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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-06-22 · Heft 25 (22.6.1894) · p. Seite 292

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 25 (22.6.1894)
Date
1894-06-22
Page
Seite 292 (sequence 4)
Language
German
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292 kommen genügen und die das religiöse Bewußtsein der Gemeinde, das sich vorzugsweise in dem öffentlichen Gottesdienst ausspricht, auf eine würdige Weise darstellen." Holdheim sagte: „Ein Umstand, daß die hebräische Sprache das Band der Einheit sei, ist abzuweisen. Jene Sprache ist nur ein nationales Band, kein religiöses. Jemehr die Landessprache im Gottesdienst ausgenommen wird, desto mehr wird Klarheit in den Gottesdienst kommen." Und Salomon führt aus, was heute zutreffender ist als je: x. „Wohl wäre es gut, wenn die Jugend so viel Hebräisch lernte, daß sie Bibel und Gebetbücher im Original verstände. Aber abgerechnetdaß bei dem Allem das weibliche Geschlecht leer ausgehen würde, so frage ich: Wo soll denn Zeit für die unentbehrlichen wissenschaftlichen Gegenstände Herkommen? Und unsere Kinder, die sich nicht zu Rabbinern bilden wollen, kein Studium aus der hebräischen Sprache machen können, die sollen die unentbehrlichen Kenntnisse liegen lassen und Hebräisch erlernen? Da sie auch in der Muttersprache — beten können, beten dürfen!?" Philippson sagte: ° „Die hebräische Sprache muß daher neben dem Deutsch-Nationalen bleiben und mit ihm energisch durchdringen. Wir wollen Deutsche sein' und auch Juden. Ein jedes Volk hat seine Mission in der Geschichte. Auch die Juden haben ihre Mission. Sie sind das Religionsvolk. Für diese Mission bedurfte es einer besonderen Sprache. Die hebräische Sprache ist die vollendete Religionssprache." Der Antrag Maiers, eine Kommission niederzusetzen, welche zur nächsten Rabbiner-Versammlung ihre Ansicht über die von ihm angeregten Punkte darzulegen hätte, wurde darauf fast einstimmig angenommen. An einem folgenden Sitzungstage erstattete nunmehr die inzwischen eingesetzte Kommission über den Antrag des Dr. Philippson Bericht, der dahin ging, die Versammlung möge den Antworten, welche von dem Pariser Sanhedrin im Jahre 1807 auf die von Napoleon demselben vorgelegten Fragen gegeben wurden, ihre Bestätigung ertheilen. Es darf daran erinnert werden, daß im Verfolg der französischen Revolution die Juden in unserem Nachbarlande die volle bürgerliche Gleichberechtigung erhalten haben; um sich aber zu vergewiffern, daß die neuen vollberechtigten Staatsbürger, die einer anderen Religion als der allgemein verbreiteten angehörten, keine antisozialen Grundsätze und Tendenzen hegten, berief Napoleon durch Dekret vom 30. Mai 1806 eine Versammlung jüdischer Notabeln, welcher bei ihrem Zusammentritt am 26. Juli 12 Fragen zur Beantwortung vorgelegt wurden. „Es war dies," sagt Philippson, dessen Ausführungen wir hierbei folgen, „die Antwort der jüdischen Maffe durch ihre Deputirten an die Gesellschaft." Alsdann berief der Kaiser ein großes Sanhedrin aus 71 Mitgliedern, das am 9. Februar 1807 eröffnet ward und einstimmig die Antworten der Notabeln auf die Fragen des Kaisers bestätigte. „Es war dies die Antlvort des Judenthums selbst, durch seine Lehren an die Gesellschaft." Philippson wünschte nun, daß die erste deutsche Rabbiner-Versammlung diese Antworten zu den ihrigen machen möge, weil dieselben die Regierungen auch unseres Vaterlandes über alle Zweifel, das Judenthum über alle, immer wiederholten Anschuldigungen zu erheben vermochten. Als Konsequenz hiervon erhob er dann gegen alle weitere Einmischung in die innere Entwickelung des Judenthums und der jüdisch-religiösen Angelegenheiten Einspruch. Die Rabbiner-Versammlung nahm den Bericht ihrer Kommission entgegen, nicht ohne über einzelne Antworten in eine längere Erörterung einzutreten. Wie bei der ersten derselben (über Polygamie) entwickelte sich eine eingehende Aussprache über die Gesetze des Talmud. Bei der Debatte über die dritte Antwort, in Betreff der Mischehen, ist Folgendes bemerkenswerth. Herzfeld sagte: „Sodann aber auch wäre es mit der christlichen Liebe gegen Juden noch nicht so weit gekommen, daß eine Berheirathung zwischen Juden und Christen wünschenswerth sei", wozu das Protokoll wörtlich bemerkt: „Gegen den letzten Ausspruch erheben sich viele Stimmen der Versammlung." Und wie ist es damit heute, fragen wir, nach fünfzig Jahren? Die auf Frage 4: „Sind in den Augen der Juden die Franzosen ihre Brüder oder Fremde?" erfolgte Antwort: „Die französischen Juden sind Brüder der Franzosen" giebt zu einer Definition unserer Stellung zu unseren Volksgenossen Anlaß, und Holdheim erklärt: „Zuerst der Vaterlandsgenosse, dann der Glaubensgenosse, so will es die Lehre des Judenthums." Bei der Aktualität dieses Gegenstandes, auf unsere eigenen heimischen Verhältniffe sowie auf den, den Juden so oft gemachten Vorwurf der Jnternationalität angewandt, setzen wir auch noch die Frage 6 hierher: „Die in Frankreich geborenen und vom Gesetz als französische Bürger behandelten Juden, betrachten sie Frankreich als ihr Vaterland, haben sie die Verpflichtung, es zu vertheidigen, den Gesetzen zu gehorchen lind allen Verordnungen des bürgerlichen Gesetzbuches zu folgen?" Antwort: „Ja, in allen Stücken, Frankreich ist ihr alleiniges Vaterland". — Und nun noch Fragen 11 und 12: „Verbietet das Gesetz der Juden ihnen, Wucher mit ihren Brüdern zu treiben?" und: „Verbietet oder gestattet es den Wucher mit Fremden?" Antwort: „Jeder Wucher ist verboten und schändlich." Es ist selbstverständlich, daß die Rabbiner-Versammlung sich in der Hauptsache mit allen diesen Antworten des französischen Sanhedrins in Uebereinstimmung erklärte; nur in Nebenpunkten nahm sie kleine Abweichungen vor oder machte einige Zusätze. Die Frage 6 beantwortete sie wie folgt: „Der Jude ist verpflichtet, das Land, dem er durch Geburt und bürgerliche Verhältnisse angehört, als sein Vaterland zu betrachten, es zu vertheidigen und allen seinen Gesetzen zu gehorchen." Hiermit schienen im Wesentlicher! die Verhandlungen der ersten Rabbiner-Versammlung beendigt, denn der Gegenstand der noch eingelangten Anträge wurde theils mit den schon gefaßten Beschlüssen auf Niedersetzung verschiedener Kommissionen kombinirt, theils auch für derzeit noch iricht reif zur Debatte erklärt. Doch noch einmal erhob sich der Redekampf zur vollen Höhe bei dem Anträge des Dr. Hirsch, betreffend „Ausgleichung der Kluft zwischen Lehre und Leben durch Aufhebung oder Milderung mehrerer Sabbath- und Speisegesetze." Salomon zitirte die beiden Aussprüche des Talmud: „Der Sabbath stehe in eurer, ihr aber nicht in seiner Gewalt", und dem entgegen: „Der Sabbath wiegt die ganze Thora auf". „Möge Gott uns erleuchten," so schloß er, „daß wir das Rechte suchen und finden!" Für den Antrag des Dr. Hirsch wird noch darauf eine Kommission niedergesetzt. Nachdem alsdann als Ort der nächstjährigen Rabbiner- Versammlung Frankfurt a. M. bestimmt worden war, faßte der Vorsitzende, Kirchenrath Dr. Maier, dem hiernach von Dr. Frankfurter der Dank der Versammelten für die würdige Leitung der Verhandlungen ausgesprochen wurde, die für die Entwickelung des Judenthums so hoch ersprießlichen Arbeiten der Versammlung noch einmal in wenigen Worten zusammen. „Zwar werden diejenigen," sagte er, „welche in Sturmschritten reformiren möchten, mit diesen Resultataten nicht zufrieden sein. — Lasten Sie uns die Zeit verstehen und nützen, aber ihr nichts abtrotzen wollen. Wer die Zeit drängt, der wird von ihr verdrängt." So endigte die erste Versammlung derjenigen, die als Kirchenstürmer verketzert worden waren.

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