Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1894)
- Date
- 1894-06-15
- Page
- Seite 287 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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T - •'SfPür^-H?'J'" v "'^i-ar-tr.ft^vKj, f v? '-^' .»,-^^> 287 der Juden; früher stritt man in erster Linie darüber, ob Jesu Messtanität in Bibel und Talmud gelehrt werde, heute über die Ethik in Bibel und Talmud. Gleich blieb sich nur der blinde, ungerechte und zügellose Haß, ferner die Unbekanntschaft mit dem Talmud von Seite der Feinde desselben. Gleich blieb ferner der Umstand, daß die äußeren Machtmittel der Juden viel zu gering sind, um ihrem guten Rechte zum Siege zu verhelfen. Ziegler führt drei Disputationen ziemlich vollständig vor, um die Art und Weise einer solchen zu zeigen; schon aus diesen drei Beispielen ersieht man, wie der Judenhaß nichtmir nicht neu ist, sondern auch nichts Neues zu sagen weiß. Zieglers Behandlung des Themas ist gut geordnet. Der Vortrag lebhaft und anregend, und es steht zu erwarten, daß auch die ausführliche, wissenschaftliche Behandlung des Gegenstandes, die uns Ziegler in der Vorrede verspricht, an Vorzügen dem populären Vortrage nicht nachstehen werde. 8. — Lager - Katalog Nr. 20. Israelitische Prediger- Bibliothek. Ausführliches Verzeichniß von Predigten und Vorträgen aus dem Verlag und Lager von I. Kauffmann in Frankfurt am Main. Anhang: Besonders empfohlene Schulbücher: 479 Nummern enthaltend, umfaßt dieser interessante Katalog, neben einer Sammlung bewährter Schulbücher, die gesammte neuere und neue jüdisch-homiletische Litteratur. So enthält derselbe beispielsweise fast sämmtliche von Jellinek und Joel erschienene Reden, sowie außerordentlich viele Einzelreden, welche seither nicht in den Handel kamen. Dieser Katalog dürfte somit nicht nur den Herren Rabbinen, Predigern und Lehrern sehr willkommen sein, sondern auch den Bibliographen, da er durch korrekte und umfassende Zusammenstellung dieses bedeutenden Zweiges der jüdischen Litteratur auch einem wissenschaftlichen Interesse entgegenkommt. Hören wir eine katholische Stimme, den Herrn Kooperator Schnabl, in der Sitzung des österreichischen Reichsraths vom 7. April 1892: „Die Nächstenliebe beginnt bei sich selbst, das ist die wahre Nächstenliebe, wie sie Christus, der Herr, gepredigt hat, dann erst kommen die Blutsverwandten; erst kommt die eigene Person, dann kommen die Eltern, dann alle Geschwister, dann alle Anderen, die uns nahe stehen. Das ist das Naturgesetz. Da uns die Juden am entferntesten stehen, kommen sie zuletzt." Gegen diese Auffassung der Nächstenliebe legte keiner der zahlreich vertretenen geistlichen Amtsgenossen des Redners Verwahrung ein. Nur die „Judenlideralen" Dr. Kopp und Professor Sueß traten ihr. entgegen. Mag man nun auch zugeben, daß die Ausführungen des Kooperators Schnabl nicht ganz dem Geiste der geschichtlich gewordenen christlichen Religion entsprechen, so stimmt die Auffassung des Prof. Beyschlag doch durchaus mit der kanonischen überein. Nachdem also der Jude den guten Christen sür vollwerthig ansehen muß, nicht aber umgekehrt der Christ einen guten Juden, scheint mir, um mit Prof. Stade zu sprechen, eine „Unverfrorenheit" darin zu liegen, gerade die jüdische Religion der Engherzigkeit zu zeihen . Ich hebe dies nur hervor, um einen Vorwurf abzuwehren, nicht einen Vorwurf'zu erheben. Indern ich feststelle, daß das Judenthum eine weitgehende Auffassung hegt, entnehme ich daraus für uns durchaus kein Lob. Am eigenen Leibe lernt man schnell Toleranz, und es ist nicht unser Verdienst, daß wir so viel am eigenen Leibe zu lernen halten. Es soll in der hohen Auffassung unserer Religion nur ein Sporn liegen, unserer Religion würdig zu sein. Wer seinenr Nächsten dessen Nächstenliebe wegzudisputiren sucht, weiß selbst nicht, was wahre Nächstenliebe bedeutet; von allen Protzen ist der Religionsprotz der unsympathischste. Mit vorzüglicher Hochachtung Berlin, 6. Juli. Dr. Heinrich Meyer. Cohn. * Geehrter Herr! den trefflichen Abhandlungen über „Nächstenliebe", welche <33 Ihr Blatt in letzter Zeit gebracht, vermissen wir mit Befremden den klaren und deutlichen Beweis, daß der Ausdruck „rea“ im Hebräischen nicht etwa schwankend ist, sondern ganz uneingeschränkt alle Menschen ohne Ausnahme umfaßt. Werden doch die Aegypter, die langjährigen Peiniger der Kinder Israels, mit ,.rea' bezeichnet, wie es ausdrücklich im 2. Buch M Kap. 11 V. 2 lautet: nmm nxa nwxi min nxa rnx i^xirn am mxn xi nsn 2N1 Es ist daher zweifellos, daß die pentateuchische Vorschrift rDHKl (Lev. 19, 18), „liebe deinen Nächsten wie dich selbst", nicht blos den Volksgenossen, sondern die ganze Menschheit umfaßt. Das sollte dem unparteiischen und nüchtern denkenden Stade und Konsorten nachdrücklichst entgegengehalten und betont werden. Es ist in der That eine auffallende Erscheinung, daß bis nun Niemand unseren Gegnern, welche dem biblisch -talmudischen Judenthum die „Nächstenliebe" ganz und gar absprechen, diesen unantastbaren Beweis entgegen brachte, um so der ganzen Streitsache mit einem Schlage ein Ende zu machen. Innsbruck, 30. Mai. Rabb. Dr. I. Kodak. * Hochgeehrter Herr Redakteur! u dem geistvollen Aufsatz von Prof. Cohen betr. den Prioritätsstreit über das Gebot der Nächstenliebe, speziell zu der Wessely'schen Uebersetzung (dr. p. 269, Spalte 2, vorletzter Absatz des qu. Artikels) gestatten Sie mir eine ganz kurze Bemerkung: Von meinem sel. Vater habe ich eine schöne Interpretation des „weaüanla lereaelia kamocha“ ererbt: Liebe deinen Nächsten, auch wenn er ist wie du selbst, d. h. denselben Beruf ausübt. Ist es denn am Ende ein besonderes Verdienst, wenn ein Mensch seinen Nächsten liebt, der ihm nicht Konkurrent ist? Also etwa, wenn ein Arzt einen Nichtarzt liebt? Nein. Vielmehr gerade auch, wenn er ist wie Du, also unmittelbarer Konkurrent, sollst Du ihn lieben. Denn, wie es im folgenden Zusatz heißt: Ich bin der Herr, die Welt gehört mir, und ich kann euch A ll e cruährcn - O Sprechfaul. Sehr geehrter Herr Redakteur! Ergänzung des Schreibens des Herrn Dr. Vogelstein vom 18. Mai <V möchte ich darauf Hinweisen, daß die Frage, ob die Juden zu gleichem sittlichen Verhalten gegen alle Menschen verpflichtet seien, zu ihrer Lösung scharfsinniger philologischer Beweise nicht bedarf. Da die Pflicht, den Fremdling zu lieben, im alten Testament wiederholt damit begründet wird, daß die Juden selbst Fremdlinge gewesen seien in Aegypten, ist die Stellung des alten Testaments doch klar genug. Aber gehen wir zur Gegenwart über. Abgesehen von der wichtigen Frage, ob die christliche Nächstenliebe überall bethäiigt ist — denn schließlich kann man doch seine Religion nicht schwarz auf weiß nach Hause tragen, sondern Religion will gelebt sein — also abgesehen von den Thatsachen, ist es nicht einmal wahr, daß die geschichtlich gewordene christliche Religion ideell alle Menschen mit gleichem Maße mißt. Von den kanonischen Gesetzen gegen Ketzer und Andersgläubige sehe ich durchaus ab; Vergangenes ist vergessen; ich spreche nur von der geltenden Lehre bei Protestanten, Katholiken und Juden. Wenn wir sie fragen, ob Andersgläubige der ewigen Seligkeit theilhaftig werden, so dürfen ihrer Lehre nach nur die Juden mit „Ja" antworten. Von Ihrer Allgemeinen Zeitung bis zur Jüdischen Presse, von Herrn Dr. Levin bis zu Herrn Dr. Hildesheimer müssen alle Juden als Kanon den talmudischen Satz anerkennen: „Die Frommen der Völker haben Theil an der ewigen Seligkeit." Anders nach der christlichen Lehre. So sagte zum Beispiel der liberale (!) Professor Beyschlag (Offener Brief an Herrn Dr. Korum, S. 13): „Das lautet ja förmlich nach einer Gleichwerthigkeit aller Religionen, auch der heidnischen; denn in gutem Glauben an die Wahrheit seiner Religion leben und die Gebote Gottes nach dem Maße seines Wissens und Gewissens beobachten, kann der Heide ebensowohl wie der Katholik. Ich gestehe Ihnen, hochwürdiger Herr Bischof, daß das mir, dem liberalen (!) Protestanten, doch etwas zu liberal ist; denn ich frage mich: Kann denn Jemand die Gebote Gottes in Wahrheit beobachten ohne die Heilsgnade, die uns in Christo dargeboten ist? Was meinen Sie dazu, Herr Bischof? Meinen Sie: ja, er kann's, dann find Sie ein Pelagianer und Rationalist vom reinsten Wasser, was sür einen Bischof von Trier doch etwas wunderlich wäre."