMM m\ 1 n FEUILLETON ü * i regnmimn mii. «-1 1—I j-—-— - 11 UUkMMlliö IliWnlWImfllßlS 1 Ichaüod. Von James O'Neill. uf meiner Reise nach Tonking an Bord des französischen Transportschiffes „Columbo" lernte ich Jchabod kenne». Er war ein guter Gesellschafter, der sich bald mein Vertrauen erwarb. Sein Takt und seine Klugheit, die oft meine Bewunderung hervorriefen, ließen ihn nie mich behelligen; er verstand es vortrefflich, sich meiner jeweiligen Stimmung anzupaffen, und bald waren wir die besten Gefährten. Auf dem Deck sitzend, pflegten wir unsere Gedanken auszutauschen und alles Erdenkliche zu erörtern. Eines Tages fragte mich Jchabod ganz unvermittelt, ob ich ein Jude wäre. Eine Brieftasche, auf welcher einige hebräische Lettern standen, und die sich gerade in meiner Hand befand, mochte ihn auf den Gedanken gebracht haben. „Ich habe nicht die Ehre, ein Jude zu sein," erwiederte ich einfach. Jchabod glaubte aus meiner Antwort Spott zu vernehmen und nur mit Aufbietung meiner ganzen Beredtsamkeit gelang es mir, ihn von meiner Bewunderung der Kinder Israels, zu denen ich mich gern selbst zählte, zu überzeugen. „Nun," sagte Jchabod. „es mag wahr sein, daß Einer wünscht, was der Andere verabscheut. Ich bin ein Jude, und obgleich ich jetzt mit dieser Thatsache zufrieden bin, so gab es doch eine Zeit, da ich gern meine rechte Hand geopfert hätte, wenn ich es nicht gewesen wäre!" Gern hätte ich mehr über den mir seltsam erscheinenden Wunsch gehört, aber eine Scheu, ihn zu verletzen, ließ mich schweigen. Endlich erreichten wir Saigon. Ein viertägiger Aufenthalt daselbst unterbrach auf angenehme Weise unser einförmiges Leben. Oft hatte ich hier Gelegenheit. Jchabod's gute Lebensart zu bewundern. Ohne der französischen oder anamitischen Sprache mächtig zu sein, gelang es ihm, sich den Eingeborenen verständlich machen, während ich mich vergeblich bemühte, in „Pigeon French" mein Begehren auszudrücken. Eine Bewegung, ein Blick Jchabod's genügte oft, ihn zum Ziele zu führen. Nichts setzte ihn in Erstaunen, selbst die fremdartige Architektur und das dem Orient eigene Straßenleben schienen ihn nicht zu überraschen. Er war ein scharfer Beobachter; mit einem flüchtigen Blicke entdeckte er Dinge, welche trotz reger Aufmerksamkeit meinen Augen entgingen. Am letzten Tage unseres Aufenthaltes in Saigon saßen wir im Schatten eines Zeltes vor einem französischen Cafe, als Jchabod mich durch die sonderbare Frage überraschte: „Warum wünschen Sie als Jude geboren zu sein?" „Sagte ich, daß ich es wünschte?" fragte ich. „Ich mag übereilt gesprochen haben," fuhr ich fort, „denn ich bin vollkommen zufrieden, als Christ das Licht der Welt erblickt zu haben, obgleich die Christen nicht das von Gott erwählte Volk waren! Ich gräme mich nicht darüber, aber wäre ich als Jude geboren, so wäre ich ewig stolz, einem Volke anzugehören, dessen Geschichte so wundervoll, das in vielen Dingen so erhaben ist. Doch brechen wir davon ab, und erzählen Sie mir lieber, warum Sie wünschten, kein Jude zu sein." Eine schmerzliche Erinnerung mochte durch seine Seele ziehen; er schwieg einige Augenblicke und Hub dann an: „Was ich erlebt, ist vielleicht nichts Seltsames. Tausende meiner Glaubensgenoffen mögen die gleiche Erfahrung gemacht haben, ohne durch sie verletzt worden zu sein. Der Spott, dem ich in der Schule meines Glaubens wegen ausgesetzt war, drang wohl tiefer in meine Seele, betrübte mich mehr, als meine Kameraden beabsichtigten. Ich fühlte, daß zwischen meinen Mitschülern und mir eine unübersteigbare Scheidewand bestand; um so mehr sehnte sich mein Herz nach Sympathie. Stets um Lieb' und Freundschaft werbend, ward ich bitter enttäuscht. Für mich gab es mit Hohn und Mißachtung! Ich bat um Brod und erhielt einen Stein! — Endlich fand auch ich einen Freund, der mein ganzes Herz erfüllte. Ich war glücklich! All das bittere Elend der Einsamkeit war vorüber! Die Welt war eitel Sonnenschein für mich; doch, o Graus! ein Schatten breitete sich aus und verdunkelte bald meine so schöne Welt. „Würde mein Freund mein Freund bleiben, wenn er hörte, daß ich ein Jude sei?" Diese Frage beschäftigte mich Tag und Nacht; sie raubte mir die Ruhe. In stetem Kampfe mit mir selbst, fand ich doch nicht den Muth, meinen Freund auf die Probe zu stellen. Vergebenssagte ich mir, es wäre kein Verlust, einen Freund zu verlieren, der mich meines Glaubens wegen verlaffen könnte. Und mit: „Morgen soll er cs erfahren, morgen will ich es ihm sagen", schob ich die gefürchtete Entscheidung hinaus, welche ein Zufall nur zu bald herbeiführte. Eines Tages wanderten wir durch die Hochstraße von B., als ein alter Schulkamerad, mit dem ich oft meine Kräfte gemessen hatte, über die Gasse rief: „Heda, Jchabod! hepp, hepp!" Bei diesen Worten stieg das Blut in meine Wangen, ich wagte kaum, meinen Blick zu erheben, um mich von dem Eindruck, den die Schmähung auf meinen Freund gemacht hatte, zu überzeugen. Plötzlich fühlte ich seinen Arm aus dem meinen gleiten: der Schlag meines Herzens schien aufzuhören. Ich sah auf. erblickte das Gesicht meines Freundes, welches blaß geworden war und höchste Spannung verrieth. Er

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