Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1894)
- Date
- 1894-06-15
- Page
- Seite 285 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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.. ... .~ r-g-Tm->-r-TT-TT-l-mr > 7— 286 Und ex fing an, von seiner „Partie" zu sprechen, von Willi Goldstein, dem Sohn eines der ersten Kaufleute in der Stadt, und je länger er davon spracht, desto begeisterter wurde sein Zuhörer für das Projekt. Er wunderte sich nur, daß er nicht schon von selbst auf diesen glorreichen Gedanken gekommen war, denn Willi Goldstein war entschieden die „beste Partie" in der Stadt. Nach einer halben Stunde eifrigen Berathens entließ Herr Silbermann mit befriedigter Miene seinen Gast, in dessen Hände er das Geschick seiner einzigen Tochter gelegt hatte. Olga Silbermann war — um mit ihrem Vater zu reden — ein etwas schwärmerisch angelegtes Mädchen. Sie hatte die höhere Töchterschule besucht, Romane gelesen und vereint mit ihren Backfisch- Freundinnen von der Liebe und von dem „Zukünftigen" geschwärmt, den sie sich den Romanhelden ähnlich dachte. Aber im Grunde besaß sie doch genug praktischen Sinn. Sträubte sich ihr Gemüth auch anfänglich ein wenig gegen das „Verschachertwerden", so wußte sie doch zu gut, daß sie auf eine „Heirath aus Liebe" und auf den erträumten Jdealbräutigam nicht rechnen konnte. Wurden doch auch alle ihre Freundinnen mit Hilfe des geschickten Vermittlers an das ersehnte Ziel gebracht — „ohne Liebe" —, und das wurden die glücklichsten Ehen, wie der Vater sagte. Es war doch auch so hübsch, als Erste in dem Kreise der Freundinnen den Brautkranz zu tragen. — Und Willi gefiel ihr ganz gut, er war ein stattlicher, hübscher und „ganz netter" junger Mann, der jedenfalls allen anderen Bewerbern vorzuziehen war. Daß er in religiösen Dingen der „neuen Richtung" angehörte, am Sabbath, wenn auch nur heimlich, Cigarren rauchte, am neunten Ab nicht fastete, und was dergleichen Sünden mehr sind,' das war in ihren Augen eher ein Vorzug, denn ein Fehler. Die religiöse Orthodoxie," die in dem Hause ihrer Eltern waltete, erschien dem modern empfindenden Mädchen fast eine schwere Fessel, von der sie durch die Heirath niit dem „aufgeklärten" Manne Befreiung erhoffte. Dem frommen Vater aber gefiel die freie Denkungsweise des Bewerbers um so weniger. Und so ward nicht eher Verlobung gefeiert, als bis der junge Mann das Versprechen gegeben hatte, am Sonnabend das Geschäft geschlossen zu halten, sowie an diesem Tage nicht zu rauchen oder ähnliche Sünden zu begehen. Am Tage der Zerstörung Jerusalems zu fasten, das wollte der Schwiegersohn nicht versprechen, und Herr Silbermann gab sich damit zufrieden, im Stillen hoffend, der „Freigeist" werde sich später doch noch bekehren lassen. So war Alles in Ordnung und die Verlobung wurde gefeiert. Ein glänzendes Fest, wie es den beiden wohlhabenden Familien ziemte; — das Brautpaar strahlte, die beiden Elternpaare sahen glücklich und zufrieden drein, und Herr Bartenstein, der Vermittler, rieb sich schmunzelnd die Hände und schlug dann auf seine Tasche, als klimperten jetzt schon darin die blanken Goldstücke, die Vermittelungsgebühren. Nun, es war vorläufig nichts darin, er mußte, wie es üblich, bis nach der Hochzeit darauf warten, — aber er hatte sein Geld doch schon „so gut wie in der Tasche". . . . .... Aber ein „Schadchen" denkt, und Gott lenkt. In diesem Falle war es Gott Amor, dem es mißfiel, daß zwei junge, liebenswürdige, wie für die Liebe geschaffene Menschen auf solche Weise, so ganz ohne seine Beihilfe zusammen kommen sollten. . . . Unter den Juden der Stadt gab es, wie in vielen jüdischen Gemeinden, zwei Parteien, die sich feindlich gegenüber standen. Die „Fortschrittspartei" wünschte eine Orgel für die erst vor wenigen Jahren erbaute Synagoge, — die „Orthodoxen" widersetzten sich mit aller Macht der Einführung dieses „christlichen Brauches". Wenige Wochen nach der Verlobung Olga's und Willi's fand wieder eine Gemeindesitzung statt, in der über jene wichtige Angelegenheit berathen werden sollte. Der Kampf mußte diesmal besonders heftig werden. Die Einen waren entschlossen, auf ihrer Forderung zli bestehen, — die Anderen, um keines Haares Breite nachzugebeu. Auch Herr Goldstein, der Vater, und Herr Silbermann erschienen in der Sitzung. Eingedenk der neuen Familienbande, begrüßten sie sich auf's Herzlichste, aber als die Debatte anhob, vergaßen sie verwandtschaftliche Rücksichten und maßen sich mit feindlichen Blicken. Herr Goldstein gehörte nämlich der äußersten „Linken", Herr Silbermann der konservativsten „Rechten" an. Man gerieth in Eifer, man stritt, zankte sich, — es war ein betäubender Lärm. Im Eifer der Debatte ließ Herr Goldstein sich zu dem erregten Allsrufe hinreißen: „Fort mit dcil Rückschrittlern, die der Aufklärung im Wege steheil!" Worauf Herr Silbermann erbittert erwiederte: „Fort mit den Freigeistern, die die Religion untergraben!" Der Streit wurde persönlich, Herr Goldstein und Herr Silberinann zankten sich eine Weile herum, bis Letzterer sagte: „Ich geb' mein Kind keinem „Freigeist" zur Frau!" „Mir auch recht!" meinte der Andere gleichmüthig, „eine überfromme Schwiegertochter habe ich mir nie gewünscht." Und so hatte die stürmische Sitzung kein anderes Resultat, als die Auflösung der Verlobung von Olga Silbermann und Willi Goldstein; die Orgel-Angelegenheit aber wurde wieder vertagt. Olga widersetzte sich als gehorsame Tochter nicht dem Beschlüsse des Vaters; sie weinte wohl ein paar Thränen, aber das geschah wohl mehr aus Aerger wegen des Aufsehens, das die Verlobungs- Auflösung in der Stadt Hervorrufen mußte, als aus wirklichem Schmerz. Und da der Vater tröstend versprach, ihr bald einen anderen Bräutigam zu schaffen, schien sie ganz beruhigt. . . . Als sie aber Abends in ihrem Stübchen allein war und daran dachte, wie hübsch es doch gewesen, am Arme des stattlichen Willi durch die Straßen zu gehen und hinter sich flüstern zu hören: „Ein hübsches Paar!"-— und wie gut und lieb er überhaupt gewesen, wie er ihr jeden Tag Blumen gebracht und sie geküßt hatte — — da empfand sie erst, was sie verloren hatte, und heiße Thräiren entströmten ihren Augen. Freilich, — der andere Bräutigam, den ihr der Vater zuführen wollte, würde ihr auch Blumen bringen und sie küssen, — und die Leute, die ja so schnell vergessen, würden wieder sagen: Ein schönes Paar! — aber es würde doch etwas Anderes sein als früher. . . . An Keinen würde sie sich so gewöhnen können als an Willi, das fühlte sie. Und nun wußte sie erst, wie gern sie diesen hatte. Mit Sehnsucht im Herzen schlief sie endlich ein, — mit Sehnsucht nach ihm erwachte sie — und je mehr Tage vergingen, desto heißer wurde ihr Verlangen nach dem Verlorenen. — Sie sah bleich und ernst aus, — doch klagte sie Niemandem ihr Leid. Nur heimlich beweinte sie den Verlorenen, nannte ihn mit den zärtlichsten Namen, die sie ihm nie gegeben, als sie noch Braut und Bräutigam waren. So hatte sich denn der Wunsch ihrer Backfischjahre erfüllt, — die Liebe war in ihr Herz gezogen; — ja, ihr ward mehr, als sie je gewünscht: eine unglückliche Liebe. Willi erging es ähnlich. Er hatte, als der Vater, aus der Sitzung kommend, erregt das Vorgefallene berichtet, gleichmüthig beigestimmt: „Du hast Recht, Papa, — es ist nicht gut, wenn Leute von so verschiedener Anschauungsweise sich für's Leben verbinden, — und besser, man trennt sich bald, als daß später, nach der Hochzeit, Meinungsverschiedenheiten herrschen." — Damit schien die Sache abgethan, und Herr Goldstein senior sagte — obwohl er sich ein