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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-06-15 · Heft 24 (15.6.1894) · p. Seite 281

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 24 (15.6.1894)
Date
1894-06-15
Page
Seite 281 (sequence 5)
Language
German
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---■^rr.y^T’f'rr^rr^-x j - -*«4o?wf v-«~fiv» v-y >’5«t *=**!/-i- 281 Judenthum schädlichen Handlungsweise hingerissen hat, ist sicher dem einzelnen antisemitischen Abgeordneten Kaiser, den er mit der Peitsche bedrohte, nichts« gefährlich geworden, als Deckert, der mit frevler Kaltblütigkeit seine Lügenattentate beging, dem ganzen jüdischen Stamme in Oesterreich. Dennoch hätte der Herr Justizminister schon am Tage liach der Peitschenaffaire ein erschöpfendes Material dem hohen Hause vorzulegen, indem er zugleich versicherte, daß sich die Regierung die Ueberwachung der streng gesetzmäßigen Führung dieser Strafsache angelegen sei» lasten werde. Und wie streng wurde sie geführt! „Gefährliche Drohung" hieß es anfangs. Das war nicht genug. „Erpreffung" wurde bald daraus — und schon heute begann der Prozeß gegen Pollitzer, der ihm eines leichtsinnigen, halb verrückten Streiches wegen eine entehrende Kerkerstrafe einzutragen droht. Das ist das gleiche Maß, mit dem die Koalitionsregierung mißt, — und das man auch in der Saatenmarktsangelegenheit zu beobachten neuestens wieder Gelegenheit hatte. Wie Ihren Lesern wohl erinnerlich sein wird, haben seinerzeit die landtäglichen Antisemiten die Institution des Internationalen Saatenmarktes, der seit mehr als zwanzig Jahren von der „Börse für landwirthschaftliche Produkte" in Wien jährlich im August veranstaltet wird, ungemein heftig angegriffen und die zu demselben kommenden Gäste in unfläthiger antisemitischer Weise beleidigt. Damals wurde es schon übel vermerkt, daß die Regierung, die Nützlichkeit des Saatenmarktes für die Volkswirthschaft betonend, die Aufrechterhaltung dieser Einrichtung wünschte, aber in keiner Weise die Sicherheit und Unversehrtheit der Gäste gegenüber antisemitischen Unbilden garantirte. Jetzt hat die Börsenkammer in einer Plenarversammlung beschloste», in diesem Jahre „von der Veranstaltung des internationalen Getreide- und Saatenmarktes mit Rücksicht auf die am 30. Januar l. I. im niederösterreichsschen Landtage stattgehabten Beschimpfungen der Saatenmarktgäste und die bis zuni Verlangen der Beraubung derselben erfolgten Aufreizungen" abzusehen. Maßgebend sei für diese Entscheidung die Erwägung, „daß keine Bürgschaft dafür besteht, daß zur Zeit der Abhaltung des Saatenmarktes nicht in einer öffentlichen Körperschaft eine ebenso gehässige, die auswärtigen Besucher des Saatenmarktes beschimpfende Debatte, wie die im niederösterreichischen Landtage stattgefundene, hervorgerufen und veröffentlicht wird und dann zu befürchten wäre, daß die Fremden bei einem Theile dtr durch derartige Reden aufgereizten Bevölkerung nicht jene gastfreundliche Aufnahme finde», an welche sie bisher in Wien gewöhnt waren." Bezeichnend ist nun, daß der bei dieser Beschlußfassung anwesende Regierungs-Börsenkommissär kein Wort sprach. Die Regierung will also, obwohl sie von der Nützlichkeit des Saatenniarktes überzeugt ist, denn doch lieber die heimliche Liebe der Antisemiten nicht verlieren. Von ihr gilt, was unser eingangs citirter Gewährsmann blos von der liberalen Partei behauptet. Sie „bezahlt den Preis für ihre Regierungsfähigkeit, indem sie die Juden ihrem Schicksale überläßt." Oder wie sagte doch der als warmer Freund der Gleichberechtigung bekannte Baron Leitenberger in der letzten Vollversammlung des Wiener „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus". Er konstatirte, „daß die Haltung der Regierung jenes warmen Wohlwollens entbehre, welches wir erwarten zu können volle Berechtigung hatten", und sprach es kurz und bündig aus, daß „wir von der Regierung nichts zu erwarten haben". Ja, so ist es! Die Judenfreunde und die Juden selbst haben von der Koalitionsregierung nichts zu erwarten, als höchstens— Uebelwollen. Denn das haben sie schon zu kosten bekommen. Viennensis. Protokoll der am 13. Mai 1894 in Me; a. d. Lahn stattgrhakten Versammlung des Vereins der israel. Lehrer Nassaus. dem herrlich gelegenen und schönen Städtchen Diez a. d. Lahn tagte am 13. Mai o. e. der Verein der israelitischen Lehrer Nassaus. Von den circa 37 Kollegen unseres Negierungs-Bezirks waren bedauerlicher Weise nur 18 anwesend. Die Herren Dr. Dr. Silberstein- Wiesbaden und Landau-Weilberg, die Ehrenpräsidenten unseres Vereins, Kreisvorsteher Leopold Rosenthal, wie auch der Waisenvater H. Kadden aus Diez erfreuten uns durch ihre Gegenwart. Auf der Tagesordnung standen: 1. Begrüßung der Anwesenden und Neuwahl eines Vorstandsmitgliedes. ,, 2. Der Unterricht in der Religionsschule nach dem Grundsätze des kleinsten Kraftmaßes; Referent: Herr Dr. Landau-Weilburg. 3. Probelektion in der biblischen Geschichte nach Herbart'scher Methode; Referent: Frank-Idstein. 4. Revision'der Statuten. 5. Gründung eines deutsch-israelitischen Lehrerbundes; Referent: Lomnitz-Diez. 6. Vereinsangelegenheiten. Der Vorsitzende, Herr S. Lomnitz-Diez, eröffnete die Versammlung um 10^2 Uhr. In einer längeren, schwungvollen, zu Herzen gehenden Ansprache begrüßte er die Anwesenden und hob unter Anderem hervor, daß wir bedauerlicher Weise den Verlust unseres nach Groß-Steinheim (Hessen) übergesiedelten, rührigen Stellvertreters des Vorstandes, Herrn Ph. Falkenstein, zu beklagen hätten. Nachdem der Vorsitzende seine allseitig beifällig aufgenommene Anrede mir einem auf Seine Kaiserl. Königl. Majestät ausgebrachten Hoch, in welches Alle kräftig einstimmten, geschlossen, gab er Herrn Dr. Landau das Wort zu seinem Vortrage: „Der Unterricht in der Religionsschule nach dem Grundsätze des kleinsten Kraftmaßes." Diese Arbeit verdient, wenn sie auch eine rege Debatte hervorrief, als eine in jeder Beziehung hervorragende Leistung bezeichnet zu werden. Der ungefähr eine Stunde andauernde Vortrag war dreifach gegliedert: 1. Anwendung des kleinsten Kraftmaßes beim Unterricht in der hebräischen Sprache: Lesen, Uebersetzen und Grammatik. Der Vortragende begründete seine Forderung, daß äußerste Korrektheit bei der Erlernung der hebräischen Sprache unerläßliche Bedingung sei, in so evidenter Weise, daß die seitens des Herrn Lomnitz dagegen gemachten Einwände für hinfällig erachtet werden mußten. Herr Lomnitz vertrat nämlich die Ansicht, daß es besser sei, auf der untersten Stufe das Lesen schnell, aber ohne grammatische Regeln zu lehren, als auf den Unterricht desselben den größten Theil der Zeit zu verwenden; da nämlich die Eltern der Kinder, welche das richtige Lesen in der Regel ja doch nicht zu würdigen wüßten, dem geläufigen, beim Beten in der Synagoge zur Anwendung gelangenden Lesen den Vorzug geben. Hiergegen machten die Herren Dr. Silberstein-Wiesbaden und W. Frank-Westerburg mit Nachdruck geltend, daß wenig und gut besser sei als viel und schlecht. — Herr W. Frank' hob noch besonders hervor, daß in Betreff des Religionsunterrichtes in Nassau den Eltern der Kinder kein Urtheil über die Leistungen der Religionsschule zustehe, da dieses allein Sache der Schulinspektion sei. Schließlich wurde folgende, von Herrn Dr. Silberstein formulirte These: „Korrektes Lesen ist mit dem Beginn des Leseunterrichtes anzustreben", zum Gesetz erhoben. 2. Was nun das Uebersetzen anbelangt, so ist dieses auf Grund des korrekt erlernten Lesens, verbunden mit Einprägung der wichtigsten grammatischen Regeln durch alle Klassen zu handhaben und auch hier gilt wieder der leitende Grundsatz: „besser wenig und gründlich als viel und oberflächlich." Daher wurde auch einstimmig die These angenommen: „Der Uebersetzungsstoff ist in korrektester Weise zu behandeln und mit grammatikalischen Uebungen zu verbinden." 3. Die Ausführungen des Herrn Referenten auf dem Gebiete der biblischen Geschichte gipfelten in der Forderung, daß mit Zuhilfenahme einer guten Karte von Palästina ebenso viel Werth auf die Namen- und Sacherklärung, als auf die Hervorhebung der in der Bibel so zahllos vorhandenen ethischen Momente Rücksicht zu nehmen sei. Nach einer kurzen Debatte wurde nachstehende These fast einstimmig angenommen:

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