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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-06-29 · Heft 26 (29.6.1894) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 26 (29.6.1894)
Date
1894-06-29
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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58. Jahrgang. Nr. 26. Berlin» 29. Inni 1894. ettimg des Audenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redacteur: Gustav KarpeleS. Begründet von Rabbiner 13*. Ludwig Philippson-Äonn. Verlags-Crpedition: Leriin, Jerusaiemerftr. 48/49 Alle Zuwendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse.- Verlag der .Allgem. Zeitung des Judenthums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. Inhalt. Leitartikel: Die Juden und die Mission. — Die Woche. — Briefe aus Amerika. Von Prof. Dr. G. Deutsch. — David Levv. Von Dr. S. H. Margulies. — Bernstein über Heinrich Heine. — Zur Geschichte der Juden in Fürtb. Von Dr. A. Eckstein. — Ferrtttetonr Jchadod. Von James O'Neill. — Sprechsaal. Der Gemeindevote. Korrespondenzen und Nachrichten r Berlin. Allenslein. Aus der Provinz Posen. Aus Schlesien, Hamburg. Nienburg a. W., Frankfurt a. M.. Karlsruhe, Wien. Warschau. - Bon Rah und Fern. —MiScellerr. Me Inden und die Mission. f Berlin/26. Juni. as lebhafte Interesse, welches unsere Erörterungen über dieses Thema gefunden, veranlaßt uus auch heute noch einmal auf dasselbe zurückzukommen. Die große Wandlung, welche die Verhältnisse der Juden in Deutschland seit dem Beginn der Mendelssohn'schen Periode erlitten haben, ist bereits vielfach geschildert worden. Ein Theil der Juden sah sich die moderne Kultur eröffnet, er nahm Theil an ihren Bestrebungen, und mit Feuereifer ergriff er besonders die neue Philosophie und zerfiel so schnell mit dem Judenthum. Einmal innerlich von dieser seiner Religion losgelöst, sahen sie keinen Grund mehr, im Judenthuin zu verharren und auf den Antheil an der Leitung des Staats, den Lehrstellen an den Universitäten rc. zu verzichten, wo doch der einfache Schritt der Taufe ihnen den Weg öffnen konnte. Und so sehen wir die betrübende Erscheinung, daß in den großen aufgeklärten Gemeinden Berlin, Breslau, Königsberg vor Allem, bei Beginn dieses Jahrhunderts und die ganze erste Hälfte desselben hindurch gerade die jüdische Intelligenz die Täuflinge stellte. Berlin war in erster Linie betheiligt; es fallen in ca. 75 Jahren von rund 8000 evangelisch Getauften ca. 2900 auf Berlin allein, obivohl diese Gemeinde im Durchschnitt nur 10 Prozent der Juden Preußens zählte. Eine Bestätigung dafür, daß oft nur der kraffe Egoismus, nur der Wunsch nach äußeren Erfolgen die Taufen in ihrer großen Mehrzahl veranlaßt hatte, lieferte die folgende Periode von 1848—1876. Die Beschränkungen fielen allmälig, die Juden konnten fast alle Aemter erlangen, und nun sanken die Taufen auf eine Minimalzahl. Aber kaum war die antisemitische Bewegung in Fluß gekommen, kaum begann die Stellung der Juden schwieriger zu werden, da mehrten sich auch die Uebertritte, die im Jahre 1889 mit 348 Taufen ihren Höhepunkt erreichten. So leid es uns. thut, wir müssen damit eine Fabel zerstöre», die nämlich, daß äußerer Druck die Juden um so enger zusammenschließe. Dies gilt heute nur noch von den Massen und von einem Bruchtheil der Intelligenz und des Reichthums, der andere Theil derselben ist mit dem Judenthum so weit bereits zerfallen, daß ihn jede äußere Schwierigkeit, jedes Hindemiß zum Abfall bringt. Am deutlichsten ist dies auch wieder in Berlin. Solchen Zeichen gegenüber kann nur eins helfen, die Belebung des historischen Sinnes unter den Juden, der ihnen ihre Verbindung mit dem Judenthum auch dann noch klar erscheinen läßt, der die Intelligenz auf ihre Pflichten hinweist, die sie der jüdischen Gesammtheit gegenüber haben, wenn ihnen auch nicht alle Formen Zusagen. Auf nichtjüdischer Seite hat man sehr wohl erkannt, daß die Zeit des Antisemitismus auch dem religiösen Angriff auf die jüdische Religion günstigere Chancen bietet als irgend eine frühere Periode. Während die Missionsgesellschaften, die im Beginn dieses Jahrhunderts entstanden, in der Zeit der liberalen Aera eingingen oder ihre Einnahmen und ihre Thätigkeit sank, steigt die Zahl und die Wacht der Missionen sofort mit dem Beginn der Judenhetze von Neuem. Gerade in den Jahren seit 1875 beginnen die Missionsgesellschasten wieder zu erstarken und die Zahl ihrer Missionen und Kolporteure sich zu vergrößern, und diese Zahl ist nicht gering; vorzugsweise in England verfügen die Missionen über große Mittel und kennen ihre Angestellten in die ganze Welt aussenden. Eine einzige, freilich die größte, die Londoner Missionsgesellschast, hat angestellt 53 Missionen, 45 Kolporteure, 43 Lehrer auf 36 Stationen. Sie besitzt freilich eine Jahreseinnahme von 830,000 Mark. Und neben dieser wirken noch eine große Anzahl Gesellschaften in England und eine Anzahl Institutionen und Vereine in anderen Ländern. Allein in Deutschland sind 40 Missionen thätig. Man kann im Ganzen die Mittel der Judenmission wohl auf 2 Millionen jährlich annehmen und demgegenüber die Erfolge sicher nur als sehr geringfügig betrachten. Wenn man die Juden völlig gleichstellte, sie nicht, weil sie Juden sind, von so mancher ehrenvollen Laufbahn ausschlöffe, oder gar wie in Rußland und Rumänien bedrückte, so brauchten wir von den Millionen der Missionen wahrlich nichts zu fürchten. Uns deutschen Juden wird die Mission nichts anhaben, aber einen schweren Schaden erleiden wir durch den Abfall eines Theiles unserer Intelligenz, der Übertritt, um Karriere zu machen. Hiergegen bei der Erziehung und in der Schule anzukämpfen, wird erst dann möglich sein, wenn die heutige Generation die Achtung vor dem Judenthum, vor seiner Geschichte und Litteratur wiedergefunden hat, die ihr so häufig fehlt; der feste Schutz des deutschen Judenthums kann nur die jüdische Wissenschaft werden. Sie zu pflegen und zu fördern, für ihre Popularisirung zu sorge», das ist eine Aufgabe unserer jüdischenGemeindeverwaltnngen, die weit über dem finanziellen Theil ihrer Aufgaben stehen sollte, und es ist die höchste Zeit, daß sie diese ihre Aufgaben erfüllen, um schwere Verluste der deutschen Judenheit zu verhüten. Videant consules! 1 j | fi :■$! I

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