Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1894)
- Date
- 1894-06-22
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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58. Jahrgang. Ar. 25. Weikage Eerlin. 22. Juni 1894 zur „Allgemeinen Zeitung des IuöentHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. fg. Berlin, 17 Juni. Zu einer erhebenden Feier gestaltete sich die Konfirmation in den Räumen der neuen Synagoge, Lindenstr. 48/50- Unter Orgelklang betraten die zu konfirmirenden jungen Mädchen die Synagoge und nahmen vor dem Allerheiligsten Platz Dann stimmte der Chor das Lied an: „Dies ist mein Bund mit ihnen!" worauf der fernere Gesang: „Es keimt, von Gottes Hand gesäet" folgte. Hierauf bestieg Rabbiner Dr. Maybaum die Kanzel, um in einer meisterhaften Ansprache die jungen Gemüther in das Alltagsleben zu entlassen, sie auf die ihnen tu demselben drohenden Stürme aufmerksam zu machen und sie alsdann auf ihre Religion hinzuweisen, die in solchen Fällen allein als Trösterin ausgesucht werden müsse. Nun rezitirten die jungen Damen je einen Spruch aus dem alten Testament. Herr Rabbiner Dr. Maybaum vollzog die Einsegnung unter den üblichen Sprüchen, worauf die Feier mit dem Gesang: Der Herr hat u. s. w." die Feier abschloß. L. Berlin, 19. Juni. Einen festlichen Abend hatte der „Akademische Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" ander Universität Berlin am letzten Dienstag den 12. d. M., an dem die Einführung der beiden neu ernannten Ehrenmitglieder, des Herrn Professor Dr. M. Philippson und des Herrn Docenten Dr. I. Müller, stattfand. Die Einführung, welcher ein wissenschaftlicher Vortrag des stud. phii. Warschauer über „die messianische Idee bei den Propheten" vorausging, geschah durch den Vorsitzenden des Vereins, «and. med. Kaiser. In der Erwiederung auf die Rede des Vorsitzenden hob Herr Professor Philippson hervor, daß es ihn freue, einem Verein von Studirenden als Ehrenmitglied anzugehören, der als erster Verein erkannt habe, daß durch die Pflege der jüdischen Geschichte und Litteratur dem Judenthum am meisten gedient werden könnte. Dem Wunsche auf ein kräftiges Blühen, Wachsen und Gedeihen des Vereins schloß sich auch Herr Dr. I. Müller an, indem er besonders die freie Geschichtsforschung, wie sie im Verein besteht, als eine schöne Errungenschaft bezeichnete. Er wolle bestrebt sein, im wissenschaftlichen Sinne ein rechter Nachfolger der früheren Ehrenmitglieder des Vereins, der Herren Professor Dr. Grätz, Dr. D. Cassel und Dr. I. Ritter zu werden. — Eine größere Corona von Studenten wohnte der Sitzung bei und bekundete so am besten das Interesse, das in akademischen Kreisen für die Bestrebungen des Vereins zu finden ist. fg. Berlin, 18. Juni. Die Synagoge „AdasL^esotiui-un", früher Lindenstraße und später Oranienstraße und zuletzt an der Jerusalemer Kirche, das Gotteshaus, in welchem s. Z. der Rabbiner Dr. Landsberger predigte, hat sich nunmehr aufgelöst. Seit der Errichtung der neuen Synagoge in der Lindenstraße gingen nach und nach die meisten Mitglieder der ehemals so zahlreichen Gemeinde zur neuen Synagoge über, was um so charakteristischer ist, als darunter viele streng Orthodoxe waren. Die Einrichtung der Synagoge hat Rabbiner Dr. Ellenbogen erworben und sich damit ein eigenes Gotteshaus gegründet, dessen Einweihung in 14 Tagen stattfinden wird. Durch diese Neugründung ist die Gemeinde „Ahwas Scholaum“, in welcher Ellenbogen bisher längere Zeit als Rabbiner fungirte, ohne Prediger. * Berlin, 18. Juni. Eine hier erscheinende Zeitungs-Korrespondenz brachte dieser Tage folgende Notiz: „Eine sonderbare Praxis in ihrer Eigenschaft als Hilfsgemeinschaft entwickelt die Berliner jüdische Gemeinde, wie aus nachfolgendem uns bekannt gewordenen Falle hervorgeht. Vor mehreren Jahren hatte ein Maler Seligsohn ein gut gehendes Geschäft in der Georgenkirchstraße, das er schließlich wegen Kränklichkeit aufgeben mußte. Nun arbeitete er als Geselle, bis er vor einem Jahre wiederum erkrankte und heute noch erwerbslos ist. Er fand wohl einige Zeit Aufnahme im jüdischen Krankenhause, doch die langwierige Krankheit und die damit verbundene Arbeitslosigkeit haben dessen Frau und Kind in das größte Elend gebracht. In ihrer großen Noth hat sich die Frau wiederholt an die jüdische Gemeinde gewandt und bekam ihr Hilfegesuch mit folgender, auf rothes Papier gedruckten Antwort zurück: „Urschriftlich mit dem Bemerken zurück, daß Gesuche von Frauen, deren Männer am Leben sind, eine Berücksichtigung nicht finden. Berlin, den 7. Juni 1894. Armen-Kommission der Jüdischen Gemeinde." Die bedürftige Frau bekommt also erst dann Unterstützung, wenn der Mann gestorben, vielleicht verhungert ist und mit ihm Frau und Kind .. Dieses „Also" ist ein geradezu klassisches Muster antisemitischer Logik. Trotz der offenkundigen Unsinnigkeit der Schlußfolgerung, welche die Kleinigkeit übersieht, daß jener Bescheid nur besagt: der Ehemann müsse ein Hilfsgesuch unterzeichnen oder mit unterzeichnen, sofern er lebt und nicht krank oder sonst verhindert ist, hat diese Notiz, an die sich noch weitere Bemerkungen über „die vielgepriesene Hilfsbereitschaft der jüdischen Gemeinde" knüpfen, Eingang in verschiedene hiesige Blätter gefunden. Die „Armen-Kommission der jüdischen Gemeinde" schreibt nun darüber u. A.: „Es ist richtig, daß das Gesuch der Frau Seligsohn mit dem Bemerken zurückgeschickt worden ist, daß Gesuche von Frauen, deren Männer am Leben sind, eine Berücksichtigung nicht finden Nach den gemachten Erfahrungen betteln Ehefrauen häufig ohne Wissen und selbst gegen den Wunsch und Willen ihrer Männer. Aus diesem Grunde kann die Armen-Kommission nur verheirathete Bittstellerinnen berücksichtigen, falls entweder der Mann mit unterschreibt oder aus ganz bestimmt anzugebenden Ursachen nicht unterschreiben kann (wegen Krankheit, Abwesenheit re.). Derartige Gründe enthielt das qu. Gesuch nicht. Lediglich um die Ehemänner zu schützen, ist also auf Beschluß unseres Plenums der rothe Zettel, dessen in der qu. Korrespondenz mit solcher Entrüstung Erwähnung gethan wird, eingesührt worden. Uebrigens ist Bittstellerin, trotzdem die Unterzeichnete Kommission nur eine freiwillige Armenpflege ausübt, diesseits im Zeitraum von acht Monaten mit 70 Mark — zuletzt im April a. c — unterstützt worden. Die erste Unterstützung erfolgte im August a. p., obgleich die genannte Familie, die erst seit März 1892 in Berlin wohnt, damals noch nicht einmal ortsangehörig war." «Q Berlin, 18. Juni. Gestern fand in Pankow die feierliche Einweihung des Heims, in welchem arme Mädchen jüdischen Glaubens zu dienenden Stellungen erzogen werden sollen, im Beisein des Herrn Amts Vorstehers aus Pankow und derjenigen Damen und Herren, welche Beiträge behufs Erwerbes des Hanfes geleistet haben, statt. Um 12 Uhr Mittags begann die Feier mit dem Choral: „Lobt froh den Herrn, ihr jugendlichen Chöre", gesungen von den Schülern und Lehrern des Pankower Erziehungshauses. Hierauf folgte eine Ansprache des Herrn Justizrath Mako wer, welche den Zweck des Instituts und die Art seiner Entstehung ergab. Die Feier schloß mit dem Liede: „Wenn Gott der Herr das Haus nicht bauet, vergeblich ist der Menschen Mühe". Nach Beendigung dieser Feierlichkeit wurden sämmtliche neu eingerichteten Räume einer genauen Prüfung und Besichtigung unterzogen. Die Anstalt besteht aus einem Vorderhause, einem Hinterhause mit einem Gemüsegarten. In dem ersteren enthält das Kellergeschoß eine gut eingerichtete Küche, einen Speisesaal, ein kleines Zimmer, in welchem sich ein Eisspind und ein Schrank mit Fächern für die 12 aufzunehmenden Mädchen befindet. Im Hochparterre ist der Schlafsaal mit 12 Betten, sowie das Empfangszimmer und der Schlafraum der Oberin, Frau Bellack. Eine Treppe hoch befindet sich die Arbeitsstube der Zöglinge und ein Krankenzinnner. Im Hinterhause ist die Portierwohnung, die Waschküche, Rollstube, Badezimmer und der Trockenboden. Nach Besichtigung der Räume wurde den Gästen ein Frühstück geboten. Wir können diesem Institut nur von ganzem Herzen Gedeihen wünschen! s. Danzig, 13. Juni. Im Mai vorigen Jahres erließ der Herr Regierungspräsident von Danzig eine Polizeiverordnung, welche