Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1894)
- Date
- 1894-06-15
- Page
- Seite 283 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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283 einzige Jude an der Hochschule, ja in der Stadt, sah das ganze Jahr lang keinen Inden?) Und während ich so grübelte, war eine zweite Novelle fertig: „Der Shylock von Barnow". Nu» folgte eine lange Pause. Ich gcrieth, weil ich während des deutsch-französischen Krieges in einer Kommersrede meiner Sympathie für die Deutschen kräftigeren Ausdruck gab, als der neutralen österreichischen Regierung Recht schien, in einen politischen Prozeß, dann nahm mich der Abschluß meiner Studien in Anspruch. Als ich fertig war, da fühlte ich, daß ich zum Advokaten nicht taugte, nur der Richterberuf zog mich an. Aber ich war ein Jude — Man erräih leicht, daß auch dieser Gedankenstrich ein Taufbecken bedeutet. Aber wenn ich schon als Jüngling nicht geschwankt, so noch weniger als Mann. Aber leben mußte ich ja, und so wurde ich Journalist, schrieb politische Artikel und schnitt mit der Scheere die schönsten „Vermischten Notizen" zusammen. In meinen Freistunden aber schrieb ich Novellen. Bald solche aus dem jüdischen Leben, bald solche aus dem deutschen Leben. Es war derselbe Drang, der mich zu beiden führte: ein künstlerischer Drang. Ich wollte darstellen, was ich empfand/ dachte, erfand. Aber nicht ins Blaue hinein. Ich konnte nur ein Leben schildern, das ich gesehen. Und so spielen meine ersten Novellen entweder in Graz, oder in Czortkow, dem „Barnow" meiner Novellen. Aber allmählich waren doch mehr Barnower als Grazer Novellen entstanden. Aber als ich nun — damals immer erst auf eine äußere Anregung hin und zögernd — an den Druck ging, sah ich, daß mich mein Trieb richtig geführt. Nicht etwa, als ob meine polnisch-jüdischen Geschichten nach meiner Meinung auf einem künstlerisch .höheren Niveau gestanden wären, als die aus deutschem Leben, aber den Redakteuren und dem Publikum waren sie lieber, weil der Stoffkreis ein neuer war. Sie schafften mir rascher einen Namen, und das war mir sehr recht, denn die politischen Artikel fielen mir auf die Dauer hart, und auch die Arbeit mit der Scheere war nicht allzu erquicklich. Mir selbst aber wurden sie allmählich noch aus einem anderen Grunde lieber: ich konnte da nicht blos gestalten, sondern auch für meine Ideen wirken. Ob ich wollte oder nicht, alle ■) Das ist ganz buchstäblich zu verstehen. An der Universität wurden auch Juden inscribirt, aber erst die interkonfessionellen Gesetze von 1868 öffneten den Juden die Thore der steirischen Hauptstadt. Der erste, der sich — wenigstens so weit niein Wissen und Erinnern reicht — in Graz einfand, war ein Kleidertrödler, den ich eines Tages unter den Lauben des „Lugeck" stehen sah. Mir wurde dabei seltsam zu Muth, ich trat auf ihn zu und sagte ihm ein freundliches Wort. Auch er war erfreut, klagte dann aber: „Also erkeuut nian mich gleich?! — es klang angesichts seines Aeußeren uud seiner Sprachweise unendlich komisch .... Als ich zehn Jahre später meinein verewigten Freunde Leopold Kompert erzählte, daß ich meine Ghetto-Novellen zu einer Zeit zu schreiben begonnen, wo ich jedem Verkehr mit Juden völlig entrückt gewesen, war er ganz fassungslos vor Staunen und rief dann: „Es ist zu merkwürdig! Genau so ist es auch mir ergangen! Ich schrieb meine ersten Ghetto-Geschichten, tvährend ich Erzieher im Hause eines Grafen Andrassy war, mitten im Alföld; es gab auf zehn Meilen in der Runde keine Juden! Sollte dies ein Gesetz sein? Wir wollen es jedenfalls nie erzählen, sonst sagen die Judenfeinde: Man kann Juden nur poetisch finden, wenn man sie lange nicht mehr gesehen hat. Aber merkwürdig ist's doch!" — Mir scheint es nicht allzu merkwürdig und darum meine ich auch, daß es gar nicht bedenklich ist, es zu erzählen. Jeder Dichter bedarf, bis er festen Fuß gefaßt hat, einer gewissen Distanz zu feinem Stoffkrcis. Der Beispiele ließen sich unzählige Beibringen; ich beschränke mich auf eines. Die vier besten Dorfgeschichtenschreiber unserer Litteratnr: Bcrthold Auerbach, Ludwig Anzengruber, Melchior Mehr und Josef Rank haben ihr Leben in der Stadt verbracht. diese Inden-Geschichten wurden daneben auch Tendenz-Geschichten. Schon die erste und zweite waren es ja gewesen!- So sind fast gleichzeitig mein Novellenbuch: „Die Juden von Barnow" und die Erzählung „Moschka von Pazma" entstanden. Man sieht, ich wollte nicht einen Dichter aus mir machen, geschweige denn einen Dichter des Ghetto, sondern ich bin es geworden, ohne zu wollen. Bor Allem drängte mich ein künstlerischer Trieb dazu: Gestaltung eines Lebens, das ich kannte. In zweiter Linie wollte ich für meine Ideen wirken, dieselben Ideen, für die mein Vater und Großvater gewirkt: ich bekämpfte den Chassidismus, den religiösen Aberglauben, den Fanatismus, die Absperrung gegen die Außenwelt. Aber ebenso energisch suchte ich dem Vornrtheil der Außenwelt gegen die Juden zu begegnen, suchte darzulegen, „daß es nicht die Schu ld der Juden des Ostens, oder doch nicht ihre Schuld allein sei, wenn sie auf niederer Stufe stehen als ihre westlichen Glaubensbrüder". Und ich faßte dies in den Satz: „Jedes Land hat die Juden, die es verdient". Es ist nicht meines Amtes, darüber zu sprechen, was diesen beiden Büchern und der Erzählung „Judith Trachtenberg", die ihrem künstlerischen Wesen wie ihrer Tendenz nach zu ihnen gehört, zu ihrem Erfolg verholfen hat. Nur Eins darf ich darüber bemerken, ohne den guten Geschmack zu verletzen: es waren Bücher, die nicht blos den Juden, sondern auch den Christen aller Länder gleich verständlich waren. So erklärt es sich, daß sie auch dort Uebersetzer fanden, wo gar keine oder doch nur wenige Juden wohnen. Mit diesen drei Büchern halte ich vorläufig meine Thätigkeit auf dem Gebiet der östlichen Ghetto-Novelle für abgeschlossen. Ich betone die Worte „östlich" und „Novelle", denn meine Kultnrbilder sind keine Novellen und die Novelle „Melpomene" in den „Tragischen Novellen" — ich darf vielleicht an dieser Stelle gestehen, daß ich sie für meine beste Novelle halte — schildert nicht östliches, sondern Prager Judenleben. Uebrigens will ich nicht verschwören, daß ich auch noch östliche Ghetto-Novellen schreibe. Zunächst aber glaubte ich, meiner eigenen künstlerischen Entwickelung etwas Anderes, etwas Neues schuldig zu sein: einen Roman aus dem östlicheil Ghetto. Dieser Roman liegt hier vor. Der Plan dazu ist sehr alt, über zwanzig Jahre. Aber ich zögerte immer wieder, ihn anszuführen. Ich fühlte mich aus verschiedenen Gründen noch nicht reif dazu. Endlich glaubte ich nicht länger zögern zu sollen. Denn bin ich hellte noch nicht reif dazu, so werd' ich's schloerlich je werden. Warum ich so lange zögerte? Erstlich deshalb, weil es sich eben uni einen Roman handelt, während ich bisher aus diesem Stoffkreis nur Novellen geschrieben. Das ist aber nicht blos bezüglich des äußeren Umfangs, sondern auch bezüglich des inneren Wesens der Arbeit ein Unterschied. Die Novelle schildert einen eng begrenzten, und zwar nicht blos durch den Raum, sondern auch durch das Problem begrenzten Ausschnitt aus einem bestimmten Leben; der Roman aber soll, sofern er diesen Namen verdient, ein Spiegelbild dieses gesammten bestimmten Lebens sein. Wer einen Ausschnitt schildert, braucht nur diesen zu kennen, zu einem Gesammtbild gehört Beherrschung des gesammten zu schildernden Lebens in seinen sämmtlichen oder doch wichtigsten Beziehungen. Ich zögerte, bis ich mir sagen konnte, daß ich genug vom äußeren und inneren Leben des Judenthums wüßte, um an dieses Werk schreiten zu können. Oder mit einem Worte: ich wollte die jüdische Volksseele tiefer, als bisher, ergründen lernen. Ich sagte schon: ich fühle mich auch heute noch nach dieser Richtung nicht so weit, als ich sein möchte. Aber viel weiter werde