Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1894)
- Date
- 1894-06-29
- Page
- Seite 307 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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307 A. Bernstein über Heinrich Heine. Eine litterarhistorische Reliquie. >) er Hahn, der den neuen Morgen einer großen Zukunft verkünden soll, hat noch kaum zum dritten Male gekräht und die Jünger verleugnen schon ihren Meister. Es ist in der That eine schöne Zeit der Zertrümmerung aller Autoritäten; selbst Jene, auf deren Fußtapfen unsere jungen Helden treten, selbst Jene, die ihnen Bahn gebrochen und ihnen die Sturmhaube aufgesetzt, mit welcher man gegen Autoritäten und Legitimitäten ankämpfen kann, die ihnen vorangingen und die Steine aus dem Wege räumten, an deren Schwere und Größe viel der Helden sich nicht nur verhoben, sondern gewiß gar nicht herangewagt hat, Jene, die sich für ihre Worte geistig steinigen ließen, und mehr, als ihre Ruhe, ihrer Ueberzeugung geopfert, Jene werden von den jungen Helden, die zu der Kunst ihres Meisters von der Zeit nur ein Bischen System und Ruhe zugelernt, Jene werden von diesen Helden schon verleugnet; und so sehen wir Leute, die nicht nur an Talent tief, sehr tief unter ihm stehen, sondern die gleichsam bei ihm erst zur Schule gingen, gegen Heine ankämpfen. Ich bekenne es, es empört mich bis in die tiefste Seele! Ich weiß recht gut, daß Heine in der Geschichte unserer fortschreitenden Kultur nur einen negativen Platz hat, daß an Heine nur das gewonnen ist, daß wir wissen, was uns nöthig fthut, daß durch Heine erst die Krankheit unserer Zeit aufgedeckt ist und daß Heine selber an keine Heilmittel denkt; ich weiß recht gut und Hab' es von je gewußt, daß Heine zum positiven Fortschritt in der Geschichte unseres Geistes zu resultatlos, ja zn resultatarm ist; aber ich weiß auch trotzdem, daß die jungen Helden alle, die Hand anlegen, um die Risse im Weltgebäude zu verkleben oder zu übertünchen, ohne Heine das Weltgebäude glänzend harmlos nicht nur für ganz und unversehrt erklärt hätten, sondern daß sie selber, wenn sie das Unglück gehabt hätten, solche Ideen, auf die sie jetzt stolz sind, vor Heine im Kopf herumzutragen, daß sie sich selber zur Hölle verdammt und sich vielleicht in Reue und Buße mit der Faust ans Herz geschlagen hätten. Jetzt aber thun sie groß und vornehm gegen Heine, lächeln auf den „schlottrigen Götterbuben", wie ihn Einer nennt, herab von ihrer Höhe und thun, als ob sie die Welt schon zusammengesetzt hätten, die der schlottrige Götterbube aus Hohn und Lust zerbrochen. Sie affektiren Gesundheit und Kraft und bilden sich ein, Krankheiten überstanden zu haben, deren Dasein die Zeit nur gemildert, deren Aeußerungen die Zeit nur abgestumpft. Wenn ich so dann und wann diese Helden mit sich selber und ihrer Größe und Ruhe kokettiren sehe, wenn ich sie von „Heinejammer" verächtlich absprechen höre, wenn ich oft lese, wie denn eigentlich Heine nicht nur nichts, sondern so gar nichts ist, dann packt mich baß ein Mephisto, diesen Leuten einmal Stellen aus ihren eigenen Aufsätzen und Büchern zu zitiren und sie zu fragen, wo sie dieses ohne Heine gesagt hätten. Sie mögen sich in der That ein wenig hüten, daß nicht Jemand so klug ist und Stellen, Schilderungen, die buchstäblich Nachahmungen Heines genannt werden können, zur Seite mit dem Original abdrucken läßt. Die Leute haben in der That vergessen, i) In den Tagen des heftigsten Kampfes um das Heine-Denkmal haben wir aus leicht begreiflichen Rücksichten geschwiegen Jetzt aber halten wir es für zeitgemäß, einen Aufsatz Aron Bernsteins, den derselbe vor nun gerade sechzig Jahren im Berliner „Freimüthigen" veröffentlicht und der leider allerdings so klingt, als wäre er gestern geschrieben und für die Kämpfe unserer Zeit berechnet, noch einmal zu reproduziren, weil er von hohem Interesse und, wie Alles, was Bernstein schrieb, von großer Klarheit und tiefem Scharfsinn ist. Die Red. bei wem sie schreiben gelernt, wer sie sprechen gelehrt, und endlich, wer sie an sich selber hat glauben machen. Heine ist von Börne angegriffen worden. In Wirklichkeit ist in dem Angriffe Börue's nicht viel Neues; aber drollig macht es sich, wenn Börne sogar Heine'n Moral predigt. Das Einzige, daß er ihm mit Recht vorwirft, obschon man es von langeher kennt, ist Heine's inkonsequentes Wesen; aber ich wollte, daß in unserer resultatlosen Zeit dieses unser größter Fehler wäre, in solcher Zeit ist Konsequenz nur mit Einseitigkeit verbunden möglich, nichts aber ist einem forschenden Jahrhundert mehr entgegen, als eine einseitige Richtung. Jedoch ich habe wenig gegen Börne, wenn er gegen Heine schreibt; aber es machte mir Spaß, das zu hören, was man bei uns hierüber urtheilte. Während die Alten und Soliden sich freuten, indem Börne schon durch sich selbst unschädlich, da er einmal für toll erklärt ist, was man jetzt ohne Motive und Gründe, als etwas Unleugbares auszusprechen für nöthig findet, und noch oben ein Heine auch heruntergezerrt, und also gar nichts mehr übrig bleibt, während also die Guten und Frommen Börnes Attentat weitläufig übersetzten, und nur dann und wann, wenn Börne wieder toll wird, etwas zu streichen für nöthig fanden, während deflen waren unsere jungen Helden von Grund des Herzens froh, denn da siel ihnen erst der Stein recht vom Herzen, und sie nahmen freudig die Gelegenheit wahr, sich den Namen Heinianec oder Nachtreter Heines, was jeder ihrer Schriften, trotz allem Sträuben, auf die Stirn gedruckt ist, mit guter Manier von sich abzuwälzen. Ich bin nicht verliebt in Heines krankhafte Manier, wie sich die Helden gern ausdrücken, wenn sie Jemanden bezeichnen wollen, der Heine Anerkennung zollt, ich weiß sehr wohl, daß es an der Zeit ist, nach Positivem zu ringen, eben weil Heine nur mit dem Negativen zu thun hatte, eben weil Heinen die Welt zu fragmentarisch ist. darum haben wir eine große Aufgabe vor uns und ich bin mit ganzer Seele dabei, wo sich ein kleiner Fortschritt zeigt, ich erkenne von ganzem Herzen jeden Fortschritt an, und erwarte eben wie so Viele die Lösung der großen Fragen, die die Zeit an »ns Alle thut, aber ich weiß auch, wem man es zu danken hat, daß wir nun unsere Krankheit wiffen, daß wir es für nöihig finden, Heilung zu suchen, und dieses ist Heine, er hat euch den Weltriß gezeigt, wollt ihr ihn ausfüllen, so dankt erst ihm für das Aufdecken deffen, das ihr vielleicht nicht geahnt hättet. Ich sage ja nicht, Heine ist euer Muster, sondern er ist euer Meister! wenn ihr etwas seid, so wäret ihr's ohne Heine nicht gewesen! Vorerst hat euch Heine schreiben gelehrt. Vorerst vergeht nur nicht, was ihr im Stil ihm schuldig seid. Wer hätte sich erdreistet, so mit solchen Sätzen, die sich so von aller Form des älteren Stils unterscheiden, zu schreiben? Wer hat euch diesen Naturalismus für die alte Prüderie, diese Leichtigkeit für die alte Schwerjälligkeit, diese Ungebundenheit für das alte gezwungene Wesen gelehrt? Wer hat euch sprechen gelehrt, wie ihr's im Herzen meint, offen und gerade heraus, wer hat euch die Freiheit gegeben, ein Buch aus eigener Subjektivität zu schreiben? Wer hat euch gelehrt, sich selbst zu geben, wie man in der That ist, ohne Koketterie mit seinen Tugenden und moralischen Sentenzen? Wer anders als Heine? Wollt ihr aber Heine in eueren Vorzügen nicht erkennen, so erkennt ihn wenigstens in eueren Lastern. Wer hat euch so die Persönlichkeit Anderer schonungslos mit scharfer Malice in die Oeffentlichkeit zu ziehen gelernt, als Heine? Wer hat euch das Achselzucken, mit dem ihr Heine (ich sage es noch einmal, euren Meister) besprecht, gelehrt, als eben derselbe Heine? Geht, geht, an eueren Tugenden wie an eueren Lastern guckt euch der Heine noch immer im Stil wie in der Art und Weise eures Ausdrucks hervor. Heine hat euch sprechen gelehrt. Welche Fülle