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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-06-29 · Heft 26 (29.6.1894) · p. Seite 308

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 26 (29.6.1894)
Date
1894-06-29
Page
Seite 308 (sequence 8)
Language
German
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- 308 - von Vorbereitungen brauchte man nicht sonst, um auf die Gegeywart kommen zu können. Welche Masse von wurmstichiger Gelehrsamkeit und welch' ein Umherschweifen in fremder Region brauchte es sonst nicht, um ein Wort über die Gegenwart sagen zu können. Wer hat euch gelehrt, gerade aufs Ziel loszugehen, wer hat euch die Gegenwart so in produktiver Hinsicht emanzipirt, daß die Weltgeschichte bis auf den heutigen Tag gekommen ist? Gesteht es doch ei»mal, wer? — Wer aber hat euch an euch selber glauben gemacht? Wer hat den Frieden, den ihr von der Zukunft doch hofft, an deffen Fundamenten es euer Stolz ist, arbeiten zu können, verkündet? Wer, sag' ich, hat euch selber auf den Gedanken gebracht, daß sich einstens noch Tage erfüllen, in denen die zeitkranken Herzen alle heileil werden, in deren Schooß die Glückseligkeit, die ihr zu erschaffen euch doch vorgenommen, noch ruht? Wer war es, der euch selber emanzipirt? Möchtet ihr doch nie vergessen, daß ihr ohne Heine euch ob euren Gedanken gewiß selbst ins Fegefeuer verurtheilt hättet. Vergeht es nicht, daß Heinen das unglückselige Loos zu Theil ward, die Aeußerung einer ganzen Zerrüttung zu sein, jetzt weiß man schon mit der Herzens-Geistes- und Gemüths-Zerrüttung ruhig umzugehen, man findet Viele, in deren Brust ein Gleiches tobt, man findet Heilung in tröstenden Hoffnungen, ja jetzt, wo man den Zustand genau kennt, ist man im Stande, demselben durch allerlei Richtungen des Geistes auszuweichen. Was aber sollte Heine thun? Was aber hat Heine ertragen müssen? und deshalb, weit er sich krank fühlte, weil er sich selbst zur Last ward, weil er mit einem verzweifelten Witz sich Lust zu machen suchte, deshalb wollt ihr ihn so ganz aller Bedeutung berauben? Deshalb, weil ihr mehr Ruhe habt und systematischer euch überlegt, was uns noch fehlt, besprecht ihr Heine, als ob er bei euch in die Schule gegangen wäre. Wahrlich, besser hättet ihr ihm die Schule nicht bezahlen.können, ihr macht an ihm euer Meisterstück! Wenn das Absprechen aller Autorität eine Größe verkündet, dann kann Heine einem Jeden von euch mit Wallenstein zurufen: „Du hast bei mir das Handwerk schon gelernt, Ich brauch' mich meines Gegners nicht zu schämen." Das Alles aber gilt von Heine in politischer Hinsicht, wie aber steht es mit dem Poeten? Was Heine als Poet ist, weiß die Welt, aber es ist interessant, unsere jungen Helden über ihn uytheilen zu hören, Jedoch hier haben sie mehr Recht, ihn hinwegzulächeln, hier ist er nicht ihr Meister, denn sie sind in der Thal zu unbedeutend in diesem Felde, um nur zu seinen Jüngern gezählt zu werden." Jüdische Gymnasiasten in Frankfurt a. M. Von Dr. M. Kayserling. rüher als in irgend einer anderen Stadt Deutschlands hielten die Juden in Frankfurt a. M. ihre dem Studium sich widmenden Söhne zum Besuche des Gymnasiums an. Bei ihrem unvergleichlichen Lerneifer erzielten die jüdischen Gymnasiasten sehr bald überraschende Erfolge, so daß sie zu den besten Schülern gehörten. Die jüdischen Gynmasiasten, welche zu Anfang dieses Jahrhunderts das Gymnasium zu Frankfurt a. M. besuchten, erhielten Preise, trugen bei den Schulfeierlichkeiten selbstverfaßte Reden in deutscher, lateinischer und englischer Sprache vor, und nicht selten wurde ein Jude von seinen Mitschülern damit betraut, in ihrer Aller Namen Abschied von der Anstalt zu nehmen. Zu den vorzüglichsten Schülern gehörten in den Jahren von 1810 bis 1820 nach den Programmen des Gymnasiums zu Frankfurt a. M.: C. Aloys Goldschmidt, wie wir vermuthen, ein Sohn des Dr. Goldschmidt, welcher Arzt am israelitischen Krankenhause in Frankfurt a. M. war und die Schrift „Allgemeine Uebersicht der Geschichte der Kuhpocken und deren Einimpfung" im Jahre 1801 verfaßte. Er trug bei der öffentlichen Prüfung im April 1810 eine von ihm selbst verfaßte „Charakteristik der vornehmsten römischen Satyriker" vor und nahm im folgenden Jahre in seinem Namen und im Rainen seiner Mitschüler Abschied vom Gymnasium. Meyer Wolf Reinganum trug 1813 eine poetische Arbeit über das Thema „Nur die Jugend ist glücklich" im elegischen Bersniaße vor, hielt 1815 als Primaner eine Rede über das Thema „Daß die Duldung der Ansichten Anderer nie in Nachsicht gegen ihre Unsittlichkeit ausarten darf", und im folgenden Jahre als Selektaner, auch mit dem ersten Preis gekrönt, las er eine von ihm selbst verfaßte Abhandlung „De Deae Neineseos origine" vor. Er bezog die Universität Göttingen. Sein Bruder Heinrich hielt 1815 als Sekundaner eine Rede „Ueber den Vorzug des Menschen, durch das Vermögen, Wirkung mit Ursache zu verknüpfen", und das Jahr darauf als Primaner einen Vortrag in englischer Sprache. Heymann Aron Reingauum, der sich schon als Quartaner auszeichnete, trug 1818 als Sekundaner seine Arbeit „De Luxuria morumque corruptio Imperii Romani interitus Causa“ vor. Elias Wolf hielt als Schüler der 6. Klaffe im Jahre 1813 eine lateinische Rede; er ließ sich als praktischer Arzt in seiner Vaterstadt nieder und übertrug mehrere medizinische Schriften, unter anderen die Schrift Wallens „Von den Alpendrücken, den erschreckenden Träumen rc." aus dem Englischen ins Deutsche. Meyer Haas, der als Primaner 1818 eine lateinische Rede hielt, nahm als Selektaner „in seinem Namen und im Namen.einiger seiner bisherigen Mitschüler" in lateinischer Sprache Abschied vom Gymnasium; er bezog sodann die Universität Heidelberg, um Medizin zu studiren, während sein Mitschüler Meyer Emden zu gleichem Zwecke nach Göttingeu ging. Julius Sichel,dem als Sekundaner der erste Preis zuerkannt wurde, trug die von ihm ausgearbeitete Abhandlung „Ueber den Luxus" vor und hielt außerdem Reden in lateinischer und englischer Sprache. Als vorzügliche Schüler werden ferner genannt: Salomon Bär Stiebe!, der 1810 als Schüler der6. Klasse den ersten Preis erhielt; Moritz Breidenbuch, ein Sohn des um die Aufhebung des Leibzolls verdienten Wolff Bleidenbach, der 1813 eine Arbeit in gereimten Jamben „Ueber die Zufriedenheit" vortrug; Salomon Hahn, der 1817 als Primaner eine selbst ausgearbeitete Rede in englischer Sprache hielt; Samuel Michael Mannheim, Salomon Spiro u. A. i) Die Namen: Reinganum, Sichel und Stiebet smd Allen bekannt, die Heines und Börnes Briefe gelesen haben. Maximilian Reinganum ging später nach Berlin, studirte dort Medizin, lebte im Verkehr mit Heine, Gans und Moser. Dann heirathete er Fräulein Pauline Hirsch, die frühere Gesellschafterin der Freundin Börnes, Madame Wohl, und zog nach Paris. 1862 hat er zu den „Gesammelten Werken" Börnes eine vorzügliche biographische Einleitung geschrieben. — Dr. S. B. Stiebel war ein Arzt in Frankfurt a. M. und Freund Börnes, in dessen Hause Heine und Börne 1827 einen Schalet gegessen haben, der ersteren zu der bekannten poetischen Schilderung (VII 330 u. a. O.) veranlaßt hat. Dr. I. G. Sichel (1861—1868) war ebenfalls ein bekannter Arzt, der später in Paris lebte und dort Hausarzt Heines und Börnes war. Die Red.

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