Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1894)
- Date
- 1894-06-22
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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im zweiten Kaffeehaus im Prater einen jüdischen Besucher beleidigt und thut jetzt alles Mögliche, um die Angelegenheit abzuschwächen. Einige jüdische Bewohner des zweiten Bezirks haben sich sogar zu einer Ehrenerklärung für den jedenfalls antisemitischen Cafetier bestimmen lassen, was — meiner Ansicht nach — besser ungeschehen geblieben wäre. Denn wohin soll es führen, wenn solche Menschen ungestraft einen Gast beleidigen dürfen — und die jüdischen Besucher trotzdem ihr Geld bei einem solchen verzehren? — Das Militär-Verordnungsblatt publizirt die Bestimmungen für die Stiftung, welche, wie wir schon berichtet haben, Freiherr Nathaniel v. Rothschild für invalide Offiziere gemacht hat. — Wie ich eben höre, hat sich endlich der Ministerpräsident Fürst Windischgrätz zu energischerem Vorgehen entschlossen, indem er der Deputation des katholischen Lehrerbundes gegenüber äußerte, der Verein möge auf die Erhaltung und Förderung des konfessionellen Friedens und die Pflege „christlicher Nächstenliebe" bedacht sein und sich von antisemitischen Bestrebungen fern halten. Bekanntlich rekrutiren sich unsere hiesigen Antisemitenführer vorwiegend aus dem Lehrerstande, und so ist dieses Wort sehr am Platze gewesen. 1^. Prag, 18. Juni. Die Prager israelitische Gememde und insbesondere die große hilfsbedürftige Schaar der Armen und deren Kleinen hat, wie Sie bereits gemeldet, einen schmerzlichen Verlust erfahren. Frau Betty Lasch, geb. Teller, die rühmlichst bekannte Frau mit dem edlen Herzen und frommen Sinn, weilt nicht mehr unter uns, ist plötzlich inmitten ihrer segensreichen Thätigkeit, der sie ihr ganzes Leben gewidmet, vom Tode ereilt worden. Groß und allzu fühlbar ist die Lücke, die ihr Hinscheiden hinterlassen, groß ist der Schmerz, den ihr Ableben Allen, die sie gekannt, verursacht; denn mit ihr ist eine Frau geschieden, die das Glück ihres Lebens stets darin gesucht, das Wohl Anderer zu begründen und zu fördern, überall, wo es Noth that, zu helfen und den Bedrängten mit allen Kräften beizustehen. Ihrer ganz besonderen Fürsorge hatten sich die Kinder der Armen zu erfreuen. Ihrem weitgehenden Wohlthätigkeitssinne genügte es nicht, Noth und Elend überall, wo sie es antraf, zu lindern, sie wollte eine Institution gründen, die für die Dauer wirken und auch der Nachwelt von Nutzen sein sollte; so wurde sie die Begründerin der israelitischen Ferienkolonien in Prag. Mit vielen Schwierigkeiten hatte die Frau zu kämpfen, bevor sie ihr großes Vorhaben ausführen und ein Werk ins Leben rufen konnte, welches Tausenden zum Segen gereichen sollte. Das edle Ziel stets vor Augen, scheute sie jedoch keine Mühe und überwand alle Hindernisse, unermüdlich sorgend und schaffend, um endlich ihr Werk von Erfolg gekrönt zu sehen. Der junge, von ihr gegründete Verein, blühte rasch auf, und alljährlich haben Hunderte von armen Kindern Gelegenheit, die Früchte eines rastlosen gemeinnützigen Wirkens zu genießen, in den „Ferienkolonien" Erholung und Kräftigung zu finden. Der Gedanke an die armen Kleinen und deren Wohl beschäftigte die edle Frau bis zu ihrem Tode; inmitten der Thätigkeit, die sie zu Gunsten ihrer kleinen Schützlinge entfaltet, wurde sie plötzlich dahingerafft, wie Sie bereits berichtet haben. So war denn auch das Leichenbegängniß ein beredter Ausdruck der Liebe und Verehrung, welcher sich die Verstorbene in allen Schichten der Gesellschaft erfreute. Tausende von Menschen, Reiche und Arme, Juden und Christen, Vereine und Korporationen, die theils korporativ, theils deputativ erschienen waren, die Stadtvertretung von Prag und Kuttenberg, Fabriks- und Eisenbahnbeamte gaben der edlen Verklärten das letzte Geleit nach dem entlegenen neuen israelitischen Friedhofe, woselbst die Herren Oberrabbiner Dr. Nehrenfeld, dessen Stellvertreter Dr. M. Tauber, Dr. Kisch und Dr. Kaminka der Verstorbenen formvollendete, tief empfundene Nachrufe hielten, in welchen sie dem tiefen Schmerze um den Hintritt einer so edlen Dame Ausdruck gaben. Die Hinterbliebenen ehrten das Andenken der Verstorbenen, indem sie an 25,000 Kronen, theils zu wohlthätigen Vereinen, theils zur Vertheilung an verschämte Arme spendeten. g Budapest, 18 Juni. Das klerikale Blatt „Magyar Allam", das die Judenhetze systematisch betreibt, auch von Zeit zu Zeit seinen leichtgläubigen Lesern „rituale Blutgeschichten" auftischt, machte die Juden für die kirchenpolitischen Reformen verantwortlich und forderte im Januar d. I das Volk auf, „am Vorabend des St. Vincenz-Tages, d. i. am 21. Januar, in jedem Dorfe des Landes auf einmal die Demonstration gegen die alleinigen Urheber des heutigen Religionskrieges, die Juden, zu beginnen, und zwar nicht sporadisch, sondern auf einmal." Infolge dieses Artikels strengte die königl. Oberstaatsanwaltschaft gegen den Redakteur des „Magyar Allam" wegen Vergehens der Aufreizung gegen eine Religionsgenossenschaft einen Preßprozeß an, worüber gestern die Hauptverhandlung vor den Geschworenen stattfand. Vieestaatsanwalt Dr. Nikolaus Kußka hob in seiner Anklagerede hervor, „es müsse als eine der bedauerlichsten Verirrungen des menschlichen Geistes der Antisemitismus angesehen werden, welcher seit mehr denn zehn Jahren die gesellschaftliche Harmonie bei uns stört. Der Antisemitismus steht im Gegensätze zu den richtunggebenden Ideen unserer Zeit, die Tendenz desselben ist eine zerstörende und aufwühlende, weshalb denn auch die untersten Schichten unseres Volkes aufgeklärt werden müssen. In Frankreich hat diese Verirrung vor Jahrhunderten die Schrecken der St. Bartholomäusnacht zur Folge gehabt. Es gehe nicht an, die Anfachung der religiösen Unduldsamkeit im letzten Dezennium des neunzehnten Jahrhunderts ruhig zu dulden." Der Angeklagte wolle die Gemüther aufreizen, wiewohl er recht gut wußte, daß seine Verdächtigungen grundlos seien; er wolle nichts als die Wiederholung der beschämenden Vorgänge, die sich bei den blutigen Judenkrawallen im Jahre 1883 in den Komitaten Zala und Somogy abgespielt haben. Der Angeklagte wurde von der Anklage der Aufreizung mit sechs gegen sechs Stimmen freigesprochen. m. e. Lemberg, 17. Juni. Das bedeutendste Ereigniß hierzulande ist die Eröffnung der galizischen Landesausstellung, welche am 5. d. M. erfolgte. Die Ausstellung, welche 120 Pavillons in geschmackvoller, übersichtlicher Gruppirung umfaßt, giebt ein Gesammtbild der kulturellen Entwickelung Galiziens in den letzten Jahrzehnten und wiederlegt gründlich die in den westeuropäischen Ländern beliebt gewordene Fabel von Halbasien. Sie beweist aber auch — was von berufener Seite so gern übersehen wird, — daß die jüdische Bevölkerung eifrig an dem Fortschritte des Landes auf wirthschaftlichem und industriellem Gebiete mitgearbeitet. Zahlreiche jüdische Handelsfirmen und Fabriken haben ihre Produkte ausgestellt (so die Waiser'sche Papierfabrik in Sassow, die Sprecher'sche Spiritusfabrik in Lemberg rc), welche mit zu den interessantesten gehören. Besonders bemerkenswerth ist die Abtheilung für jüdische Alterthümer, welche mehr als 200 Gegenstände umfaßt. Es ist dies das erste Mal, daß eine ähnliche Sammlung in eine allgemeine Ausstellung ausgenommen wird. Die Wände des hübsch ausgestatteten Pavillons sind mit mehreren kostbaren „Poranchos" geschmückt, welche meist ein sehr hohes Alter haben. Manche stammen aus dem 16. Jahrhundert; eines ist von der Mutter der beiden Märtyrer Reizes gewirkt worden. Die Sammlung umfaßt hauptsächlich gottesdienstliche Geräthe, Menorahs, Waschbecken, Kiduschbecher, Goldhadassim in den mannigfachsten Konstruktionen, Thorakronen, Thvrarollen u. A. Am Zustandekommen dieser interessanten Sammlung, welche viel kulturgeschichtliches Material bietet, betheiligten sich außer Privatpersonen 20 galizische Gemeinden Die an gottesdienstlichen Antiquitäten überaus reiche Gemeinde Krakau glänzt merkwürdiger Weise durch Abwesenheit. Das Arrangement der Ausstellung und die Vorbereitungen zu derselben werfen ein eigenthümliches Licht auf die Lage der Juden hierzulande. Kurze Zeit vor der Eröffnung verschickte der hiesige Magistrat an die jüdischen Kaufleute einen Erlaß, worin diese aufgefordert wurden, die jüdischen (bezw. hebräischen) Aufschriften von ihren Geschäftsschildern zu beseitigen und an deren Stelle polnische, ruthenische oder deutsche zu setzen. Dieser unerhörte und durch keine Gesetzesbestimmung begründete Erlaß involvirt einerseits eine wirthschaftliche Schädigung der jüdischen Händler, indem ihre jüdischen Kunden aus der Provinz in den meisten Fällen einer anderen Sprache als der jüdischen unkundig sind, andererseits bedeutet er auch eine moralische Verletzung der ganzen jüdischen Bevölkerung, indem der Lemberger Magistrat die jüdischen Buchstaben bei Gelegenheit der Verschönerung der Stadt als etwas Unästhetisches beseitigt wissen will. Auf Betreiben der Redaktionsmitglieder des hier erscheinenden „Karmel" übermittelten einige hundert jüdische Kaufleute einen Rekurs an den Magistrat, welcher vorläufig die Schilderplackereien eingestellt hat. Das ist aber noch nicht Alles. Die Direktion der Staatsbahnen (deren Oberverwaltung sich jetzt in den Händen des Polen Bilinski befindet) gewährte für die Aussiellungsbesucher für einen Tag in der Woche ermäßigte Fahrpreise auf den Strecken Krakau-Lemberg und Czernowitz-Lemberg für die ganze Dauer der Ausstellung (bis Ende Oktober). Als Tag der ermäßigten Fahrpreise wurde Sonnabend gewählt. Die Absicht ist klar. Da