Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1894)
- Date
- 1894-06-22
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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das Schächten nach jüdischem Ritus in Städten, die kein Schlachthaus haben, verbot, und in Schlachthäusern das Schächten nur mit Genehmigung des Regierungspräsidenten gestattete. In einzelnen kleinen Gemeinden, wie Tiegenhof, Carthaus rc., wurden infolge dessen dem Schächten Schwierigkeiten in den Weg gelegt, Strafmandate gegen einen Kultusbeamten erlassen, die allerdings in erster Instanz von dem Schöffengericht aufgehoben wurden. In nächster Zeit wird die Strafkammer in Danzig infolge der Berufung des Staatsanwaltes zu entscheiden haben, ob das freisprechende Erkenntniß des Schöffengerichts aufrecht erhalten werden soll. Herr Rabbiner Dr. Werner ist zu dieser Verhandlung als Sachverständiger und Zeuge geladen. Hoffentlich erfolgt auch da die Freisprechung. Von berufener Seite ist Alles veranlaßt worden, um die das Schächten verbietende Polizeiverordnung aufzuheben, und es sind bei dem Ministerium die nöthigen Schritte eingeleitet worden. Die Bemühungen sind von Erfolg gekrönt, und in diesen Tagen hat der Herr Regierungspräsident selbst die Polizeiverordnung aufgehoben, und somit ist den Gemeinden, welche bisher nux unter großen Schwierigkeiten das Schächten ausüben konnten, eine große Sorge genommen. Hoffentlich wird in Preußen nun für alle Zukunft das Schächten ohne Störung ausgeübt werden können. m. Sondershausen, 15. Juni. Wir haben in dieser Woche wahrhaft erhebende Freudentage erlebt. Unser humanes und gerechtes Fürstenpaar feierte am 12. ds. unter dem allgemeinen Dank und Jubel in Stadt und Land seine silberne Hochzeit. Auch die Synagogen-Gemeinden unseres Fürstenthums waren unter den zahlreichen Glückwunsch-Deputationen, die zur Gratulation auf das Schloß zu feierlicher Audienz geladen wurden, durch unseren Rabbiner Professor Heidenheim, den ersten Vorsteher der hiesigen Gemeinde Redelmeier und den ersten Vorsteher zu Arnstadt, Jonas, würdig vertreten. Sie überreichten eine prachtvolle Adresse, um deren Anfertigung sich Redelmeier sehr verdient gemacht, und das Fürstenpaar dankte dafür mit herzlichen Worten und warmem Händedruck. Sie wurden zu allen für diese Feier veranstalteten Hof-Festlichkeiten geladen. Wir hielten an diesem Tage gleichfalls einen feierlichen Gottesdienst, der durch den Psalm 100, vom Kantor Schönlank rezitirt, eröffnet wurde Darauf folgte ein zu diesem Feste verfaßter Choral mit Orgelbegleitung und die Predigt des Rabbiners Heidenheim nach Psalm 85, 11—13, über die segensreiche Verbindung der fürstlichen Herzen und über die beglückende Verbindung unseres Fürstenhauses mit dem Lande. Zum Beweise der edlen, vorurtheilsfreien Gesinnung unseres Fürsten möge auch der Umstand dienen, daß Heidenheim, so lange er als Professor im Dienste, kurfähig, zu allen größeren Festlichkeiten geladen wurde, nun, nachdem er nach 46jähriger Wirksamkeit in der höheren Klasse der hiesigen fürstlichen Realschule wegen eines schweren Augenleidens als solcher seinen Abschied nehmen mußte, jetzt nur noch als Rabbiner amtirt, auch als solcher zu allen größeren Hof-Festlichkeiten geladen wird, was um des Prinzips willen vornehmlich in unserer Zeit um so beachtenswerther ist. — Wie bereits bekannt, hielt Liebermann von Sonnenberg am 27. v. Mts. auch hier eine antisemitische Versammlung, die von hiesigen Bürgern sehr schwach besucht war, da dafür hier, gottlob, kein Boden ist. Dagegen brachte Liebermann 60-60 auswärtige Anhänger mit. Neben dem Redakteur Schumacher aus Erfurt trat ihm Rabbiner Heidenheim sehr entschieden entgegen, wofür ihm noch fortwährend von Hoch und Niedrig Beifall und Theilnahme gezollt wird. Er würde noch weit entschiedener gesprochen haben, hätte er nicht wegen der vielen fremden Radaubrüder einen Exzeß in unserer friedlichen Stadt vermeiden wollen, wird aber furchtlos und pflichtgetreu trotz seines hohen Alters mit Gottes Hilfe den antisemitischen Führern oder vielmehr Verführern mit aller Kraft, in Wort und That ferner unentmuthigt entgegen treten, wo und wann es erforderlich ist, erhoben und ermuthigt durch das Prophetenwort Jes. 8, 10. -n. Leipzig, 18 Juni. Der Sitzungssaal der hiesigen israelitischen Religionsgemeinde hat dieser Tage einen neuen Schmuck erhalten, und zwar in Gestalt einer Büste des am 9. Februar 1873 verstorbenen einstigen Ehrenmitgliedes der Gemeinde, Prof. Dr. Julius Fürst. Die Büste giebt, wie diejenigen, die ihn gekannt haben, einstimmig bestätigen, die geistvollen Züge des berühmten Gelehrten, der als Sprach- und Bibelforscher zu den hervorragendsten Autoritäten der jüdischen Litteratur gehörte, in sprechender Aehnlichkeit wieder. Sie ist aus den Händen seiner Enkelin, Frl. Else Fürst, einer Tochter des namhaften Kinderarztes und medizinischen Fachgelehrten Herrn Sanitätsrath Dr. Livius Fürst in Berlin, hervorgegangen und von ihr pietätvoll der Gemeinde geschenkt worden. Die junge Dame hat damit einen um so größern Beweis ihrer künstlerischen Begabung abgelegt, als sie selbst den Verewigten nicht mehr persönlich gekannt haben kann. ü Bielefeld, 18. Juni. Der vierte ordentliche Gemeindetag des Verbandes der Synagogen-Gemeinden Westfalens wird von dem Vorsitzenden, Herrn M. Katzenstein Hierselbst, auf den 24. Juni 1894 nach Soest im Saale des Schützenhofes einberufen. Beginn der Verhandlungen: Vormittags 10 Uhr. Tagesordnung: 1. Bericht über die Thätigkeit in den verflossenen drei Geschäftsjahren. 2. Kassenbericht des Rendanten und Ertheilung der Decharge. 3. Antrag des Ausschusses auf Schaffung eines Pensionsfonds für Lehrer und Kültusbeamte. Referent:. Katzenstein-Bielefeld. 4. Antrag der Gemeinde Dortmund betreffs Herausgabe eines 2. Theiles des Gebetbuches, die Gebete für die Hochfeste enthaltend. Referent: Elias-Dortmund. 5. Antrag der Gemeinde Neuenkirchen, den Religionsunterricht an den höheren Schulen betreffend. Referent: Vorsanger-Neuenkirchen. 6. Vorlage und Berathung des Lehrplanes für die Sekunda und Prima der Gymnasien und Realgymnasien. Referent: Liepmannsohn-Minden. 7. Antrag des Ausschusses, die Abänderung des 1. Absatzes des Paragraph 6 der Statuten betreffend. Referent: Liebenfeld-Bochum 8 Neuwahl des Ausschusses. 9. Verbandsangelegenheiten. Auf den beigefügten Bericht über die dreijährige Thätigkeit des Verbandes werden wir zurückkommen. HP Marburg, 17. Juni. Im Böckel'schen „Reichsherold" findet sich folgende Notiz: „Nach zweijährigem Bestehen ist Drumonts Zeitung „La libre Parole“, das erste antisemitische Blatt Frankreichs, in der Lage, ihren Aktionären eine Dividende von 30 Fr. zu gewähren. Die französischen Antisemiten sind also den deutschen in Bezug auf Opferwilligkeit in der Unterstützung ihrer Presse weit voraus." Wenn jemals ein Seufzer aus vollem Herzen und aus leerem Beutel kam, so ist es dieser. Orkerreich - Ungarn. □ Wien, 18. Juni. Auf eine Anregung des Reichstagsabgeordneten Noske hin versammelten sich kürzlich die liberalen Wähler der Inneren Stadt, um einen Bericht ihrer Vertreter über die abgelaufene Parlamentssesston entgegenzunehmen. Der Verlauf der Versammlung, der mit einer Kundgebung gegen die Regierung endigte, zeigte, wie groß die Verstimmung ist, welche die letzten parlamentarischen Ereignisse und speziell die Jnterpellationsbeantwortung in der Affaire Deckert in der liberalen Wählerschaft hervorgerufen haben. Die anwesenden Abgeordneten Noske, Wrabetz, Dr. Kopp und Hofrath Exner hatten viele Mühe, die aufgeregten Gemüther wenigstens theilweise zu beruhigen, und man gewann den Eindruck, daß es lediglich ihrer persönlichen Autorität gelungen, die Versammlung von schärferen Kundgebungen abzuhalten. — Aus der „Freiwilligen Rettungsgesellschaft" sind in dieser Woche 34 aktive Mitglieder, sämmtlich Doktoren der Medizin,, ausgetreten. In der Leitung der Gesellschaft sollen seit dem Wechsel derselben antisemitische Tendenzen Platz greifen — nun folgt Erklärung auf Erklärung: der Chefarzt Dr. v. Bragassy verwahrt sich gegen diese Anschuldigung — wogegen die ausscheidenden Mediziner ihre Behauptung aufrecht erhalten. Nun fand im Palais Wilczek eine mehrstündige Sitzung des Aktionskomitees der Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschaft statt. Das Komitee beschloß auf Verlangen des Dr v. Bragassy, eine Uniersuchungskommission einzusetzen, welche sofort zu untersuchen haben wird, inwieweit die in der letzten Zeit erhobenen Beschuldigungen gegen den Chefarzt, Herrn Dr. v. Bragassy, wegen antisemitischer Tendenzen auf Wahrheit beruhen. Zu diesem Zwecke wird eine aus dem Grafen Wilczek und Grafen Lamezan bestehende Kommission, verstärkt durch Hofrath Nothnagel, Hofrath Professor Grünhut und Herrenhausmitglied Lobmeyr, unter dem Präsidium des Hofrathes Nothnagel, die ganze Sachlage an Ort und Stelle untersuchen und das Ergebniß der Untersuchung sofort in die Oeffentllchkeit gelangen lassen. — Das kann man übrigens an allen Orten beobachten, daß Antisemiten zuerst ihrer Feindseligkeit freien Lauf lassen, aber dann, wenn die Sache in die Oeffentllchkeit gelangt, alles Mögliche versuchen, das Geschehene abzuläugnen. So hat in der abgelaufenen Woche der Cafetier Schneider