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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-06-22 · Heft 25 (22.6.1894) · p. Seite 295

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 25 (22.6.1894)
Date
1894-06-22
Page
Seite 295 (sequence 7)
Language
German
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295 jüdischen Volksseele, zur Abwehr der Leiden, unter denen sie blutet, geschrieben ist, etwa deshalb, damit ein Lump einige Groschen dadurch verdiene, auch in England und Amerika nur in jener Form erscheinen, die ich ihm mit Rücksicht auf die Verhältnisse, unter denen der „Woschod" erscheint, geben mußte? Soll ich deshalb in England und Amerika nicht frei heraussagen dürfen, was ich den Bewohnern dieser beiden großen freien Länder in diesem Roman über meine Glaubensgenoffen zu sagen habe?! Es wäre ein Schaden für Jene, für die ich hier die Stimme erhebe, und darum werde ich diesen Schaden nicht dulden. In ganz anderer Tonart möchte ich das Folgende sagen. Da möcht' ich gerne die mildesten, tröstlichsten Worte finden. Ach, wär' ich ein großer Dichter, dann fänd' ich sie. So aber kann ich nur sagen: Lieben Brüder in Rußland, ich weiß, wie schwer jetzt Euer Herz ist und warum es so schwer ist, ich weiß es so genau, als lebte ich mitten unter Euch, denn ich habe ja in den letzten zwei Jahren mit Hunderten Eurer Brüder gesprochen, die auf der Reise aus der alten in die neue Heimath durch Berlin kamen. Und sie sagten Alle daflelbe . . . Lieben Freunde, ich weiß, ich weiß . . . Und dennoch sage ich: Möge es ihnen in der neuen Heimath Wohlergehen, aber Euch in der alten: Bleibt muthig, harret tapfer aus! Ich werde es ja nicht mehr erleben und auch Ihr nicht und auch von den nächsten Geschlechtern keiner — und dennoch, so wahr es ist, daß die Sonne über uns Allen scheint und auf den Winter der Frühling kommen muß, so wahr ist es auch, daß einst der Tag kommen wird, w o die Juden in Rußland Russen jüdischen Glaubens sein werden, durch nichts von ihren Mitbürgern geschieden, als durch die Form, in der sie Gott verehren . . . Wie viel Thränen werden bis dahin fließen! Ach, vielleicht nicht blos Thränen, sondern auch Blut. Und dennoch: lasset uns tapfer und standhaft bleiben. Ich aber — wenn nur Wenige von Euch, die dies Buch lesen, an der einen Stelle lächeln, am der andern getrösteter aufathmen — und wenn es ihrer nicht so viele wären, als die Finger meiner Hand — schon dann will ich mein Geschick Preisen, daß mich dereinst -nicht einen Philologen und nicht einen Juristen hat werden lassen ... „Wohl mir", will ich dann sagen, „es sind Juden in Rußland und ich habe sie auf Stunden ihr eigenes Leid vergeffen lernen, wohl mir — ich habe nicht umsonst gelebt!.. Lieben Brüder, ich grüße Euch aus tiefstem Herzen! * M MiMLMDlMMIMMMUMUIMMMUMMMlMIIMMUltMIllMüllMlWMlM w inj-miwiiu IllmiUUlim 1 FEUILLETON 1 | | rWIWWMI i MllMlMMlMUWMlUMkMläUIMlIlllMlWMiMlMtlWUMlUtMLitMMMIMMW 1- ' -.——-SK«- mwmrimi W —» Romeo und Julia. Eine Humoreske von Bertha Ginsberg. (Schluß.) ie beiden jungen Menschen waren aufs Aeußerste erschrocken, als sie sich plötzlich so in engster Nachbarschaft fanden. Olga faßte sich zuerst. Hochmüthig wandte sie sich von Willi ab und ihrem linken Nachbar zu, wobei ihr Gesicht blitzschnell wieder ein liebenswürdiges Lächeln annahm. Aber es hatte etwas Gezwungenes, dieses Lächeln. . . . Willi dagegen vernachlässigte seine Tischdame derart, daß Herr Bartenstein, der in seiner Eigenschaft als Unter-Kantor und nebenbei als Stifter des Liebesbundes der eben Vermählten, am unteren Ende der Tafel saß, sich furchtbar darüber ärgerte und im Stillen auf den blöden Menschen schalt, der sein eigenes Glück mit Füßen trat. ... Sicherlich hätte ein Anderer als dieser unpraktische, ungeschickte Mensch dem hübschen, netten und reichen Mädchen längst schon eine Liebeserklärung gemacht, wäre er an seiner Stelle gewesen. ... Es war, um wüthend zu werden! — Ein Glück, daß Herr Bartenstein sich durch so etwas zwar ein wenig die Laune, nicht aber den Appetit verderben ließ. — Ein — zwei Gänge waren vorüber, — Willi hatte noch immer keine Gelegenheit gefunden, an Olga ein Wort richten zu können. Reden wurden gehalten, Hoch gerufen, Tafellieder gesungen, — seine Tischdame sang eifrig mit, und kräftig erdröhnte der Bierbaß des Studenten, der Olga's Nachbar zur Linken war und den guten Weinen schon recht eifrig zugesprochen hatte. Sie selbst und Willi aber öffneten die Lippen nicht.... Da fiel ihr das gedruckte Tafellied aus der Hand.... er hob es auf.... „Danke!" — So kühl das klang, es war doch ein Wort, — eine Anknüpfungs-Gelegenheit. — „Sie singen ja nicht, mein Fräulein!" „Es macht mir kein Vergnügen!" „Das ist schade — zum Amüsiren kommt man doch nur her... . Ich bin übrigens erstaunt, Sie hier zu sehen!" „So?" „Ich dachte, Sie wären noch verreist." „Ich bin seit vorgestern zurück." Damit vertiefte sie sich in die Lektüre ihres „Tafelliedes", als ständen dort, statt schlechter Verse, außerordentlich intereffante Dinge. — Aber es ließ sich so leicht nicht abweisen. „Fräulein Olga! —" „Mein Herr!" „Warum sind Sie so schroff, so abweisend gegen mich?" „Das müffen Sie selbst am besten wissen!" „Seit unsere Väter sich einmal gezankt haben — nnd weswegen! — Wegen einer Dummheit! (Wenn das die würdigen Herren, sowohl Freunde, als Gegner der Orgel, gehört hätten!) Und darum sollen wir, die sich einst so nahe standen-" „Das ist vorüber!" gab sie kühl zurück. „Freilich — das ist vorüber!" sagte er bitter. — „Ich Narr, der ich glaubte, es würde Ihnen auch ein loenig nahe gehen!" „Ist es Ihnen denn nahe gegangen? — Sie haben sich ja sehr leicht darüber hinweg gesetzt!" meinte sie voll Hohn. „Wie konnte ich mich Ihnen nähern? — Sie waren ja so stolz, so fremd, — sahen auf der Straße an mir vorbei, als hätten Sie mich nie gekannt!" „Ich wollte Ihnen ersparen mich zu grüßen. ... Es hätte Ihnen vielleicht peinlich sein können — vor Ihrer neuen Braut...." Dabei sah sie recht auffällig zu Herrn Bartenstein hinüber. „Wer — wer hat es gewagt — wer hat Ihnen das gesagt!" rief er erregt. „Können Sie läugnen, daß Sie in B.und in S ... auf der Brautschau waren, und in — .-?" „Olga — ich beschwöre Sie — Sie müffen mich hören! - Wenn noch ein Fünkchen von Gefühl für mich in Ihrem Herzen lebt -." Musik und Gesang, unter deren Schutze er bis jetzt laut erregt gesprochen, schwiegen plötzlich, und er mußte ein Gleiches thnn, wollte er nicht von Allen gehört werden. . . .

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