Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1894)
- Date
- 1894-06-15
- Page
- Seite 280 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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280 durchbrochene religiöse Praxis sich in denkender Betrachtung gewissermaßen wieder zu gewinnen und zu ersetzen. Von starkem und bewunderungswürdigem Charakter war sie in Ertragung von Leid und Ungemach, wovon diese so mannigfach bevorzugte Frau durchaus nicht verschont blieb. Stark war sie Hs! de» kleinen und groben Sorgen, die Haus und Familie allenthalbe» heimsuchen. Da war sie wie eine eherne Säule inmitten ihres Hauses, eine Bcratherin und Stütze ihres Gatten, ein Weib nach dem Herzen Gottes, eine „Gehilfin ihm zur Seite". Und als übet ihn die schweren körperlichen Leiden kamen, denen er am Ende erlag, so gab es für sie nur einen Gedanken und eine Beschäftigung, die sorgsamste, selbstgeübte Pflege und Wartung, Zerstreuung und Ermuthigung des Kranken. Nach schmerzlicher Trauer um den heimrgegangenen Genossen ihrer Jugend fand sie sich gottergeben in die veränderte Gestaltung ihrer Häuslichkeit und versuchte, den Faden geistigen Lebens, der ihren Händen nahezu entfallen war, muthig und kraftvoll wieder aufzunehmen. Doch nicht gar zu lange währte die Ruhe, dauerte der Friede, den sie ihrer Seele mit Selbstbeherrschung und Selbstüberwindung nach schwerer Zeit wieder errungen hatte. Manche Erlebnisse und Vorgänge bekümmerten sie tief und konnten bei aller Güte nur schwer und langsam überwunden werden. Am härtesten traf sie die schwere Erkrankung und die jahrelangen hoffnungslosen Leiden ihres Lieblingssohnes K a r i, der an Geist und Gemüth ihr am nächsten gekommen war. Nur ihrer Seelengröße und ihrer wunderbaren Elastizität war es zuzuschreiben, daß sie über diesen Schmerz unversehrt langsam hinwegkam. Mit eigener Kraft schaffte sie sich Trost und Sammlung, indem sie die Sorge für die Erziehung der dann auch mutterlosen Waisen auf sich nahm. Schließlich war sie genöthigt, sich auf den ältesten der Enkel zu beschränken, de» sie in ihr Haus «ahm. Die Aufgaben der Erziehung halfen zu neuem Lebensmuth und schienen ihre Kräfte zu verjüngen. Da rückte die Zeit höheren Alters heran, die Siebzig waren längst überschritten und die Widerstandsfähigkeit der gesund angelegten Natur nahte ihrem Ende. Den nun eintretenden Zustand war sie nicht gewohnt, sie, die dazu geschaffen schien, stets nur um Andere zu sorge», voll Hingebung Anderen. ihren Beistand zu gewähren. Als sie selbst die Leiden des Alters immer drückender empfand und selbst sich der Hilfe bedürftig fühlte, schien der so lange bewährte Lebensmuth von ihr zu weichen und die Zeit gekommen zu sein, da die gewohnte Ruhe und Klarheit sie völlig zu verlaffen und einem jähen Ende entgegenzuführen schien. Aber plötzlich und unerwartet trat, wie durch ein Wunder, eine erfreuliche Besserung ein. Wiederum war sie eine Freude Allen, die sie sahen, durch die wieder gewonnene weise Ruhe ihres Wesens, die lichte Klarheit ihres hochbegabten Geistes. Leider dauerten ihre körperlichen Beschwerden fort und steigerten ihre Altersschwäche immer mehr. Der letzte Sieg ihrer einst so blühenden Lebenskraft konnte von langer Dauer nicht sein. Es ging zu Ende. Völlig erschöpft schloß sie ihre klaren Augen für immer und ward sie dem irdischen Dasein entrückt. So endete ein edles, theures, verdienstvolles Leben, veredelt durch mannigfache glänzende Tugenden, reich an liebevollem Wirken und Schaffen, verklärt durch echte Gottesfurcht und Menschenliebe. Unser Auge wird schmerzlich ihren Anblick vermissen, unser Ohr ihre weisen, sinnigen Worte nicht mehr vernehmen, aber in unserem Geiste wird sie fortleben, ihr herrliches Bild uns lebensvoll vorschweben, unser Herz sie verehren und lieben bis an unser eigenes Lebensende. Im Zeichen der Koalition. ui. Wien, 6. Juni. s giebt ein jüdisches Sprichwort, welches besagt, daß man nie um einen befferen Herrn beten möge. Ergänzt wird dasselbe durch ein anderes, das da lautet: Etwas Besseres kommt selten nach. Von. der Wahrheit dieser Sprichwörter muß sich jetzt die österreichische Judenheit mir allzu gut überzeugen. „Die Juden haben" — sagt ein hervorragender Wiener Jude in einer Zuschrift an die „Oesterr. Wochenschrift" — „das Ministerium Taaffe 15 Jahre erbittert bekämpft und der liberalen Partei in ihrer schweren Lage unentwegt Helotendienste geleistet. Nun ist die Koalitionsregierung etablirt, wir empfangen unfern Lohn. Ich war ein treuer Anhänger der „liberalen Partei", darum auch erfreut, als die „paradoxale" Koalitionsmajorität zusammengeleimt worden, nun zeigt es sich leider, daß wir — die „Geleimten" sind." Solches Erkenntniß ist jetzt allgemein, und nach den neuesten Vorkommnissen konnte sich wohl Niemand mehr derselben verschließen. Es wird immer klarer. Hat uns die vorige Regierung mit Ruthen gezüchtigt, so thut es die gegenwärtige mit Skorpionen. Die Konnivenz gegenüber den Antisemiten wird immer unverhüllter, augenfälliger. Am besten war dies an der Art zu merken, wie die Regierung die beiden Ihren Lesern ja schon bekannten Affairen Deckert und Pollitzer behandelte. Der Pfarrer Deckert predigt an acht Tagen in der Weinhauser Kirche in der aufreizendsten, verleumderischesten Weise gegen die Juden. Er setzt sie als Stamm und Religion dem Hohne und der Verachtung seiner Zuhörer aus. Nach der ersten Predigt hätten die folgenden sieben, oder doch nach der zweiten die folgenden sechs, oder doch wenigstens nach der siebenten hätte die achte verboten werden müssen, — wenn der Regierung etwas an der Beobachtung des Staatsgrundgesetzes, ja sogar mancher Strafgesetzparagraphen gelegen wäre. Doch man ließ den Herrn Pfarrer gewähren. Nicht genug an dem. Zwei liberale Abgeordnete — es sind bezeichnenderweise solche, welche in Wien unter großer jüdischer Assistenz gewählt sind — interpelliren im Reichsrathe in Angelegenheit des Pfarrers Deckert. Diese Interpellation verschlägt offenbar der Regierung die Rede, denn erst nach langem, mehrwöchentlichem Schweigen findet sie die Sprache wieder. Und was sagt dann der Herr Ministerpräsident Windisch g rä tz? Die Predigten hätten „zu einem behördlichen Einschreiten einen Anlaß nicht geboten". Zuletzt spricht der Herr Ministerpräsident das Bedauern der Regierung über die von Deckert angeschlagenen „Töne leidenschaftlicher Unduldsamkeit" aus. Dieses platonische Bedauern, für das man sich sicherlich nichts kaufen kann, soll wohl für die Indolenz, das Augenschließcn, für die Langmuth der Regierung gegenüber den Antisemiten entschädigen. Die arnie Regierung, die sich an die Kirche wenden muß! Als ob sie allein so ganz und gar nichts thun könnte. Selbst der „Neuen freien Presse" — der hartnäckigsten Anhängerin der Koalition — steigen Bedenken auf, welche sie sich nicht zu äußern scheut. Ausdrücklich konstatirt sie, daß in der Jnterpellationsbeantwortung der Regierung „fortwährend ein verlegenes Ausweichen zu bemerken" sei. Und nun halte man dem Falle Deckert den Fall Pollitzer gegenüber. Da ist von einer Verlegenheit nichts zu bemerken. Die Regierung zeigt eine Promptheit des Entschlusses, eine Entschiedenheit, eine Willfährigkeit in der Verfolgung des „Verbrechers" Pollitzer, wie man sie ähnlich der Koalition gar nicht zugetraut hätte. Pollitzer, ein Mann von aufgeregtem Temperamente, den dieses zu einer unüberlegten und tadelnswerthen, wohl am meisten dem