Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1894)
- Date
- 1894-06-15
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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hervorgehoben zu werden Als unser Städtchen, dessen Einwohner auch unter dem Druck des in Rußland herrschenden Regierungssystems schwere Zeiten durchmachen müssen, vor einiger Zeit durch eine verheerende Feuersbrunst fast vollständig zerstört wurde, waren es Graf Rem-: bowski auf Nowowiecz und ein anderer polnischer Edelmann, Namens Dobriwolski, welche uns bei dem Aufbau unserer interimistischen Synagoge durch Hergabe von zinsfreien Darlehen unterstützten und es dadurch ermöglichten, daß wir unsere Gottesdienste an einer der heiligen Handlung würdigen Stätte verrichten konnten. Auch bei der Unterstützung einzelner besonders hart geprüfter, jüdischer Familien haben sich diese Herren, welche mit Recht „Edelleute" genannt werden , hervorgethan. Zu wünschen ist, daß sie bei ihren Standesgenofsen hier wie in andern Ländern Nachahmung fänden. Afrika. ng. Tanger, im April. Dem hier erscheinenden Blatt „al-l^ogrek! al-Acesa“ wird aus Marokko (Merakesch) gemeldet, daß der Gouverneur Wido, ein Judenfeind durch und durch, auf Grund einer von den Juden an den Sultan gerichteten Beschwerde von demselben seines Postens enthoben wurde. Als der Sultan auf einer Reise begriffen in einem Dorfe in der Nähe der Hauptstadt sein Lager aufgeschlagen, brach sich eine beherzte jüdische Deputation durch die Spalier bildenden Polizeidiener Bahn zu dem Zelte des Sultans und brachte dem Herrscher, der ste huldvollst begrüßte und anhörte, die Beschwerde vor. Einige von den zur Deputation gehörenden Juden jedoch waren inzwischen von den Polizeidienern ergriffen, zurückgedrängt und tödtlich verwundet worden. Der Sultan hatte den Vorgang bemerkt und sich nach den Geschehnissen erkundigt. Die Deputation theilte ihm mit, daß Kaid Wido die jüdischen Unterthanen grausam unterdrücke und ihnen die ihnen gebührenden Rechte, sowie den schuldigen Schutz verweigere. Der Sultan entsandte hierauf einen seiner Adjutanten, um die Angelegenheit zu prüfen, und ordnete, als er die Beschwerde gerechtfertigt und die Angabe der Deputation bestätigt fand, die sofortige Entlassung des Gouverneurs an. Auch die Polizeidiener, die die Mitglieder der Deputation nicht respektirt hatten, werden ihrer Strafe nicht entgehen. Speziell ließ sich der Sultan von der Deputation den Fall erörtern, daß in Merakesch ein angesehener jüdischer Kaufmann ermordet aufgefunden worden, und trotz der wiederholten Aufforderung der Gemeinde und der Angehörigen nach dem Mörder zu forschen, Wido sich dem Morde gegenüber gleichgiltig verhalten und das Gesuch um Ermittelung des Mörders abgelehnt hatte. (Inzwischen ist der Sultan von Marokko gestorben und ist es nicht abzusehen, wie sich jetzt die Lage der dortigen Juden gestalten wird. D. Red.) Von Nah und Fern. — Antisemitische Blätter berichteten kürzlich, daß der zu Pfingsten hier versammelt gewesene A.-D.-C. (Deutsche Burschenschaftskongreß) ähnlich dem Koburger L.-C. eine gegen das Judenthum gerichtete Erklärung angenommen habe. Diese Nachricht wird jetzt aus den Kreisen der deutschen Burschenschaft sehr entschieden dementirt, mit dem Bemerken: „Gelegentlich einer Besprechung eines neuen Leitplanes der „Burschenschaftlichen Blätter" wurde nämlich jedwedes Betreiben von Parteipolitik, insbesondere antisemitischer Politik, von den verschiedensten Seiten ausdrücklich von der Hand gewiesen. ... Die deutsche Burschenschaft als solche wird, hoffentlich die Verfolgung judenfeindlichev Bestrebungen in alle Zukunft den von Stöckerschem Geiste beseelten „Vereinen deutscher Studenten" überlassen und nach wie vor alle ' unbefugten Versuche , sie in antisemitische Bahnen zu treiben,' entschieden von der Hand weisen." — An den Straßenecken Berlins werden kleine Zettel vertheilt, in denen eine neue antisemitische' Morgenzeitung sich anpreist. In diesem Zettel, der auf wenig Zeilen ' sieben mal das Wort „deutsch" aufmeist, liest man, die neue Zeitung habe „den Kämpf gegen die Verjudung und der pseudoliberalen' Manchesterwirthschaft unerschrocken ausgenommen". Von ihrem Kampfe „gegen der deutschen Sprache" schweigt die würdige „Schriftleitung" und neue Genossin der ehrenwerthen älteren Antifemitenblätter. — In Schildberg hat am 5. d. M. Rabbiner Dr. Bamberger zu Gunsten des Wohlthätigkeitsvereius „Eintracht" einen Vortrag über „die Moral' des Talmud" gehalten, der bei dem zahlreich erschienenen Publikum den; größten Beifall fand. - In dem oberhessischen Landtagswahlbezirt Gießen Land ist bei der in voriger Woche stattgehabten Nachwahl der Kandidat der Deutschen Reformpartei Landwirth Bähr (Heerenhaag) gewählt worden. — Das Reichsgericht verwarf die von dem Buchhändler Karl Minde in Leipzig gegen das Urtheil des Landgerichts Berlin eingelegte Revision, durch das Minde wegen Beleidigung durch Verbreitung der Schrift „Eine jüdisch-deutsche Gesandtschaft" zu zwei Monaten Gefängniß und 100 Mark Geldstrafe verurtheilt wurde. — Der praktische Arzt Dr. Josef Breuer in Wien (Sohn des seligen^ Religionslehrers Leopold Breuer) und der Professor der Chemie an der deutschen Universität in Prag Dr. Guido Goldschmidt wurden von der Akademie der Wissenschaften in Wien zu korrespondirenden Mitgliedern gewählt. — Die Akademie der Wissenschaften in Krakau hat Herrn Dr. S. Dickstein in Warschau und Professor Dr. L. Nathanson in Krakau zu korrespondirenden Mitgliedern erwählt. — Auf Grund des Ausnahmegesetzes wurde das Erscheinen der antisemitischen Zeitschrift: „Nase Zajmy" und Ceske Zajmy" (Unsere, beziehungsweise czechische Interessen) in Prag eingestellt. — Vor einiger Zeit wurde der Redakteur des antisemitischen Blattes „Nase Zajmy", Jaromir Husek, wegen des Vergehens der Störung der öffentlichen Ruhe vom Prager Ausnahmegerichte zu einem Monat Arrest verurtheilt. Gegen dieses Urtheil ergriff die Staatsanwaltschaft die Berufung an den obersten Gerichtshof in Wien, welcher einem Anträge des General-Prokurators gemäß die Strafe Husek's auf zwei Monate strengen, mit Fasten verschärften Arrest erhöhte. — Der Lemberg er Magistrat hat an mehrere jüdische Kaufleute die Aufforderung ergehen lassen, daß sie binnen einer Woche alle Geschäftsschilder mit jüdischen Aufschriften zu entfernen und durch solche mit polnischen, ruthenischen oder deutschen Aufschriften zu ersetzen haben, widrigenfalls ste mit großen Geld- oder Arreststrafen belegt werden würden. Diese Aufforderung ist eine vollkommen ungesetzliche und es haben bereits mehrere Juristen einen Rekurs an die Statthalterei gerichtet. — Auf Anstiften des Primars von Caseni im Bakauer Distrikt in Rumänien gingen mehrere Bauern von einem jüdischen Geschäft zum andern und schloffen dieselben mit Brettern. In einem Holzgeschäft zerbrachen sie die vorräthigen Hölzer. Als sich die Juden beim Subpräfekten beklagten, drohte er ihnen, daß er ste durch Gendarmen austreiben lassen werde. — Wie aus Bukarest berichtet wird, hat der dortige Advokat Dr. Adolf Stern den Unwillen der Judenfeinde dadurch erregt, daß ein rumänisches Blatt von ihm zu erzählen wußte, er hätte an die rumänischen Juden ein Rundschreiben gerichtet, in welchem er für die Gründung einer französischen Zeitung eintrat, die dem Auslande die Judenverfolgungen in Rumänien bekanntgeben würde. Wiewohl das Rundschreiben für apokryph erklärt wurde, versammelten sich etwa 80 Advokaten und faßten eine Resolution, welche zur Bestrafung der angeblichen Missethat nichts weniger verlangt als 1. die Streichung des Dr. Stern aus der Advokatenliste, 2. die Versetzung desselben in den Anklagezustand wegen Agitation gegen die Ruhe des Staates. Diese rumänischen. Advokaten scheinen ein eigenthümliches Rechtsgesühl zu besitzen. — Der Direktor im französischen Marineministerium Albin Bidal, Kommandeur der Ehrenlegion, ist am 2. d. M. im 60. Lebensjahre in Paris gestorben. — Anläßlich der offiziellen Feier des 75. Geburtstages der Königin Viktoria erhielt der rühmlichst bekannte jüdische Abgeordnete Samuel Montagu die Baronetswürde. — Fürst Ferdinand von Bulgarien, bekanntlich ein hervorragender Ornithologe, ließ sein Bild im Rahmen dem mährischen Landesrabbiner Dr. B. Placz ek als Anerkennungszeichen für dessen naturwissenschaftliche Publikationen übermitteln. — Der berühmte Leibarzt des Sultans, EliasPascha in Konstantinopel, hat den höchsten türkischen Orden, den Grohorden des Medschidjeordens, erhalten. Ein anderer jüdischer Arzt, Dr. A. de Castro-Bey, hat den Osmanje- Orden II. Klaffe erhalten. Der Direktor der politischen Abtheilung der Regierung von Salonichi, Jussuf Effendi Kriger, ist in gleicher Eigenschaft in die Provinz des Archipels versetzt worden. An seine Stelle in Salonichi ist wieder ein Jude, Viktor Bey, gekommen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.