Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1894)
- Date
- 1894-06-29
- Page
- Seite 306 (sequence 6)
- Language
- German
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- 306 - gegen die Angreifer abgeht, hat ihm selbst hier in dem freien Italien weite Kreise entfremdet, und wenn man es auch nicht wagt, den verdienten Patrioten und gefeierten Dichter offen anzugreifen, so läßt man es ihn doch fühle», daß er aufgehört, persona grata zu fein. Um so mehr halten wir es für eine Ehrenpflicht, diesen Man, der sich den Edelsten und Besten unseres Stammes würdig anreiht, in den weitesten Kreisen unserer Glaubensgenossenschaft bekannt zu machen und ihm die verdiente Würdigung zu verschaffen. Wir begnügen uns für heute damit, eines seiner schönsten Gedichte: „La biblia“, in freiet Uebertraglllig wiederzugeben und behalten uns vor, in einer besondern Schrift das Leben und die Hauptwerke unseres Dichters ausführlich darzustellen. ^Bkleid} wie vor hehrem, gewaltigem Bau Mit himmelwärts strebenden Thürmen, Der mächtig hineinragt ins ewige Blau Und trotzet den Winden und Stürmen Und tausend Geschlechter schon unter sich weit Sah rauschen vorüber im Strome der Zeit; So beug' ich vor dir mich, du ewiges Buch, Du bringst uns den Segen, du bannest den Fluch. Denn wie des Himmels erhabene Pracht Des Allherrn Größe verkündet. So lehrst du uns kennen die ewige Macht, Vom Sterblichen nimmer ergründet. Dein Wort, es erfüllt uns mit heiligem Graun, Es bebet die Seele in ahnendem Schaun, Und freudiger schlägt mir das Herz in der Brust, So dein ich gedenke voll seliger Lust. O komm doch, du freundliches Buch, das allein Uns bleibet als theures Vermächtniß; Prophet und Altar du und Vaterland mein. Du wahrest der Väter Gedächtniß. Wenn zuckend vom Wehe sich windet das Herz, Und tief in der Seele uns wühlet der Schmerz, So kommst du und öffnest, du Bote des Herrn, Die rosigen Pforten der Hoffnung uns gern. Unendliche, herrlich erhab'ne Natur, Von Licht und von Leben erfüllet. Du wirkest und webest in Ewigkeit nur Am Kleid, das so stolz dich umhüllet. Doch wagt dir der Sterbliche fragend zu nah'n, Zu forschen nach Wesen und Ursprung und Plan, Ach, da entweicht ihm dein wirkender Geist Und hüllt sich in Nebel, der nimmer zerreißt. Jahrhunderte wechseln wie Wogen im Meer, Geschlechter, sie kommen und schwinden. Wer zählet die Völker, die Menschen all', wer Die Gräber, wer kann sie ergründen. Verwirret von ewigem Wechsel und bang Steht fragend der Mensch mit unendlichem Drang, Doch stumm bleibt der Abgrund, er antwortet nicht. Das Dunkel des Räthsels zerstreuet kein Licht. Und unbewußt siehst du jetzt Mensch mit Natur Verschlungen den Kreislauf vollenden. Und bald wie ein wehrloses Opfer ihn nur An wilde Gewalten sich wenden. Von lieblichen Bildern verführt und berauscht, Hat jetzt er Natur wohl im Schaffen belauscht Doch noch nicht empfindend den höhern Drangs Die fühllose Schönheit allein ihm gelang. Und du, die schon längst dich so herrlich und groß Erhoben auf Zions Gefilden, Entrafft der Natur und der Fesseln los. Die Geister der Freiheit zu bilden. In Schweigen gehüllet noch standest du dort. Erwartend des Herrn gebietendes Wort, Zu tragen hinein in das Dunkel der Nacht Die Fackel der Wahrheit mit siegender Macht. In düsteres Brüten versunken und krank Die Menschheit inzwischen verschmachtet. Von Leiden gequälet, sie seufzet so bang, Verzweiflung die Seelen umnachtet. Ein mächtiger Adler vampyrgleich sie drückt. Mit furchtbaren Krällen das Herz ihr zerstückt Und sauget und sauget mit gieriger Wuth Aus offenen Adern das strömende Blut. Da donnertest, heilige Stadt, du mit Macht, Du forderst den Riesen zum Kampfe Du fällst — aber strahlend in ewiger Pracht Entsteigst du dem wirbelnden Dampfe. Den rauchenden Trümmern einSteinchen entrollt. Das stürzet zu BodeZr den grimmen Unhold, Die Taube, die zarte, sie tritt in den Staub Den mächtigen Adler, begierig nach Raub. Du donnertest, heilige Stadt, du voll Pracht — O saget mir, Völker und Reiche, Welches Gewalthabers furchtbare Macht Der Macht jener Worte denn gleiche. Von Ufer zu Ufer mit Blitzesgewalt, Sie flogen dahin ohn' Aufenthalt, Und siehe, der mächtig ertönende Ruf Zwei neue Gebilde, zwei Welten erschuf?) Doch während nun weit in die Lande hinein Der Glanz deines Lichts sich verbreitet. Beginnst du ein neußs und kräftiges Sein, Das Herz dir \m Busen sich weitet. Geschlecht an Geschlecht überliefert dein Wort Und Alles ist Staub» nur vor dir, unser Hort. Die Sonne, die Sterne mit Huldigungsgruß Sie beugen vor dir sich, sind Schemel dem Fuß. In dir keine Folge der Zeiten besteht Und Himmel und Erd' sich vereinen. Jahrhunderte sind wie ein Tag, der vergeht. Ein Tropfen im Meere sie scheinen Von deinem Flügel getragen empor Erhebt sich der Geist zu der Seligen Chor Und mitten im Schmerze durchzittert die Brust Ein wonniger Schauer von himmlischer Lust. Der reinen und hehren Freude Gefühl, Die zartesten Töne der Liebe, Der wilden Verzweiflung, des Jammers Gewühl, Der Hoffnung erhaltende Triebe, Der Leiden erziehende, läuternde Kraft, Der Zweifel — der Glaube, der Wunder erschafft, O, alle Akkorde der Schöpfung zugleich. In dir sie erklingen so voll und so reich. Du hebest die Stimme zu furchtbarem Droh'n Und Tyrus unv Babel verschwinden. Es stürzen Altäre, es wanket der Thron, Die Feinde sind nimmer zu finden. Du singst — und es öffnen die Himmel ihr Thor, Es kreisen die Welten im jubelnden Chor Und Ruhe und Freude durchziehen das Herz, Es jauchzet die Seele, erlöset vom Schmerz. Wie oft, wenn ein Kummer die Seele bedrückt. Das Auge sich füllte mit Thränen, Hast du uns getröstet und wieder beglückt Mit sanften und heiligen Tönen. Wie manches Gemüth, von der Sünde zerstört, Von Trübsal und Leiden und Reue verzehrt, Hast auf du gerichtet mit liebender Hand, Zurück du geführt von des Abgrundes Rand. O komm' du unsterbliches Buch, das allein Uns blieb als ein theures Vermächtniß, Prophet und Altar du und Vaterland mein. Du wahrest der Väter Gedächtniß. Wenn zuckend vor Wehe sich windet das Herz, Wenn tief in der Seele uns wühlet der Schmerz, So kommst du und öffnest, du Bote des Herrn, Die rosigen Pforten der Hoffnung uns gern. In enge und düstere Gassen gebannt. Von Haß und Verachtung umgeben. Wo ihr, meine Väter, der Menschheit zur Schand Jahrhunderte mußtet verleben. Wie oft da vernahmt ihr das wilde Geschrei Des Pöbels, der wüthend sich wälzte herbei. Heulend und gierig nach jüdischem Blut So furchtbar und drohend wie reißende Fluth. Die Gattin, die Kinder, so furchtsam und bleich. Sie zittern vor Angst und vor Grauen Und drängen sich all' an den Vater zugleich. Dem Tode entgegenzuschauen. Doch er, in die heiligen Blätter versenkt. Umfaßt seine Lieben, die um ihn gedrängt. Ein ruhig Lächeln verklärt sein Gesicht, Er blicket noch oben und fürchtet sich nicht. Erhebe die Stirn, du erhabener Held Und Opfer erhabnerer Wahrheit, Die Stirn, die von Jahren und Kummer entstellt Doch strahlt von Gedankenklarheit. Die Thora im Arm, von Allen verkannt. Bist fort du gewandert von Lande zu Land, Die Stürme umtobten dein ruhelos Haupt, Sie haben dir Alles, ja Alles geraubt. Doch eins nicht konnten sie rauben dir je. Die Thora, sie ist dir geblieben. Heb' hoch sie empor, daß Jeder sie seh'. Vom Finger des Herrn geschrieben. Was thut es, wenn Fürsten und Länder vereint Dir Treue und Glauben und Liebe verneint, Geblieben ist sie dir, und sie kann allein Ersatz dir für alles Entschwundene sein. Verstreut in jeglichem Winkel der Erd' Und überall fremd und alleine. Sei sie deine Heimath, der geistige Herd, Der all deine Kinder vereine. Zu fernen Gestaden trag kühn sie hinaus Und hoffe und warte trotz Stürme und Graus, Erglänzen wird einstens, der Tag ist nicht fern. Zu neuen Triumphen ihr siegreicher Stern! *) Christenthum und Islam.