Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1894)
- Date
- 1894-06-15
- Page
- Seite 286 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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- 286 - wenig wmiderte, daß sein Sohn so leichten Kaufes die Braut anfgab, zufrieden zu seiner Frau: „Sichst Du, es ist vielleicht besser, daß es so gekommen ist, — es wäre kein Gluck für »usern Willi, denn er war ihr nicht gut, — das sieht man jetzt, weil er so leicht auf sie verzichtet." Frau Goldmann schüttelte den Kopf. Sie, die weniger der „Aufklärung" huldigte als ihr Mann und ihr Sohn, hatte die Schwiegertochter aus frommem Hause mit aufrichtiger Freude willkommen geheißen. Es that ihr leid, Olga, die sie recht lieb gewonnen hatte, min wieder zu verlieren. „Wie kannst Du für das, was Du mit dem Vater vorhast, die Tochter verantwortlich machen?" sagte sie vorwurfsvoll. „Schade nm das liebe Mädchen, sie wäre die richtige Frau für unfern Sohn gewesen.... Und, daß er sich so gar nichts ans der Sache macht, das ist mir kein gutes Zeichen — er hat kein Herz... Das hätte ich dem Jungen nicht zugetrant!"-So sprach sie bekiinmiert und ahnte nicht, wie kurzsichtig ihr zärtliches Mutterange war; hätte sie in das Herz ihres Sohnes sehen können, sie hätte mit Staunen; Olga's Bild darin erblickt, lebhafter und leuchtender als je. Der Besitz hatte ihn gleichgiltig gemacht, der Verlust lehrte ihn die Liebe. — So sehnten sich Beide nach einander, — und wenn sie sich auf der Straße begegneten, gingen sie, Jede? nach der andern Seite schauend, an einander vorüber wie Fremde. Olga reiste auf einige Wochen zu Verwandten, „um zu vergessen", — und Willi ließ sich von Herrn Bartenstein von einer Stadt zur andern „auf die Brautschau" schleppen, aber er kam stets unverrichteter Sache zurück, „es gefiel ihm Keine" von all jenen Mädchen. „Heut bring' ich etwas für Sie—da werden Sie selbst sagen: „Was Feines!"—sagte der Kantor Bartenstein, bei Herrn Goldstein eintretend. „Was denn eigentlich?" „Nun, was kann ich bringen, eine Partie!" „Wieder 'mal!" brummte der Andere. „Hab' schon genug von der Sorte." „Wie — was!" Der würdige Heirathsvermittler erschrak bis ins tiefste Herz. „Und wo bleib'ich denn? —Und meine Gebühren?" — schwebte ihm auf der Zunge, aber er sagte statt dessen lieber: „Sie wissen doch, — was sich die jungen Leute so von selber aussuchen! Man muß ihnen nachhelfen! Und nun paffen Sie mal auf, Herr Goldstein ... Er will sich nicht „verkuppeln" lassen, — gut, er soll's gar nicht merken, daß Vermittlung dabei ist. . . Uebermorzen geht er zur Hochzeit von Fräulein Löbel mit Herrn Jtzig, was sein Freund ist — dort wird das junge Mädchen auch sein, — er wird sie als Tischdame haben, — er verliebt sich in sie, und die Sache ist gemacht." „Und wenn er sich nicht in sie verliebt?" „Pah — das werden wir schon machen — dafür bin ich Vermittler!" sagte der Kantor überlegen. „Mit den Eltern von dem Fräulein ist schon Alles besprochen." Als Willi am Tage der Hochzeit, seine Tischdame am Arme (in die er sich nach Herrn Bartensteins Bestimmung durchaus verlieben sollte) in den Saal trat, sah er zu seinem Erstaunen mitten darin seine ehemalige Braut stehen. Er batte sie hier nicht vermuthet, sie von ihrer Reise noch nicht zurück geglaubt. — Sie erwiederte seinen Gruß nur durch ein kühles Neigen des Hauptes, das ihm den Muth nahm, sie anzureden. — Da ließ sie der Zufall Tischnachbarn werden, — Willi war durch ein Versehen an Olgas rechte Seite plazirt worden. Der Bruder der Braut, der junge Löbel, der die Plätze geordnet hatte, bemerkte erst jetzt, was er angerichtet. . . Es war zu spät, er mußte die Beiden ihrem Schicksal überlassen. . . (Schluß folgt.) Litterarifche Mittheilungen. ----- In der Lehrmittellitteratur nimmt das soeben in vierter Auflage erschienene „Vokabularium für eine Auswahl hebräischer Gebete und Psalmen" von I. Marcuse eine hervorragende Stelle ein. In seiner neuen Gestalt zeigt das Merkchen ganz wesentliche Verbesserungen auf. Die Brauchbarkeit des Büchleins litt früher an der ängstlichen Scheu, einmal Gegebenes ja nicht zu wiederholen Dieser systematische Vorzug, der in rein wissenschaftlichen Werken volle Anerkennung verdient hätte, mußte aber dem praktischen Werthe des Vokabulariums Abbruch thun. Von diesem — wohlverstanden nur vom Standpunkte des Schülers zu bezeichnenden — Mangel ist das Vokabularium in der neuen Bearbeitung befreit worden Der Vokabelstoff fließt reichlicher, eine ganze Reihe von Stücken ist neu ausgenommen und der grammatische Theil hat manche Erweiterung erfahren. Die Psalmen haben eine über das liturgische Bedürfniß hinausgehende Berücksichtigung gefunden. Bewundernswerth ist die meisterhafte und übersichtliche Vertheilung des grammatischen Lehrstoffes, der — selbst für weiterreichende Ziele verfolgende Religionsschulen genügend — auf wenigen Seiten gegeben wird. Möge das Merkchen des trefflichen Schulmannes diejenige Verbreitung finden, die es infolge seiner zahlreichen Vorzüge ein Recht zu beanspruchen hat. Der Verlag von Lalte, Berlin C., Münzstraße, hat ihm eine saubere und ansprechende Ausstattung mit auf den Weg gegeben. Bernhard Traubenberg. ----- Religiöse Disputationen im Mittelalter. Eine populär-wissenschaftliche Studie von Dr. Ignaz Ziegler, Rabbiner in Karlsbad. Frankfurt a. M. 1894, I. Kauffmann. Es mag wohl verschiedene Meinungen darüber geben, ob das Judenthum einer Apologetik bedarf, oder ob ihm eine Apologetik in den Augen seiner Hasser und Anfeinder auch nur nützen würde; was aber unbedingt Jeder zugeben muß/ ist die Annahme, daß die Basis jeder zukünftigen Apologetik eine gründliche und wissenschaftliche Darstellung der während des Mittelalters abgehaltenen Disputationen sei. Es dürste wohl schwerlich ein Angriff auf das Judenthum gemacht werden, der nicht schon bei jenen Disputationen zur Sprache gekommen wäre und Erwiederung gefunden hätte. Abgesehen jedoch vom Zwecke, den die Darstellung der Disputationen für eine Apologetik hätte, verdient dieser Gegenstand ein höchst interessanter genannt zu werden, und noch mehr, er besitzt genug Momente, die ein unbefangenes Gemüth warm beeinflussen und in demselben religiöse Gefühle zu erwecken vermögen. Es war daher ein guter Griff von Dr. Ziegler, als er aus dem großen Gebiete der Geschichte der Juden dieses Kapitel zum Inhalte eines populären Vortrages wählte Dieser in Karlsbad gehaltene Vortrag liegt nun, etwas nach der wissenschaftlichen Seite hin erweitert, vor. Ziegler theilt seinen Stoff, um ihn übersichtlich behandeln zu können, in drei Abschnitte: 1. vom Anfang des Mittelalters bis Papst Jnnocenz 111., 2. von da an bjs zur Vertreibung der Juden aus Spanien, 3. von 1492 bis zu unserer Zeit. In der ersten Periode können die Juden ihre Meinung frei äußern und die Disputationen haben keine unmittelbaren schädlichen Folgen für die Juden, denn die christliche Bevölkerung kümmert sich nicht um die theologischen Streitigkeiten, sie lebt mit den Juden im besten Einvernehmen In der zweiten Periode sind die Disputationen das Vorspiel zur Bedrückung und Austreibung der Juden, die christliche Bevölkerung aller Stände bildet die Gegenpartei, die, weil sie so unverhältnißmäßig mächtiger und stärker ist, auch durchaus Recht behalten will; man zwingt die Juden, Disputationen abzuhalten, um dadurch den Pöbel zu Mord und Plünderung aufreizen zu können. In der dritten Periode kann man schon nicht mehr von Disputationen sprechen, nur in Polen kamen solche vor, und auch da mehr schriftlich als mündlich. Woher hätten auch die geplagten und gehetzten Juden die Lust bekommen sollen, gegen ihre grausamen Verfolger aufzutreten. Im 16. Jahrhundert bildet wieder Mendelssohn das Hauptobjekt vieler Bekehrungsversuche, es wird für und wider die Juden geschrieben, und dies setzt sich bis auf unsere Zeit fort. Freilich bekam die Sache langsam eine andere Färbung, aus dem theologischen Streit wurde ein gesellschaftlicher. Früher disputirte man darüber, ob schon der Messias gekommen sei oder erst kommen werde, heute ist diese Frage gänzlich in den Hintergrund gedrängt, und man streitet über Raffe und Nationalität