Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-06-22 · Heft 25 (22.6.1894) · p. Seite 293

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 25 (22.6.1894)
Date
1894-06-22
Page
Seite 293 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3228040-3228066--50905-3273739
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

2ZA MM? Mhrer-Ksnferen? in Singen. Sie 13. Jahresversammlung des südwestdeutfchen Verbandes israelitischer Lehrer und Kultusbeamten hat am 13. und 14. Mai d. I. im Gasthof Rothschild zu Bingen stattgefunden. Am 2i/a Uhr erüffnete der Vorsitzende Eppstein- Hoppstädten die Versammlung, indem er seiner Freude über das gesunde Wiedersehen Ausdruck gab, den Mitgliedern für ihr zahlreiches Erscheinen, dem D. I. G. B. für die auch diesmal geleistete Beihilfe und schließlich allen denen seinen Dank aussprach, die sich um das Zustandekommen der Versammlung bemüht haben. Ueber die Thätigkeit des Vorstandes sei zu berichten, daß sich dieselbe hauptsächlich auf das Gelingen der Vereinigung aller israelitischen Lehrervereine zu einem Bunde erstreckt habe. Wenngleich alle Punkte der heutigen Tagesordnung wichtig seien, so gebühre doch dem des Zusammenschlusses der Vorrang, seien doch alle Vereine gegenwärtig — hoffentlich mit gutem Erfolg — mit diesem Thema beschäftigt. Hierauf berichtete der Unterzeichnete über die Kasse, welche mit einer Einnahme von 198.80 M., einer Ausgabe von 143.60 M. abschloß. Nachdem dem Kassirer Decharge ertheilt worden, ward der bisherige Vorstand wiedergewählt. — Herr Rabbiner Dr. Grünfeld-Bingen begrüßte die Versammlung Namens der dortigen Religionsgemeinde und sprach über die Bedeutung des Lehrerstandes. Herr Rabbiner Dr. Bamberger- Bingen brachte den Gruß der dortigen Religionsgesellschaft, auf dm Wochenabschnitt hinweisend und den Priester mit dem Lehrer vergleichend; darauf hieß Lehrer Nußbaum-Bingen seine Kollegen herzlich willkommen und wünschte den Verhandlungen besten Erfolg und den Versammelten am herrlichen Rheinstrome vieles Vergnügen. Punkt 2 der Tagesordnung: „Zusammenschluß". Der Vorsitzende führt hierzu aus, daß schon längere Jahre in aller Lehrer Herzen der Wunsch gehegt worden sei, daß alle israelitischen Lehrer sich zu einem Bunde vereinigen möchten. Um den Weg zu einer Verständigung zu bahnen, habe nun der Lehrerverein der Provinz Hannover sich mit einem Statuten-Entwurfe an die bestehenden Verbände gewandt, und die Angelegenheit sei so weit gediehen, daß im Herbst d. I. eine Delegirten- Versammlung stattfinden werde, um diesen Central-Verein zu gründen. Es wurde einstimmig beschlossen, daß hierzu auf Bereinskosten zwei Delegirte zu entsenden seien, und zwar: Eppstein-Hoppstädten und Ransenberg-Neuwied; zu Stellvertretern wurden Sender-Tholey' und Nathan-Mayen bestimmt. Die Delegirten wurden beauftragt, dem Statuten-Entwurfe des Hannoverschen Lehrervereins zwar ihre Zustimmung zu ertheilen, jedoch eine Aenderung ihrer Paragraphen zu erstreben. Insbesondere sei 8 4 zu streichen; § 7 solle heißen: „Der Vorstand des Lehrerbundes setzt sich zusammen aus den Vorsitzenden der Zweigvereine", und zu Z 14 sei ein Passus einzuschalten, der über Auflösung des Bundes handelt und daß das etwaige Vermögen in diesem Falle dem D. I. G. B. zufalle. Nun erhielt der Unterzeichnete das Wort zu Punkt 3 der Tagesordnung: „Lehrplan der Volksschule, a) Religionslehre." Er sprach über die Nothwendigkeit eines gesonderten Unterrichts in der systematischen Religionslehre und über die Aufgabe und das Ziel derselben. In der einklassigen Elementarschule seien nur zwei Abtheilungen zu bilden, a) Unterstufe, 1.—4. Schuljahr, b) Oberstufe 5.- 8. Schuljahr Die Religionslehre der Unterstufe beruhe auf biblischer Geschichte, die überhaupt das Fundament der gesummten Religionslehre sei. Nachdem eine biblische Geschichte vorbereitet und vorerzählt worden, finde die eigentliche praktische Behandlung derselben statt. Die Nutzanwendung, der Hinweis auf göttliches oder menschliches Wohlgefallen oder Mißfallen ist auf dieser Stufe die Religionslehre. Die Kinder werden die guten Personen lieb gewinnen, die bösen verabscheuen, mit den Irrenden Geduld und mit den Leidenden Mitleid haben. An einer biblischen Geschichte ward praktisch gezeigt, welche Lehren rc. aus derselben zu suchen, welche Bibelsprüche anzuwenden seien und wie diese überhaupt zu behandeln sind. Die eigentliche systematische Religionslehre trete erst im 5. Schuljahre auf, der ganze Stoff sei auf zwei Schuljahre zu vertheilen, so daß derselbe im 7. und 8 Schuljahre nochmals — aber tiefer und ausführlicher — zur Besprechung kommt. Hieran schloß sich eine spezielle Pensenvertheilung, wobei gezeigt ward, daß aus den zehn Geboten die meisten Glaubens- und Pflichtenlehren abzuleiten sind. Die Fest- und Fasttage werden vor den betreffenden Zeiten durchgenommen, die religiösen Gebräuche da, wo sich im biblischen Geschichtsunterricht oder beim Gebetübersetzen Gelegenheit findet. Bezüglich der Lehrbücher ward bemerkt, daß das in den meisten Schulen eingeführte Religionsbuch von Herxheimer für die einfachen Schulverhältnisse der einklassigen Elementarschule oft zu breit sei, das von Rektor Mandus herausgegebene Religionsbuch würde sich ganz gut eignen, wenn es nicht in Form von Frage und Antwort dargestellt wäre, es empfiehlt sich vielleicht, die vom D. I. G. B. herausgegebenen „Grundsätze der jüdischen Sittenlehre" zu gebrauchen, die „Belegstellen" zu denselben sind jedenfalls sehr gut verwendbar. Die Arbeit des Referenten rief eine sehr lebhafte Debatte hervor, die indeß zeigte, wie nothwendig es sei, diesen Gegenstand im nächsten Jahre nochmals zu besprechen. Auf Antrag des Referenten ward deshalb eine Kommission ernannt — Lißner-St.-Johann, Nußbaum-Merzig und der Unterzeichnete —, die der Versammlung einen Normal-Lehrplan für systematische Religionslehre vorzulegen hat, wobei auch auf Religionsschulen und auf die Religionslehre an höheren Schulen Rücksicht zu nehmen ist. Nach einer kleinen Pause ward das gemeinschaftliche Mahl eingenommen, welches der Küche und dem Keller des Herrn Rothschild alle Ehre machte. Die Stimmung ward erhöht durch vorzügliche Toaste und Reden von dem Vorsitzenden, Ransenberg-Neuwied, Dr. Kohn-Bonn und Dr. Bamberger-Bingen, Sender-Tholey und Stamm-Dierdorf. Zweiter Tag. Die Sitzung ward um 8 Uhr eröffnet, und es erhielt Lehrer Seelig-St. Ingbert das Wort zu seinem Referate: „Ueber Chewroth". Der Vortragende verbreitete sich über die Entstehung der Chewroth, deren Zweck und Nothwendigkeit, die verschiedenen Arten derselben, die von den Mitgliedern der Chewroth übernommenen Pflichten: Kranke zu pflegen, Sterbenden beizustehen. Leidende aufzurichten. Verstorbenen die letzten Ehren zu erweisen, insbesondere auch die Pflicht des Gesetzstudiums und die heilsamen Folgen der Vereinigung der verschiedenen Stände einer Gemeinde. Dann schildert Referent den Jndifferentismus der heutigen Generation in religiösen Dingen und die traurigen Folgen desselben, daß diesem Uebel dadurch zu steuern sei, indem unser Volk mehr mit seiner Geschichte, seiner Litteratur und den hebräischen Schriften bekannt gemacht werde. Letzteres insbesondere sei die Aufgabe der Chewroth, sie seien eine Art Fortbildungsschule für Pentateuch- und Gebetübersetzen und für Besprechung der Feiertage nebst ihren Gebräuchen. Hieran schließen sich Vorträge über nachbiblische Geschichte. Der Vortragende giebt die Hilfsmittel für den Lehrer an und verlangt, daß derselbe den Stoff vollständig beherrsche und das nöthige Geschick habe, populäre Vorträge zu halten. Die Seminare sollten hierzu Anleitung geben. Zum Schluffe bespricht der Referent die anzuwendende Methode und fordert gründliche Vorbereitung und einen freien Vortrag. Nachdem der Vorsitzende dem Referenten seinen Dank für die eingehende Arbeit ausgesprochen, wird in die Debatte eingetreten; ganz besonders die vom Referenten aufgestellte Forderung eines schulmäßigen Pentateuch- und Gebetübersetzens findet lebhaften Widerspruch. 5. Der Lehrer als Prediger: Alexander Bendorf. Die hochinteressanten Ausführungen des Referenten lassen sich aus folgenden Thesen erkennen: Bei dem herrschenden Jndifferentismus und der Unkenntniß der Geschichte und der Geschicke unseres Volkes, seiner Sitten- und Glaubenslehren, denen wir unter den Erwachsenen unserer Gemeinde begegnen, in Erwägung der mannigfachen Schädigungen, denen unser Religionsunterricht durch solche Uebelstände ausgesetzt wird, ist es als unbedingt erforderlich zu erachten, daß 1. die Lehrer neben dem Lehrberuf in der Schule auch dem der Kanzel sich widmen, d. h religiöse Vorträge (Predigten) halten sollen, die 2. den Zweck haben, Belehrung und Kenntniß über Religion, Juden und Judenthum unter den der Schule entwachsenen Personen der Gemeinde zu verbreiten, weshalb sie 3. a) dem jeweiligen Wochenabschnitte entnommen, die Bedeutung der Feste erläuternd oder religionsgesetzliche Vorschriften erklärend, und 3. b) kurz, allgemein verständlich und dennoch erbauend sein sollen. Zu diesem Zwecke vertiefe sich der Lehrer 4. selbst in den Inhalt seines Vortrages und trage ihn vor Allem in musterhaftem Deutsch und fließend seinen Zuhörern vor, wodurch er 5. erreichen wird, daß man ihn bei jeder Gelegenheit als Prediger betrachten wird. Der Vorsitzende dankt dem Referenten für seine vortrefflichen Ausführungen, worauf in eine Diskussion eingetreten wird, die einen Widerspruch gegen die Thesen des Referenten nicht zu Tage fördern.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.