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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-06-22 · Heft 25 (22.6.1894) · p. Seite 298

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 25 (22.6.1894)
Date
1894-06-22
Page
Seite 298 (sequence 10)
Language
German
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298 Fräulein Marcusy, Henriette Mendelsohn, Jenny Rosenberg, Betty Wolff, alle vier Damen in Berlin, ferner von Max Schüler in Frankfurt a. Main ein Bildniß von Dr. Ludwig Rottenberg, desgleichen von R. Scholz, ebenfalls Frankfurt a. Main,, der Schauspieler K. Hermann als Shylock. — Gar Vieles könnte uns noch interessiren, aber wir müssen schließen — und zwar mit dem Besten, nämlich mit dem hervorragendsten jüdischen Porträtmaler der Gegenwart, mit Leopold Horovitz, der auch diesmal zwei seiner Meisterbilder, die Jedem, der sie einmal gesehen, unvergeßlich bleiben, ausgestellt hat. Das eine der beiden ist das Porträt einer durch ihren Geist und ihreWohlthätigkeit rühmlichst bekannten Dame aus einer unserer angesehensten hiesigen jüdischen Familien. Das Bild weist alle Vorzüge dieses großen Malers in schönem Verein auf. Das ist Kunst, echte Kunst, frei von allen Thorheiten und Verzerrungen der Mode, groß und schön im Kolorit wie in der Auffassung. Als ich die Ausstellung verließ, traf ich einen befreundeten Maler und richtete an ihn die Frage: Warum ist wohl an die Stelle der patriarchalischen Auffassung bei biblischen Bildern jetzt der ungesunde Qualm der falsch verstandenen Mystik getreten? Die Antwort lautet: Weil auch hier sich die das ganze Gebiet des gesellschaftlichen und geistigen Lebens verheerenden giftigen Dünste des Antisemitismus schädlich erweisen. Darum seien hier der aufstrebenden Generation jene Verse Uhland's in mahnende Erinnerung gebracht, die er einem verstorbenen jungen Maler widmete, der neben Zeichnungen zu den Nibelungen und zur Herrmannsschlacht seine Studien dem Alten Testament geweiht hatte: Bedeutungsvoll hast du dein Künstlerleben Mit jenem frommen, stillen Bild geschlossen: Wie Abraham mit seines Stamms Genossen Das Land begrüßt, das ihm der Herr gegeben. Da lehnen sie auf ihren Wanderstäben, Von Wald und Felsenhang noch halb umschlossen. Doch herrlich seh'n sie unter stch ergossen Das weite Land voll Kornes und voll Reben . . . Noch Hohem, Würd'gem nur hast du gerungen. Das Kleinliche verschmähend wie das Wilde. . . . Nicht nur in unserer großen Kunstausstellung, sondern auch im diesjährigen Pariser Salon fehlt es, wie wir gesehen haben, fast ganz an Kunstwerken bedeutender Konzeption aus dem Stoffgebiet des Judenthums. Eine im Uebrigen sehr ansprechend modellirte schöne Frauengestalt, wie die jetzt in dem Salon am Lehrter Bahnhof zu schauende „Bathseba", ist noch lange nicht das „Weib des Urias", das übrigens einst den Dichter Alfred Meißner zu einem bedeutenden Drama begeisterte. Ein einziges Werk der Plastik befriedigt auch nach dieser Richtung.es istdievonBreuer ausgestellteGruppe„Adam und Eva". Mit Stolz sei es hervorgehoben, daß hier nicht flüchtige Künstlerlaune einer Nudität eine Benennung aus dem Urzeitalter der Menschheit verliehen, sondern daß bei „Adam und Eva" ein Meister von Gottes Gnaden mit echter Weihe die Zelte Jakobs betreten und Großem Großes nachgeschaffen hat. — Wie muß es uns dem gegenüber mit Schmerz erfüllen, daß Künstler unseres Glaubens und Stammes von Weltruf, wie Antokolsky als Bildhauer und Max Liebermann als Maler, das Stoffgebiet des Judenthums, ihres ureigensten Erbes, ganz vernachlässigen. Wahrlich, es ist in einer Zeit, da die Mächte des antisemitischen Acheron gerade die Paläste unserer Huuderttausende für die Kunst opfernden Mäcene anspülen lind die breiten Maffen unseres Mittelstandes unter dem Wüthen jener teuflischen Propaganda, die ihren Kindern den Weg zur Bildung abschneiden will, doppelt unschuldig leiden, hohe Zeit, daß auch unsere Künstler, namentlich jene, denen das Schicksal froh gelächelt und ihnen eine hohe Kulturmission beschieden, sich des Judenthums erinnern. Wohlgemerkt, Niemand verlangt eine Apologetik auf den: neutralen Gebiete der Kunst, — warum aber, da die Steine ewig reden und Gemälde zu allen Zeiten gesprochen haben, sollen in einer Zeit, in der unsere Kinder wie unsere Greise von den Schlangen des Haffes umstrickt leiden, diese Züge des Weltlebens gerade ganz vergeffen zurückweichen vor all' den bunten Sächelchen und oft ganz nichtssagenden Stoffen, mit denen jene Säle auch vielfach von jüdischen Malern derart gefüllt werden, daß selten einer dem innerlich unbedeutenden Tand überhaupt noch Beachtung schenkt. Es war uns unmöglich, nachdem wir eine große Zahl jüdischer Künstler hier mit Namen genannt haben, auch noch eine Nomenklatur all' dieser von Malern unseres Stammes gefertigten „Stillleben" u. s. w. zu liefern. — Ein Einwurf sei hier noch kurz zurückgewiesen, nänilich der, daß unser „Interieur" stillos und unästhetisch sei. Dann male inan uns so, wie wir sind, und die Wahrheit wird von selbst sprechen. Auch der „ästhetische Antisemitismus" ist eine Lüge, und selbst ein Max Liebcrman», der sich in Holland die Modelle zu seinem Altleutehaus geholt hat, würde vor aller Welt Ehre einlegen, wenn er einmal unsere Greise, sei es im Siechenhause oder im Lehrhause, malte. In letzterem sind die Juden zu Hause, kiat applicatio! Literarische Mitthe'klungen. ----- W. Pohlmann. Die Juden und die körperliche Arbeit. Ein Vortrag. Berlin 1894. Max Harrwitz. Professor Pohlmann, dessen Broschüren: „Christen und Juden", „Das Judenthnm und seine Kraft", „Jüdische Leiden", wohlbekannt sind, sucht in dieser neuesten Arbeit wieder eines der geläufigen Vorurtheile gegen die Juden zu widerlegen; indem er zum Theil an der Hand des Antisemitenkatechismus nachweist, daß die Juden außerhalb Deutschlands, z. B. in Polen, Rußland, in der Türkei und in Amerika die schwersten körperlichen Arbeiten verrichten und in allen Handwerken zahlreich vertreten find. Wenn es in Deutschland anders ist, wenn hier die Juden noch nicht so stark unter den Handwerkern vertreten find (aber doch weit mehr, als man gewöhnlich annimmt), so trifft die Schuld durchaus nicht die Juden, sondern diejenigen, deren Gesetze bis vor Jahrzehnten den Juden nur den Handel offen gelassen haben. Sehr treffend weist dann P. nach, wie von seiner Hände Arbeit leben, besonders die Frucht seines Feldes genießen, dem Juden in seinen heiligen Schriften stets als das höchste Glück und die größte Segnung Gottes dargestellt ist. — Für Jeden, der ruhiger Beweisführung zugänglich ist, hat P. den Beweis gebracht, daß die angebliche Abneigung der Juden gegen Handwerk und Ackerbau nichts ist, als eine den Thalsachen direkt widersprechende Phrase der Antisemiten. ----- b)p Stimmen der Freude. Reden, Toaste und Lieder bei freudigen Gelegenheiten von Prediger Lion Wolfs. Frankfurt a. M. 1894. A. I. Hoffmann. Es ist ein durchweg originelles Werk des bekannten Verfassers, der fast alljährlich seinen Amtsgenossen ein neues Handbuch bietet. Hier wird vielen Kultusbeamten und Anderen, die gelegentlich eine Tischrede bei Szudos, Verlobungen und Hochzeiten halten wollen, oder, was schlimmer, halten müssen, ein reiches Material geboten. Besonders gelungen find die Erklärungen für sämmtliche Namen, sowie Vorlagen für jüdische Festzeitungen. Die „Hamburger Reform" bezeichnete den Verfasser einmal als einen jüdischen Abraham a Santa Clara — Wer den Verfasser und seine Schicksale kennt, staunt nicht wenig, daß er „trotz alledem" seinen urwüchsigen Humor noch nicht verloren, der so recht auch in dem Anhang des Buches „Hochzeits-Hagadah" zum Ausdruck kommt. Das Buch ist gut und für Jeden, der ein solches Material gebrauchen muß, ein wahrer Schatz und bei dem Umfang nicht zu theuer.

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