Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1894)
- Date
- 1894-06-22
- Page
- Seite 294 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228040-3228066--50906-3273740- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
-- 294 - Als nächster Konferenzort wird Neuwied (Pfingsten 1695) gewählt und bestimmt, daß Lißner- St. Johann eine Lehrprobe über ein noch zu bestimmendes Thema halten solle. § 5 der Vereinssatzungen wird folgendermaßen geändert: „Jedes Mitglied zahlt pränumerando 3 Mark Jahresbeitrag. Ein Eintrittsgeld von 3 Mark soll von denjenigen Beitretenden erhoben werden, welche, ohne Mitglied eines andern jüdischen Lehrerverbandes zu sein, diesem Verbände länger als das laufende Jahr fern geblieben find. Wer mit seinem Beitrag zwei Jahre im Rückstände bleibt, verliert die Mitgliedschaft. Diese kann durch Nachzahlung der Beiträge und ein Eintrittsgeld von 3 Mark wieder erworben werden." — Diese schärferen Bestimmungen sind besonders um deswillen nöthig geworden, weil unser Verband im Falle des geplanten Zusan^menschlusses Verpflichtungen für seine Mitglieder übernimmt und deshalb Klarheit über seinen Personenstand haben muß. An die im diesseitigen Bezirke amtirenden Lehrer und Kultusbeamten soll im Laufe des Jahres eine bezügliche Aufforderung erlassen werden. Der 6 Punkt der Tagesordnung: „Die Vorbildung des Lehrers als Kantor" ward, wegen der vorgeschrittenen Stunde, als erster auf die nächstjährige Tagesordnung gesetzt, um noch einige freie Zeit zu den „freien Besprechungen" zu gewinnen. Diese gestalteten sich — wie immer — höchst interessant. Der Löwenantheil hierbei gebührt Herrn Rabbiner Dr. Cohn-Bonn, der in fesselnder, theils humoristischer Weise recht beachtenswerthe Erlebnisse seiner langjährigen Praxis aus dem Gemeinde- und Schulleben zum Besten gab. Nicht minder betheiligten sich hieran Sender-Tholey, Ransenberg-Neuwied, wie denn überhaupt nach den langen und anstrengenden Verhandlungen das weitere Beisammensein sich zu einem ungemein angenehmen und anregenden gestaltete. Um 1 Uhr schloß der Vorsitzende mit freundlichem Abschiedswort die diesjährige Versammlung. Wittlich, 6. Juni. Der Schriftführer: R. Nußbaum. Ern Vorwort. Von Karl Emil Franzos. (Schluß.) (Nachdruck verboten.) fch möchte mich als Künstler nicht selbst analysiren. Das ist Sache der Kritiker, die ja auch ihre Arbeit eifrig genug verrichtet und noch ferner thun werden, einige viviseziren mich sogar. Ich will daher nicht eingehend erörtern, daß und warum die Tonart meiner früheren Schrift sich zwischen Tragik und Komik bewegte. Dieser Roman schlägt eine andere Tonart an: die humoristische. Warum erst dieses Werk? Nun, vielleicht muß man älter geworden sein, mehr erfahren und mehr gelitten haben, um das „Lächeln unter Thränen" zu erlernen. . . . Aber auch nach anderer Richtung, nicht blos der subjektiven meiner Darstellung, sondern auch der objektiven des Inhalts, darf ich diesen Roman einen humoristischen nennen. Er sucht dem Leser die Fülle jenes eigenthümliches Witzes und Humors nahe zu bringen, der im Ghetto des Ostens zu finden ist, und darf darum keine der Formen vermeiden, in denen sich dieser Witz bewegt, also auch die Formen des Wortspiels nicht. Und nun ein dritter, vielleicht der größte Unterschied: die Tendenz. Ich glaube auch in meinen ersten Schriften meine Pflicht gegen meine Stammesgenossen erfüllt, nicht gegen, sondern für sie, nicht zu ihrem Schaden, sondern zu ihrem Heil gewirkt zu haben. In dieser Zuversicht haben mich auch meine chassidischen Schmäher und Angreifer nicht wankend gemacht. Als ich zuerst das Wort ergriff, da gab mir ein Jude dieser Richtung, ein Mann Namens Dr. Lippe in Jaffy, den Rath, mich baldigst taufen zu lasten, denn das Judenthum hätte für einen Mann meiner Gesinnungen keinen Platz. Dieser Dr. Lippe ist, was die Form betrifft, der dümmste und roheste Gegner geblieben, der mir je erstanden ist, aber in milderer Form ist dasselbe oft genug von jüdischer Seite über mich geäußert worden. Ich habe es lächelnd ertragen, weil ich mir sagte: „Dies ist der beste Beweis, daß du deine Pflicht gethau hast. Wärest du so thöricht, so ungerecht, so feig gemessen, deine Waffen nur gegen die äußeren Feinde des Judenthums zu kehren und nicht gegen die inneren Gegner einer gesunden Entwickelung, so wären diese Herren mit dir zufrieden gewesen, aber sonst Niemand Anderer und am wenigsten dein eigenes Gewissen." Und auf diesem Standpunkt stehe ich noch heute. Aber — „Alles hat seine Zeit", sagt der Psalmist, auch der Kampf gegen den inneren Feind. Heute, wo der äußeren Feinde so viele sind, muß der Kampf vor Allem ihnen gelten. Es gilt, den Druck dieser äußeren Feinde zu betonen. Diese drei Unterschiede zwischen den vorliegenden und meinen bisherigen Arbeiten sind zugleich die drei Gründe, warum ich dies Buch für die russische Sprache bearbeiten mußte. Vor Allem, was die Tendenz betrifft. Die meisten Stellen dieser Art habe ich für die russische Ausgabe streichen müffen... Ferner: ein Gesammtbild läßt sich dem Leser ungleich schwerer verständlich machen, als ein Ausschnitt. Ich habe mich gemüht, meinen Roman so zu schreiben, daß er von jedem Leser, gleichviel welchen Bekenntnisses, auch wenn er nie einen Juden des Ostens selbst gesehen hat, verstanden werden kann. Dazu sind nicht blos Erläuterungen erforderlich, sondern die ganze Art der Darstellung muß zuweilen eine andere sein, als für den genau orientirten Leser. Was für andere Leser, auch für den deutschen, geschweige denn gar den englischen und amerikanischen Juden zum Verständniß nöthig ist, braucht der russische Leser nicht. Ich konnte und mußte daher hier Vieles wegthun, Einiges anders fasten. Hingegen habe ich von einzelnen Arten östlichen Ghetto-Humors in dieser Ausgabe Proben gegeben, die in der deutschen und englischen Ausgabe fehlen werden. Es gilt dies namentlich von den Wortspielen. Der russische Leser versteht mich sofort, eben weil er Sprache und Art dieser Menschen kennt. Der deutsche, geschweige denn gar der englische Leser könnte diese Wortspiele entweder überhaupt nicht, oder erst nach langen Erläuterungen verstehen. Witze aber, die eine Zeile füllen und dann eines Kommentars von dreißig Zeilen bedürfen, um verstanden zu werden, hören auf, witzig zu sein und werden langweilig. Eines möchte ich noch sagen, ehe ich von den Lesern Abschied nehme. Da dieser Roman zuerst in russischer Sprache erscheint, und selbst die englische, geschweige denn die deutsche Ausgabe später folgen, da Rußland mit England, Amerika und Deutschland keinen Litteratur- Bertrag hat, so könnte vielleicht Jemand auf den Gedanken kommen, dies Buch aus dem Russischen ins Englische oder Delltsche zu übersetzen. Freilich wäre seine Freude kurz, denn da dieser Roman russisch in einer Monatsschrift und in nicht allzugroßen Fortsetzungen erscheint, so würden ihn die rechtmäßigen Ausgaben bald überholen. Aber gleichviel, es könnte vielleicht Jemand auf diesen genialen Gedanken kommen. Man gestatte mir zu sagen, daß dieser Gedanke in Wahrheit nicht genial, sondern eine ungeheure Lumperei wäre, ein Gaunerstück, dasich nicht ruhig hinnehmen, sondern vorder ganzenWelt als solches brandmarken würde. Auch bin ich der Ueberzcugung, daß mir jede ehrliche Zeitung, sie erscheine, wo sie wolle, den Raun« zur Verfügung stellen wird, um einen Pranger für diesen Gauner aufzurichten. Nicht etwa meine materiellen Interessen bewegen mich zu dieser Erklärung und Warnung im Vornhinein, sondern die moralischen Interessen meines Werkes. Soll dies Buch, das zur Darstellung der