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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-06-22 · Heft 25 (22.6.1894) · p. Seite 296

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 25 (22.6.1894)
Date
1894-06-22
Page
Seite 296 (sequence 8)
Language
German
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<•* "*' •*, '*'^>17 "rnirnpp* ',-J«', 1--' v - > P""*» » *•*„’ '*''■'—' IM'5' - 296 - Er wandte sich seiner Dame zu, die schon recht böse auf den ungezogenen Herrn geworden war, jetzt aber, schnell versöhnt, ihm ein so freundliches Lächeln spendete, daß der Kantor voll freudiger Hoffnung schmunzelte. . . . Olga's Nachbar, der Student, hatte sich über die Vernachlässigung seitens seiner Dame leicht getröstet, — die zahlreich vor ihm aufgepflanzten Weinflaschen boten ihm angenehme Unterhaltung genug ... „Prosit, gnädiges Fräulein!" — Mit weinselig blinzelnden Aeuglein hielt er ihr sein Glas entgegen. ... Die Tafel wurde aufgehoben, plaudernd zerstreute sich die Gesellschaft, die Tische wurden aus dem Saal entfernt und die Stühle reihenweise vor der Bühne aufgestellt, — denn nun sollte der „deklamatorische" Theil des Festes beginnen. . . . Während Geschwister und Freundinnen der Braut allerlei Vorträ.r in Poesie und Prosa zum Besten gaben, suchte Willi mit den Augen Olga im Saale; — sie war verschwunden. — Und er hätte so gern das unterbrochene Gespräch fortgesetzt, sich vor ihr gerechtfertigt! —; „Das war doch entzückend!" sagte seine Tischdame neben ihm. „Was meinen Sie mein Fräulein?" „Nun der Soloscherz — der war doch reizend!" „Ach so! — Ja, großartig!" stimmte er bei, obwohl er kein Wort von dem Vortrage gehört hatte. „Sag' mal Goldstein, — hast Du nicht zufällig den Studenten gesehen, — den Tischnachbarn von Fräulein Silbermann?" — Mit diesen Worten trat der junge Herr Löbel, der Festordner auf ihn zu. „Der? — Ich sah ihn ziemlich angeheitert den Saal verlaßen." „Der Kerl ist im Stande, mir den ganzen Spaß zu verderben!" zürnte der Andere. „Komm, hilf mir ihn suchen!" „Ich habe nämlich noch im letzten Augenblick ein reizendes lebendes Bild arrangirt," erklärte er im Gehen dem Freunde „Romeo und Julia — weißt Du, meine Schwester liebt das- Romantische; — sie weiß davon und freut sich riesig darauf!" „Fraulein Silbermann ist die Julia?" „Sie wollte erst gar nicht — kam ja erst vorgestern zurück, — aber wir haben so sehr gebeten." „Und dieser betrunkene Student als Romeo!" rief Willi aus. Brennende Eifersucht erfaßte ihn. — Endlich fanden sie den Studenten in einem abseits gelegenen Zimmer sitzend, eine Flasche vor sich auf dem Tisch, das weinglühende Gesicht auf die Brust geneigt — schlafend. „Ein schöner Romeo!" rief der „Festordner" verzweifelt. „So kann ich den Menschen doch nicht auf die Bühne schleppen! — Und Alle wiffen von dem Bilde und sind gespannt, — Alles ist so hübsch vorbereitet, — nur kein Romeo!" „Dir würde das Kostüm gerade passen," fuhr er fort, den Freund musternd, — „Du wärest ein prächtiger Romeo. — Aber freilich, Du wirst es nicht thu», — wie Du mit Olga stehst." „Und wenn ich es doch thue!" — rief Willi wie in plötzlicher Eingebung. „Wo ist das Kostüm? — Aber sie darf mich vorher nicht sehen, — darf nichts wiffen!" „Du wolltest — das wäre famos! — Wir wollen es schon machen. Die Bühne wird erst im letzten Augenblick erhellt, — sie wird Dich gar nicht erkennen." Im Zuschauerramn war man schon sehr unruhig. Die widersprechendsten Gerüchte flogen durch den Saal. Nach dem Einen sollte Romeo in einem der Seitenzimmer seine» Rausch ausschlafen, Andere behaupteten, sie hätten ihn eben im Kostüm auf die Bühne schlüpfen sehen. Man war sehr gespannt. . . . Endlich ging der Vorhang auf. — Ein allgemeines entzücktes „Ah" erscholl. — Inmitten der Bühne stand Romeo in farbenprächtigem Kostüm, das mit einem mit Straußfedern geschmückten Hut bedeckte Haupt zu einem teppichbehangenen Gerüst, das einen Balkon darstellen sollte, emporgehoben. Oben stand Julia, das hübsche Gesicht auf die Hand gelehnt. Bläuliches Licht umfloß die beiden jugendschönen Gestalten, das lang herabfallende schwarze Haar Julia's, die Blattpflanzen, die den Hintergrund der Bühne erfüllten und den Garten der Capuletti darstellen sollten. ... „Sie lehnt ihr Antlitz auf die Hand. . . O wär' ich doch der Handschuh, der's berühre« darf!" citirte ganz laut ein junger Herr, ein Kommis, der sich für ein dramatisches Talent hielt und fast alle tragischen Heldenrollen auswendig kannte. Da plötzlich wankte Julia, ein Krachen — ein Schrei; — der nur aus Brettern lose zusammengefügte „Balkon" fiel zusammen. Julia stürzte — nicht zu Boden, — sondern in die noch rechtzeitig ausgebreiteten Arme Romeo's. Halbohnmächtig vor Schreck ruht sie in seinen Armen. — Da, mitten in der Verwirrung, die sich der ganzen Gesellschaft bemächtigt hatte, geschah das Wunderbarste. Romeo beugte sich plötzlich nieder und küßte Julia auf die Lippen... Sekundenlang herrschte verblüfftes Schweigen im Saal. War das Alles Zufall oder abgekartetes Spiel? — fragte man sich. Da rief Einer aus der Schaar der Hochzeitsgäste, ein wohlbeleibter. gemüthlicher Herr, — ein Fremder, lautschallend: „Bravo! — Da capo! —" Nun war der Bann gelöst, — Bravo, Klatschen, Lachen tönte durch den Saal. Das Paar aber, dem der stürmische Beifall galt, kam nicht „heraus". . . . Hinter dem Vorhang suchte Olga sich sauft aus den sie umschlingenden Armen zu befreien und sagte: „Herr Goldstein, — mit welchem Rechte erlauben Sie sich — „Mit dem Rechte der Liebe!" — rief Willi feurig und küßte sie noch einmal. „Mein geliebtes Mädchen, hast Du mich denn auch ein bischen gern?" „O mein Willi, — wie habe ich mich nach Dir gesehnt!". . . . „Habe ich es nicht gut gemacht, Schatz?" lachte er. „Ach Willi, wie bin ich erschrocken, als ich Dich drunten stehen sah! — Ich hielt mich mühsam, — denn ich wollte das Bild nicht verderben, — aber es ging dann doch über meine Kräfte, — ich wankte Und fielst in meine Arme!" — So wäre das süße Geplauder noch eine Weile fortgegangen, wären nicht die Eltern der Beiden auf der Bildfläche erschienen. „Na — das ist eine nette Geschichte! — Schämen Sie sich nicht, junger Mann — so vor allen Leuten?" — polterte Herr Silbermann. „Ich konnte nichts dafür, Schwiegerpapa!" entschuldigte sich Willi, — „wenn das Mädchen, das ich liebe, mir direkt in die Arme fliegt, muß ich es doch küflen — ob es die Leute sehen oder nicht!" „Ach was — „Schwiegerpapa!" — Sie bekommen mein Mädel nicht, — dabei bleibt es!" „Na, Silbermann," sagte der Vater Willi's, „ich hatte es ja auch anders bestimmt, — aber wenn sich die Kinder so lieb haben, — da werden Sie doch kein Rabenvater sein!?" Nein, Herr Silbermann war nichts weniger als ein Rabenvater, gegen Willi als Schwiegersohn hatte er nie etwas gehabt, — und der Streit um die Orgel, der den ganzen Zwist verschuldet, war ihm nachgerade gleichgiltig geworden. Versöhnt und gerührt reichten sich Alle die Hände. . . . Der junge Herr Löbel, der sich einbildete, diese Wiedervereinigung der Getrennten sei sein alleiniges Werk, zog den Vorhang in die Höhe und stellte der Gesellschaft das „getrennte und wieder zusammengeführte" Brautpaar vor.

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