Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1894)
- Date
- 1894-06-15
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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schiedete sich, nochmals allerseits dankend, von der Gemeindevertretung. Ich erwähne auch den Umstand, daß sämmtliche Rabbiner der Pfalz an verschiedenen Tagen zur König!. Hoftafel Einladungen erhielten. r. Stuttgart, 10. Juni. Am 28. v. M. hat der antisemitische Hetzapostel Leus in der Siegelberger Bierhalle einen Vortrag gegen 25 Pfennig Entree gehalten, der, außer von den Mitgliedern des sogenannten „Deutsch-nationalen antisemitischen Vereins", nur schwach besucht war. Da die schwäbische Residenz von der antisemitischen Seuche gottlob nicht angesteckt ist, so würden die Vorträge der Wander- resp. Geschäftsantisemiten an der Bevölkerung spurlos vorübergehen, wenn nicht das „Neue Tagblatt" Eigenthum der Deutschen Verlagsanstalt, sich aus den Annoncen der Antisemiten ein Geschäft machen und pflichtschuldig dann auch die antisemitischen Lügen in seinen Rapporten über die Versammlungen der Antisemiten mit möglichster Genauigkeit weiter verbreiten würde. Die Stimmung gegen das „Neue Tagblatt" ist deshalb in der israelitischen Bevölkerung eine sehr gereizte, ähnlich derjenigen im Jahre 1858, als der „wüthende Antisemit" (siehe die Festschrift von Professor Palm Seite 43) an der Spitze des Blattes stand. Zur Ehre des „Schwäbischen Merkur" sei hier erwähnt, daß dieses Journal weder Annoncen des Deutsch-nationalen Antisemiten-Vereins aufnimmt, noch über dessen Versammlungen referirt, und ferner sei dankend hervorgehoben, daß der Ausschuß des „Liederkranz", der größten hiesigen Gesellschaft, die Benützung seiner Lokale zur Abhaltung antisemitischer Versammlungen verweigert. Oesterreich - Ungarn. □ Wien, 12. Juni. Noch einmal Pfarrer Deckert! Der Wiener Bezirksschulrath wird sich in seiner am nächsten Mittwoch stattfindenden Volksversammlung mit der Affaire Deckert zu beschäftigen haben. Die Veranlassung hierzu bietet ein Erlaß des Landesschulrathes, welcher bereits zu einer lebhaften Debatte in der zweiten Fachsektion des Bezirksschulrathes geführt hat. Wie wir erfahren, wird in den Kreisen der Bezirksschulräthe der Schwerpunkt auf die katechetische Stellung des Pfarrers Deckert an der Weinhauser Volksschule gelegt und in den Pourparlers, die bisher in der Sache gepflogen wurden, wurde auf das Nachdrücklichste betont, daß ein Mann, der öffentlich gegen eine Religionsgenossenschaft in der aufreizendsten Weise Haß gepredigt und so der Jugend ein böses, verwerfliches Beispiel gegeben, im Lehramte nicht belassen werden dürfe. — Der Bürgermeister Dr Grübl sprach gestern Vormittag beim Handelsminister Grafen Wurmbrand in Angelegenheit des Wiener Saatenmarktes vor. Es kamen selbstverständlich zwischen dem Handelsminister und dem Bürgermeister die Gründe zur Sprache, welche dazu geführt haben, daß man den Saatenmarkt in Wien nicht mehr abhalten will. Graf Wurmbrand soll sein Bedauern über die antisemitischen Exzesse ausgesprochen, der Bürgermeister aber darauf hingewiesen haben, daß es hoch an der Zeit sei, daß die Regierung ein ernstes und rückhaltloses Wort spreche ... Der Handelsminister hat sich auch bereits offiziell mit einem Erlasse an die Produktenbörse gewendet, in welchem er betont, daß die Negierung auf die Abhaltung des Saatenmarktes in Wien Werth legt. Insofern die nicht nur zu beklagenden, sonder.n mit aller Energie zurückzuweisenden Angriffe gegen die Veranstalter und Besucher des Saatenmarktes die Ursache des erwähnten Beschlusses der Börsenkammer gewesen sind, macht der Minister aufmerksam, daß ein solcher, die gedachten Agitationen begleitender Erfolg nur dazu führen könnte, verderbliche und zu verurtheilende Bestrebungen zu ermuthigen und damit die gewerbliche und Handelsthätigkeit zu lähmen. Der Minister ersucht daher die Börsenkammer, ihren bekannten Beschluß rückgängig zu machen, und giebt in Einem der Hoffnung Raum, daß die von der Kammer getroffenen Maßregeln zur Einschränkung des Termin- Handels durch Unberufene genügen werden, um die Abwickelung der Geschäfte auf der solidesten Basis zu erhalten. Nun hat der Vorstand der Frucht- und Mehlbörse den Beschluß gefaßt, den Saatenmarkt dennoch wieder in Wien abhalten zu lassen. — In Olmütz fand im Mai eine würdige Doppelfeier statt: der Chef der Hanna-Malzfabrik Herr Samis Groag feierte seinen fünfzigsten Geburtstag zugleich mit dem 25jährigen Bestände der Fabrik, die durch den Fleiß und die reelle Geschäftsführung der Besitzer zn einem der ersten Etablissements geworden ist. Dem Jubilar kamen zahlreiche schriftliche und müickliche Gratulationen aus Olmütz und von auswärts zu. — Hier in Wien hat sich ein Komitee gebildet, das beabsichtigt, durch Sammlungen dem auf dem israelitischen Friedhofe begrabenen Volksmann Dr. Adolf Fischhof ein Grabdenkmal zu sehen. — Gelegentlich der vorjährigen Man heimer Centennarfeier hatte unser Kultusvorstand beschlossen, den unvergeßlichen Lehrer und Menschenfreund durch Errichtung einer seinen Namen tragenden Wohlthätigkeitsanstalt dauernd zu ehren. Zu diesen: Behufe soll nunmehr ein „Manheimer Kinder-Asyl" zur Pflege und Erziehung von 50 elternlosen jüdischen Knaben im Alter von 6 bis 14 Jahren gegründet werden. Die Zöglinge sind durchwegs der gewerblichen Arbeit zuzuführen Die Anstalt wird nicht im Rahmen eines Vereins, sondern als eine Institution der Kultusgemeinde gedacht, welche durch ein Kuratorium zu verwalten und das aus dem Gemeindesäckel, theils durch freiwillige Spenden zu erhalten sein wird. Der Wohlthätigkeitssinn unserer Glaubensgenossen, welcher erst kürzlich das Allersversorgungshaus zu vollenden die Mittel geboten hat, dürste wohl auch dem nicht minder dringenden Bedürfnisse eines Kiuder-Asyls das erforderliche Entgegenkommen beweisen. LI. Budapest, 12 Juni. In einem unserer letzten Berichte hoben wir hervor, daß die antiliberale Liga die bisher akademische antisemitische Tendenz auf dgs Gebiet der Propaganda der Thal übertrage. Aus den oberungarischen Komitaten treffen bereits Nachrichten ein, daß der Same des Antisemitismus dort auf fruchtbaren Boden fällt. So schreibt man dem „Pester Lloyd" aus Szenicz, wo die Bevölkerung durch das wieder aufgefrischte Märchen vom „rituellen Morde" die ganze Woche hindurch in größte Aufregung versetzt wurde. Die dort ansässigen Juden fürchteten mit Recht den Ausbruch von Krawallen, da es an gewissenlosen Hetzern nicht fehlte. Aus dem Nachbardorf brachte ein Mädchen seinem bei Israel Keßler bediensteten Bruder Wäsche, ohne bis Abend nach Hause zurückgekommen zu sein. Den Bauern wurde sofort das Märchen aufgetischt, daß das Mädchen im Hause des Juden umgebracht worden sei. Das Gerücht fand bald Glauben, denn cs meldeten sich Leute, die Den Rabbiner und mehrere andere Juden in dem Hause sahen u. s w. Am 4 ds. gab es schon Zusammenrottungen, worauf der Oberstuhlrichter die Untersuchung einleitete. Es wurde bei Keßler und bei seinem Nachbar Karger das Haus vom Dach bis zum Keller untersucht, natürlich vergebens. Später kamen Gendarmen, die gleichfalls Haussuchungen Vornahmen und die Hausleute und Nachbarn verhörten; in welcher Richtung dieses Verhör geführt wurde, zeigt der Umstand, daß das Dienstmädchen von den Gendarmen befragt wurde, ob es nicht gesehen, daß die Mresek — dies der Name der Verschollenen — als sie das Haus Keßlers verließ, einen Brief au den Rabbiner bei sich hatte. Als Keßler sah, daß die Aufregung von Stunde zu Stunde wuchs, begab er sich nach Neutar, um bei dem Vizegespan von dem Vorfälle Meldung zu erstatten. Noch am selben Tage wurde das Mädchen in dem stark angeschwollenen Bache ertrunken aufgefunden; sie war auf der Heimkehr von einem starken Gußregen überrascht worden und auf dem schmalen Fußpfade ausgeglitten, in den Bach gestürzt und dort hilflos zu Grunde gegangen! Nußland. g. Petersburg. 30. (18.) Mai. Am 13. (1.) Juni soll ein Gesetz in Kraft treten, nach welchem den Juden, welche aus wandern, eine bedeutende Fahrpreisermäßigung auf der Eisenbahn bewilligt wird. Auch soll nach den „Nowosti" den Emigranten, welche nicht transatlantische Länder sich zum Ziel ihrer Reise gesteckt haben, sondern begriffen sind, nach irgend einem europäischen Staate zu reisen, um sich dortselbst anzustedeln, eine Fahrpreisermäßigung bewilligt werden — Die Regierung beabsichtigt, die jüdischen Wohlthätigkeitsinstitute in Petersburg unter ihre Aufsicht zu nehmen. Sie hat daher sämmtliche Institute und Stiftungen aufgefordert, über Einnahmen und Ausgaben genaue Buchführung zu halten. In Jahresfrist sollen die Stiftungen und Institute der großen Gemeinde unterstellt und die Fonds der Stiftungen dem Gemeindesäckel einverleibt werden. h. Zloezew (Ruff Polen), im Juni. Daß es in unserm so arg verschrieenen Rußland doch noch Leute giebt, welche den bedrängten Juden beistehen, verdient unter den heutigen Verhältnissen besonders