Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1894)
- Date
- 1894-06-29
- Page
- Seite 305 (sequence 5)
- Language
- German
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305 ■?**-^*^*«ri*p$r* yy ,»» wwqp' vfr^-r^-r *<“ ‘Z, ' David Fevi. Ein Dichter und Denker der Gegenwart. Von Dr. S. H. Margulies, Rabbiner in Florenz. onderbar! daß ich niemals nennen hörte diesen großen Dichternamen," so läßt bekanntlich Heinrich Heine seine Mathilde ausrufen, da er ihr von dem jüdisch-spanischen Dichter und Philosophen Inda Halcwi erzählt. Ob wohl die meisten unserer Leser und Leserinnen nicht ein Gleiches denken werden, wenn ihr Blick auf die Ueberschrift dieser Zeilen sällt? Und doch handelt es sich hier nicht um eine aus dem Dunkel des Mittelalters heraufzubeschwörende Dichtergestalt, sondern um einen Mann, der, wenn auch hochbetagt, doch noch rüstig unter den Lebenden einherwandelt, und der »och vor wenigen Jahren, mitten im Treiben und Drängen des öffentlichen Lebens stehend, an der Gestaltung der Geschicke seines Vaterlandes den thätigsten Antheil nahm, Auch ist es nicht die Sprache Zions, in der unseres Dichters Wort erklingt, sondern das klangvolle und melodische Idiom Dante's, welches er mit so bewundernswerther Meisterschaft handhabt, daß sicherlich selbst der große Florentiner ihn zu den Wenigen gezählt haben würde, die es wagen dürften, „seinem Schifflein, das singend vorwärts gleitet", auf die hohe See der Gedanken zu folgen. Woher mag es nun dennoch kommen, daß, während selbst sehr mittelmäßige Erscheinungen der modernen italienischen Litteratnr in Deutschland gekannt und gelesen werden, die Schriften eines David Levi, seine von dem Hauche echter Poesie durchwehten lyrischen Gedichte und vor Allem sein dramatisches Hauptwerk „II Profeta“, welches von berufenen Kritikern mit Goethe's „Faust" verglichen wurde, kaum dem Namen nach bekannt sind? Woher mag es ferner kommen, daß diese Schriften, selbst in Italien, wo sie bei ihrem Erscheinen mit fast überschwänglicher Begeisterung ausgenommen und von Männern, wie Dall' Ongaro, Briano, D'Aglio, Tommaseo und Anderen, als Erzeugnisse eines echten dichterischen Genius gepriesen wurden, heutzutage beinahe in Vergeffenheit gerathen sind? Der Grund für diese Erscheinung ist nach unserem Dafürhalten in der den herrschenden Strömungen unserer Zeit entgegengesetzten Tendenz dieser Schriften, sowie in der eigenthümlichen dichterischen Persönlichkeit, die sie widerspiegeln, zu suchen. David Levi ist im besten Sinne des Wortes Idealist. Ihm ist der bloße Formenkultus diejenige Richtung in Kunst und Poesie, welcher es mehr auf die Form als auf den Inhalt, mehr auf die Schönheit der Darstellung als auf den Werth des Darzustellenden ankommt, die es nur darauf absieht, die Sinne angenehm zu berühren, ohne zum Geiste und zum Herzen zu sprechen, ebenso zuwider wie der moderne Realismus, der sich darin gefällt, das Häßliche und Gemeine in der Menschennatur, und nur dieses zur Anschauung zu bringen. Er sieht in der Poesie ein heiliges Priesteramt, eine volksbildende und und menschenerziehende Macht, deren Aufgabe cs ist, die Herzen zu veredlen und Liebe und Begeisterung für alles Schöne und Große in der Menschenbrust zu wecken und zu pflegen. Sie soll den Geist mit sich zu den freien und heiteren Regionen des Ideals erheben und ihn erkennen lehren, was er dlirch die Kraft eines edlen und starken Wollens aus sich selbst machen kann und machen soll. Diesen Grundsätzen gemäß gestaltet sich denn auch das ganze dichterische Schaffen David Levi's. Durch all' seine Schöpfungen geht ein idealer Zug. der alles Niedrige und Gemeine von sich abweist und tief hinter sich zurückläßt. Mit dem Ernst des Philosophen geht er an die wichtigsten Fragen, welche die Menschheit bewegen, heran, und die Ergebniffe seines Denkens gestalten seine schöpferische Phantasie zu Bildern und Vorgängen, in denen wir frisches, kraftvolles Leben pulsiren sehen und die mit der Macht thatsächlicher Erlebnisse auf uns wirken. Nainr und Menschenleben, soziale und religiöse Probleme beschäftigen abwechselnd den Geist des Dichters, und überall sucht er, sich nicht mit der Erscheinung begnügend, bis'zum Kern vorzudringen, in Allem.das Wesentliche und Bleibende, die Idee herauszufinden und diese dichterisch zu gestalten. Er will nicht unterhalten, sondern belehren, zum Nachdenken anregen und die sittlichen Kräfte in uns zur Thätigkeit aufrufen. Diese ernste Richtung seines Geistes würde für sich allein schon genügen, um ihn in den Augen unseres apathischen und skeptischen Zeitalters, deffen verdorbener Geschmack in der Litteratur nur angenehine Zerstreuung und nervenreizende Emotionen sucht, als einen unmodernen Schwärmer erscheinen zu lasten, der einer längst überwundenen und veralteten Schule angehört. Dazu kommt aber noch, daß er die „großmüthige Grille" hat, für das Judenthum zu schwärmen. David Levi ist nämlich ein ebenso begeisterter Anhänger der Ähre Israels, wie er ein glühender italienischer Patriot ist. Und wie sein ganzes Leben und Wirken einerseits ein lauter Protest ist gegen die lügnerischen Verläumdungen derjenigen, die den Juden die Vaterlandsliebe absprechen, so ist cs andrerseits ein ebenso lautes Verdamm ungsurtheil gegen die Ehrlosigkeit derjenigen unter unseren Glaubensgenoffen, die, in bevorzugter Stellung sich befindend, gleichgiltig dem Kampfe zusehen, den das Judenthum gegenwärtig wieder einmal gegen Niedertracht und Verworfenheit zu bestehen hat, und die immer nur ängstlich darauf bedacht sind, sich so wenig wie möglich zu exponiren, ja recht weit vom Schluß zn bleiben oder gar dlirch feige Fahnenflucht ihr armseliges Ich all den Unannehmlichkeiten zw entziehen, die sich aus ihrer Zugehörigkeit zum Judenthum für sie ergeben könnte. Wie groß und verehrenswerth erscheint neben diesen kleinlichen Sklavenseelen die Gestalt eines David Levi, der, einer der wackersten Kämpfer für die Einheit und Freiheit Italiens, ein Freund Ratazzi's und Cavour's und langjähriges Parlamentsmitglied, nicht nur sein Judenthum niemals verläugnet, sondern sich stets mit Stolz dazu bekannt und, allzeit bereit, es gegen jeden Angriff zu vertheidigen, die edelsten Kräfte seines Geistes der Verherrlichung desselben geweiht hat. Sein im Jahre 1864 erschienenes Drama „!l profeta", von dem der katholische Priester und Geschichtsschreiber Anelli sagt, „daß es die italienische Litteratur zu einer Höhe emporgehoben hat, auf der sie seit Dante nicht gestanden," ist vielleicht eine der großartigsten Apotheosen des Judenthums. Von nicht geringerer Bedeutung und Schönheit sind auch einige seiner lyrischen Gedichte, in denen er die erhabene Größe der Bibel und das Martyriun Israels besingt. Aber David Levi begnügt sich nicht damit, auf steiler Dichterhöhe zur Ehre seines Glaubens und seines Namens die Leier zu rühren, er steigt auch als muthiger Streiter in die Arena hinab, um mit den scharfen Waffen der Polemik für sie zu kämpfen und ihre Feinde aufs Haupt zu schlagen. Schon in den siebziger Jahren hatte er in seiner Selbstbiographie der Ehrenrettung des Judenthums ein herrliches Kapitel gewidmet, und als am Anfang des verflossenen Jahrzehnts die Giftsaat des Antisemitismus in Deutschland aufzugehen begann, da griff der greise Dichter von Neuem zur Feder und voll edler Entrüstung schrieb er sein Buch „II Semitismo“ welches zu dem Besten gehört, was seither auf diesem Gebiete erschienen ist. Dieses energievolle und rückhaltlose Eintreten für die Sache des Judenthums, bei dem es zuweilen nicht ohne scharfe Hiebe