Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1894)
- Date
- 1894-06-22
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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mindestens 9/10 der galizischen Juden am Sonnabend nicht fahren, so sind sie dadurch eo ipso von dieser Wohlthat ausgeschlossen. Diese beiden Episoden sind eine interessante Illustration zum Optimismus, des Bürgermeisters von Lemberg, Mochnacki, welcher dem Erzherzog Karl Ludwig auf eine bezügliche Anspielung erwiederte: „Bei uns giebt es keinen Antisemitismus" Denn so unbedeutend diese beiden Bestimmungen an sich auch sein mögen, sie sind charakteristisch für den wirthschaftlichen Antisemitismus in Galizien. Die Polen machen keine Hetzversamlungen und bekämpfen nicht die Talmudmoral. Aber sie führen einen wohlorganisirten, wirthschaftlichen Kampf gegen die jüdische Bevölkerung, dessen Bedeutung nur durch entsprechende Gegenorganisationen von Seiten der Juden abgeschwächt werden kann. Amerika. New-Aork, 9. Juni. Das Leichenbegräbniß des verstorbenen Dr. Alexander Kohut fand am 29. Mai, Vormittags 10 Uhr, von der Synagoge, an welcher der Verewigte gewirkt hat, unter überaus zahlreicher Betheiligung statt. Die sämmtlichen Rabbiner von hier und Brooklyn nahmen zur rechten Seite ihre Sitze ein. Als der Leichenwagen vor der Synagoge anlangte, begann die Orgel ein leises Präludium zu spielen, und der Kantor Rev. T. Ginsburg ging, begleitet von sämmtlichen Rabbinern, dem Sarge entgegen und rezitirte das inD!2 Gebet. Als der Sarg vor den Altar hingestellt worden, celebrirte der Kantor in ergreifender Waise die Gebete und l"Ift '*7 Nachdem der Chor sowie die Schüler der Religionsschule mehrere Hymmen gesungen, hielten Rabbiner Dr. Gottheil und Dr. H. Pereira Mendes höchst eindrucksvolle Ansprachen. Die Leiche wurde nun nach dem Linden-Hill-Friedhofe überführt. Am Grabe sprach noch Rabbiner Dr. Benjamin Szold aus Baltimore; er schilderte in ergreifenden Worten den großen Verlust, welchen das Judenthum durch das Hinscheiden Kohuts, der fast unersetzlich ist, erlitten hat. Nach einem Schlußgebet wurden die irdischen Ueberreste des theuren Mannes zur ewigen Ruhe bestattet. Afrika. n Johannesburg (Süd-Afrika), im Mai. Die Lage unserer Glaubensgenossen ist zwar hier nicht so traurig, wie die unserer unglücklichen Glaubensbrüder im Norden unseres Erdtheils (Marokko), aber trotzdem vollziehen sich auch hier mitunter Gewaltakte gegen unsere Stammesgenossen, die uns immer daran erinnern, daß wir nicht im zivilisirten Europa leben. An einem der Landesfeiertage hatten die Kaffern wieder einmal ein bischen über den Durst getrunken, und schaarenweise häuften sich die beiden sich feindlich gegenüberstehenden Kaffernstämme an einem Orte zusammen, wo sie in heftigen Streit und heißentbrannten Kampf geriethen. Mit Stöcken, Schleudern und Steinen wurde der Kampf auf beiden Seiten gleich erbittert geführt. Plötzlich, schleuderte einer der Kaffern, sei es durch Zufall, sei es mit böswilliger Absicht, einen Stein nach dem Fenster eines jüdischen Ladens Und dieses wirkte wie ein Blitzableiter. Der Streit, die noch frisch geschlagenen Wunden, der heißentbrannte Kampf waren vergessen, und mit vereinten Kräften ^ehen die beiden, sich feindlich gegenüberstehenden Stämme plündernd und raubend in das Geschäftslokal des Juden. Die Immobilien und Möbelstücke wurden zerstört, und selbst damit begnügten sie sich noch nicht, sondern nunmehr trachteten sie auch nach dem Leben des Kaufmanns und seiner Familie. In Nothwehr griff derselbe nach einem Revolver und schoß blindlings in die plündernde Schaar hinein. Zwei Kaffern wurden getödtet, andere schwer verwundet, und nun suchte der Rest zu entkommen. Nunmehr erschien erst die heilige Hermandad. Sie ließ die Todten bestatten, die Verwundeten ins Krankenhaus schaffen , und den Juden ins Gefängniß. Jedoch wurde er bald darauf gegen * eine Kaution von 10 Schilling wieder entlassen. Der Vorfall wurde nach Pretoria (der Hauptstadt) berichtet, dieser Tage wurde der Mann völlig freigesprochen, da er in berechtigter Nothwehr gehandelt hatte.; Von Nah und Fern. ---- Die Privatdozenten der hiesigen Universität Dr. Louis Lew in und Dr. Ludwig Schlesinger sind zu Professoren ernannt worden. Dr. Lewin gehört der medizinischen Fakultät an und hat seit 1881 an der Universität eine reiche Lehrthätigkeit für Arzneimittellehre entfaltet. Dr. L. Schlesinger ist Mathematiker. — Das merkwürdige Abenteuer, welches der Schriftsteller Arnold Perls in der Nacht des 1. Februar in der Belle-Alliancestraße hatte, war durch das schöffengerichtliche Nrtheil noch merkwürdiger geworden, welches den Kaufmann G. Röber zu 100 Mark, Perls dagegen zu 30 Mark Geldstrafe verurtheilte. Die 6. Strafkammer des Landgerichts 1 beurtheilte die Situation wesentlich anders, indem sie Perls von Strafe und Kosten gänzlich freigesprochen, die gegen Röber erkannte Strafe dagegen aber für zu niedrig erachtet und auf 300 Mark eventuell 30 Tage Gefängniß erhöht hat. — Antisemitische Blätter hatten in voriger Woche die Nachricht von einer geheimen sozialdemokratischen Parteiversammlung kolportirt, in der Schritte berathen werden sollten gegen das Ueberhandnehmen der Juden innerhalb der Partei. Diese Nachricht, deren Tendenz auf der Hand liegt, erklärt der „Vorwärts" für erlogen. Die Notiz sei von A bis Z erfunden. Damit dürfte die Sache erledigt sein. — In richtiger Würdigung der antisemitischen Bestrebungen verweigerte die Polizeibehörde zu Schwedt a. O. die Erlaubniß zu einer Versammlung, in der der Antisemit D. Müller aus Berlin einen Vortrag halten sollte. — In Leipzig hat das Reichsgericht die von Plack, Dewald und Schweinhagen eingelegte Revision gegen das Uriheil des Landgerichts I in Berlin, durch welches wegen Beleidigung des Finanzministers Dr. Miquel und des Reichskanzlers Grafen Caprivi, Plack zu 1 Jahr 9 Monat, Dewald zu 3 Monat und Schweinhagen zu einem Jahr Gefängniß verurtheilt wurden, verworfen. — Die Israelitische Waisenanstalt in Frankfurt a. M. versendet ihren 20. Jahresbericht. Sie hatte im letzten Jahre 32 Knaben und 19 Mädchen zu Zöglingen. An Geschenken erhielt die Anstalt im Jahre 1893 für die Knaben 9760 M., an Jahresbeiträgen 5467 M.; Einnahmen und Ausgaben glichen sich mit 27,045 M. aus. Für die Mädchenabtheilung gingen 7045 M. Geschenke, 2713 M. Jahresbeiträge ein, der Rechnungsabschluß wies auf beiden Seiten 15,154 M. auf. — Von der bevorstehenden Heirath eines ehemaligen Jesuiten berichtet das katholische „Bolksblatt" in Frankfurt: Graf Hönsbröck, dessen jüngst erfolgter Austritt aus dem Jesuitenorden so großes Aufsehen erregte, habe sich mit einer israelitischen Dame aus der Umgebung von Frankfurt mit zehn Millionen Mark Mitgift verlobt Wenn diese Nachricht wahr ist, was wir einstweilen noch bezweifeln, so ist sie für beide Theile charakteristisch. — Der Kantorentag in Wien hat nach längerer Debatte einstimmig beschlossen, im Rahmen des österreichischungarischen Kantoren-Vereines eine Pensionskasse zu gründen und den Vorstand des Vereins mit der Einleitung der nöthigen Schritte und mit der Ausarbeitung und baldigen Vorlage eines Pensions-Statutes zu betrauen. — Mit großer Majorität wurde Herr Isaak Chajes zum Rabbiner der Stadt Bro dy gewählt. Die Wahl wird mit allgemeiner Befriedigung ausgenommen. — Der „Budapester Korrespondenz" zufolge entbehrt die Meldung, wonach die Regierung beabsichtige, den Gesetzentwurf über die freie Ausübung der Religion, sowie über die Judenreception bis zum Herbst zu vertagen, jeder Begründung. Die Regierung gedenkt vielmehr, die gesummten kirchenpolitischen Vorlagen noch im Laufe der Session durchberathen zu lassen. — Renö Worms ist zum Chef-Adjunkten im Kabinet des französischen Handelsministeriums ernannt worden. — Die „Academie des inscriptions et belles-lettres“ in Paris hat den Sainton-Preis von 2000 Fr. Prof. Hartwig Derenbourg für seine Edition der Autobiographie von Osama verliehen. — Die Stadt Janow im Gouvernement Kowno brannte total nieder. 204 Wohnhäuser, 100 Kaufläden, die katholische Kirche und 3 Synagogen wurden zerstört. Ueber 1500 Menschen sind brod- und obdachlos. — Nach einer Meldung aus Kiew wurden auf Befehl des Gouverneurs sämmtliche jüdisch-humanitären Vereine aufgelöst! — Nachrichten aus Genua zufolge hat das Haus Rothschild mit der Dampfschifffahrts-Gesellschaft „Navigazione generale" einen Vertrag betreffs der Ueberführung von hunterttausend russischen Juden nach Brasilien abgeschlossen; 2500 sind bereits dorthin abgegangen. Wenig wahrscheinlich! — Wie man aus Konstantinopel schreibt, soll Rothschild die Bahn Jaffa-Jerusalem angekauft haben. Wenn nur hier nicht wieder der Wunsch der Vater dieser Nachricht ist! Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.